Die Stellung der Revolution 1848/49 in der deutschen Geschichte

Erhebung für den Fortschritt

Marco Gaetano

175 Jahre sind vergangen, seit im Februar 1848 das „Kommunistische Manifest“ erschien. Einen Monat später brannten in Deutschland Barrikaden. Das Volk machte sich daran, die feudale Herrschaft der Herzöge, Fürsten und Könige zu zerschlagen. Zwar erlitt die Revolution eine Niederlage, aber das Jahr 1848 nimmt seitdem einen bedeutenden Platz im Traditionsverständnis der revolutionären Arbeiterbewegung ein. Um die Ereignisse der Jahre 1848/49 zu verstehen, ist es nötig, einen Blick auf die Zustände zu werfen, aus denen heraus die Revolution entstand.

In Frankreich hatte die bürgerliche Revolution im Jahr 1789 die feudalen Verhältnisse zerstört. In weiten Teilen Deutschlands konnte sich indes das reaktionäre System des Feudalabsolutismus – basierend auf dem Großgrundbesitz lag die politische Macht in den Händen des Adels – bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts halten. Deutschland war zersplittert in über 30 souveräne Einzelstaaten – Fürstentümer, Königreiche und Freie Städte. 1815 schufen die Fürsten und Könige mit dem Deutschen Bund ein Staatengebilde, das ihre Macht gegen innere und äußere Feinde sichern sollte. Preußen und Österreich waren die beiden mächtigsten Staaten des Deutschen Bundes.

Auch ökonomisch war Deutschland rückständig. Anfang des 19. Jahrhunderts war in den meisten deutschen Staaten die Leibeigenschaft abgeschafft worden. Die Bauern hatten Pacht für die Nutzung des Bodens zu zahlen. Über dieses Pachtsystem blieben sie an ihre alten Grundherren gebunden. Zudem verlagerte sich das wirtschaftliche Risiko auf die Bauern, da sie ihre Erzeugnisse selbst verkaufen mussten, die Grundbesitzer aber einen festen Geldbetrag verlangten.

Vormärz

Der Ackerbau behielt in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine überragende Bedeutung: Es wurden große Mengen an Korn, Wolle und Vieh exportiert, während in Frankreich und Britannien die Ausfuhr von Industrieerzeugnissen dominierte. Die industrielle Entwicklung ließ sich allerdings nicht aufhalten. Ab etwa 1830 ging die Bedeutung der Landwirtschaft zurück und damit zusehends auch die Macht des Adels. Der mit der Französischen Revolution 1789 eingeleitete Untergang des Feudalismus in Europa klopfte in Deutschland an die Tür. Welthandel, maschinelle Großproduktion und freie Konkurrenz begannen sich mehr und mehr auszudehnen. Damit entwickelte sich die Klasse der industriellen Kapitalisten. Die deutsche Bourgeoisie war laut Friedrich Engels „bei weitem nicht so reich und konzentriert“ wie die britische oder französische. Dennoch wuchs ihre ökonomische Macht mit Beginn der industriellen Revolution merklich. Ihre wirtschaftlichen Interessen ließen sich nicht länger mit der politischen Alleinherrschaft des Adels vereinbaren.

In der Periode 1815 bis 1840 gab es mehrere Phasen, in denen es zu antifeudalen Unruhen, Volksversammlungen und Ähnlichem kam – ein Höhepunkt der bürgerlichen Opposition war das Volksfest auf dem Hambacher Schloss vom 27. Mai bis zum 1. Juni 1832. Das „Hauptziel der fortschrittlichen Bewegungen in der Zeit nach dem Jahre 1815“, schrieb der marxistische Historiker Joachim Streisand, bestand darin, „den Deutschen Bund zu beseitigen und an die Stelle dieses Staatenbundes einen wirklichen deutschen Nationalstaat zu setzen“. Die Bourgeoisie wurde zur dominierenden Kraft der antifeudalen Bewegung, an der außerdem noch Kleinbürger, Arbeiter, Handwerker, Bauern und Landarbeiter teilnahmen.

Erste Klassenschlacht

Seit Anfang der 1830er Jahre wuchs die Zahl der Lohnarbeiter, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung blieb sie allerdings noch gering. Ein kleiner Teil von ihnen arbeitete in den entstehenden Fabriken, der Großteil waren proletarisierte Handwerksgesellen, häusliche Manufakturarbeiter oder Tagelöhner. Die unzufriedenen Arbeiter standen vorläufig noch hinter der liberalen Opposition, aber sie wussten bereits, dass – so Engels – „das Programm der konstitutionellen Bourgeoisie nicht alles enthielt, was sie brauchten“. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit trat schon deutlich zutage, während die politische Herrschaft noch in den Händen der Reaktion lag – in den Worten von Karl Marx: „Der Kampf zwischen den ‚Untertanen‘ ist ausgebrochen, ehe noch Fürsten und Adel zum Land hinausgejagt sind.“

Ab Mitte der 1840er Jahre verschlechterte sich die Lebenslage der Volksmassen massiv. Der Aufstand der schlesischen Weber 1844 war, wie es in der „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ heißt, „die erste Klassenschlacht des deutschen Proletariats“. In diesem Jahr kam es zu mehr Streiks als im gesamten vorausgegangenen Jahrzehnt. Engels sah es deshalb als Beginn der „aktiven Bewegung“ des Proletariats. Im „Hungerjahr“ 1847 kam es zu „Brotkrawallen“: Das Volk eignete sich gewaltsam Lebensmittel an. Eine gesamtnationale Krise war herangereift.

Revolution

Im Februar 1848 wurde in Frankreich König Louis-Philippe I. gestürzt. „Deutschland wird hoffentlich folgen. Jetzt oder nie wird es sich aus seiner Erniedrigung emporraffen. Wenn die Deutschen einige Energie, einigen Stolz, einigen Mut besitzen, so können wir in vier Wochen auch rufen: Es lebe die deutsche Republik!“, schrieb Engels am 27. Februar 1848. Die auf die Februarrevolution folgenden Erhebungen im Deutschen Bund äußerten sich zunächst in voneinander isolierten Revolten. Sie begannen in Baden, Württemberg und Hessen.

Doch damit die bürgerliche Revolution erfolgreich sein konnte, mussten die beiden stärksten Bollwerke der deutschen Reaktion, Preußen und Österreich, überwunden werden. In Wien kam es am 13. März zu einem Volksaufstand, der den Sturz des reaktionären Staatskanzlers Fürst Klemens von Metternich zur Folge hatte. In Berlin gab es seit Anfang März fast täglich Volksversammlungen. Am selben Tag wie in Wien kam es zu einer gewaltsamen Konfrontation zwischen Volk und Militär: Soldaten hatten eine Kundgebung angegriffen und Teilnehmer erschossen. Am 18. März bewaffnete sich das Volk – in Berlin wurden fast 1.000 Barrikaden errichtet. Gegen 15 Uhr erhielten die preußischen Truppen den Befehl, den Aufstand niederzuschlagen. Es folgte eine 16-stündige blutige Barrikadenschlacht. Zwar waren nur 3.000 bis 4.000 Aufständische direkt an den Kämpfen beteiligt, sie wurden aber durch Zehntausende im Hintergrund unterstützt. Am 19. März war der Aufstand erfolgreich: König Friedrich Wilhelm IV. gab den Befehl, das Militär aus der Stadt abzuziehen. Auf Seiten der Barrikadenkämpfer gab es mehr als 230 Tote zu beklagen – die meisten Proletarier. Die Arbeiterklasse hatte die Hauptlast des Kampfes getragen.

Treibende Kraft

Ein Erfolg der Märzkämpfe war die Erringung demokratischer Rechte wie die Aufhebung der Zensur und die Koalitionsfreiheit. Infolgedessen kehrten die deutschen Kommunisten, unter ihnen auch Marx und Engels, aus dem Exil zurück. Sie riefen die Arbeiter dazu auf, sich am Kampf um die bürgerliche Demokratie zu beteiligen. Die „Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland“ wurden unters Volk gebracht. Die erste lautete: „Deutschland wird unteilbare einheitliche Republik“. Die Kommunisten betonten, es sei nach den Märzereignissen nun die dringlichste Aufgabe, die demokratischen Errungenschaften zu verteidigen und die bürgerliche Revolution konsequent zu Ende zu führen: „Die Arbeiter (…) können und müssen die bürgerliche Revolution als eine Bedingung der Arbeiterrevolution mitnehmen. Sie können sie aber keinen Augenblick als ihren Endzweck betrachten.“ In diesem Sinne bereiteten sie die Werktätigen auf den folgenden direkten Kampf gegen die Bourgeoisie vor und betonten die unversöhnlichen Klassengegensätze. Sie wandten sich auch gegen irrige Auffassungen wie die der demokratischen Kleinbürger, die für ein föderatives Deutschland eintraten, oder die der „wahren Sozialisten“, die eine sofortige „sozialistische“ Revolution propagierten. Im Rahmen der erkämpften demokratischen Freiheiten konnte von Juni 1848 bis Mai 1849 mit der „Neuen Rheinischen Zeitung“ (NRZ) die erste deutsche Zeitung erscheinen, die für die „Emanzipation der arbeitenden Klasse“ schrieb. Zudem konnte das deutsche Proletariat erste selbstständige Arbeiterorganisationen bilden.

Zaudernde Bourgeoisie

Um seine Macht zu erhalten, war Friedrich Wilhelm IV. zu Zugeständnissen bereit. Er bildete eine Regierung mit sieben Ministern, in der der Ministerpräsident und zwei weitere Minister der Großbourgeoisie angehörten. Kurz darauf wurde eine Verfassunggebende Versammlung einberufen. Zur gleichen Zeit nahm die Frankfurter Nationalversammlung ihre Arbeit auf. In ihr hatte die Bourgeoisie die Mehrheit – kein einziger Abgeordneter war Arbeiter. Sie „schloss aus Furcht vor dem Volk, das heißt vor den Arbeitern und der demokratischen Bürgerschaft, ein Schutz- und Trutzbündnis mit der Reaktion“, schrieb die „NRZ“. Die „unmittelbare Herrschaft“ ging nicht in die Hände des Volkes über, „die Revolution war nicht vollendet“. Mit der „Provisorischen Zentralgewalt“ war die erste gesamtdeutsche Regierung geschaffen worden. Statt dieses Mittel zu nutzen, um die Revolution voranzutreiben, blieb die Frankfurter Nationalversammlung weit hinter den Erfordernissen der Zeit zurück und wiegte sich in „konstitutionellen Träumereien“, statt „revolutionär-aktive“ Versammlung zu sein. Sie versäumte es, den Einzelregierungen der Staaten des Deutschen Bundes „diktatorisch entgegenzutreten“ und sich als tatsächliche „Zentralgewalt“ zu konstituieren. Lenin bezeichnete die Versammlung später als „Schwatzbude“, da sie „keine realen Maßnahmen zur Beseitigung der Machtinstitutionen, die die Freiheiten vernichteten“, ergriff. Die Adelsherrschaft wurde so nur vorübergehend zurückgedrängt, aber nicht beseitigt.

Konterrevolution

Im schützenden Schatten der Bourgeoisie sammelte die Reaktion ihre Kräfte. In der „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ wird eingeschätzt, dass die Bourgeoisie „ihre egoistischen Klasseninteressen höher stellt(e) als die Interessen der Nation“. Die Erkenntnis, dass es die Arbeiterklasse ist, die „in ihrem Kampf zugleich die Interessen der ganzen Gesellschaft und damit der Nation vertritt“, bestätigte sich hier zum ersten Mal in der deutschen Geschichte. Das Proletariat „erwies sich als konsequentester Verfechter der nationalen Lebensinteressen des deutschen Volkes“.

Im Sommer 1848 wurde die proletarische Pariser Junirevolution niedergeschlagen, einige Monate später erlitt der Wiener Oktoberaufstand eine Niederlage. Im November folgte ein Staatsstreich in Preußen, die Bourgeoisie wurde aus der Regierung vertrieben. Die Reaktion drängte die Revolution bis Ende 1848 in den meisten deutschen Staaten zurück. Die Frankfurter Nationalversammlung war eines ihrer letzten Überbleibsel. Sie beschloss Ende März 1849 mit der „Verfassung des deutschen Reiches“ die erste deutsche Verfassung. Den Vorstellungen der Bourgeoisie entsprechend, wurde eine konstitutionelle Monarchie unter Führung Preußens vorgeschlagen. Diese „Paulskirchenverfassung“ blieb weit hinter den Forderungen der Demokraten und Kommunisten zurück, enthielt aber einige demokratische Elemente. Sie wurde von den kleinen deutschen Staaten angenommen, das preußische Königshaus und große Staaten wie die Königreiche Bayern und Hannover lehnten sie hingegen ab. Eine Delegation der Nationalversammlung fuhr daraufhin nach Berlin, um Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anzutragen und ihn damit zur Annahme der Reichsverfassung zu bewegen. Dieser sah keine Notwendigkeit zu einem Kompromiss mit der Bourgeoisie und lehnte, wie es in der „NRZ“ hieß, mit einem „definitiven Fußtritt“ ab. Das Volk erhob sich im Mai 1849 zum Kampf für die Verfassung – vergeblich: Die „Reichsverfassungskampagne“ wurde zwei Monate später niedergeworfen.

Was bleibt

Trotz ihrer Niederlage gehört die Revolution von 1848/49 – so der schon oben zitierte marxistische Historiker Streisand – zu den „bedeutendsten fortschrittlichen Ereignissen in der deutschen Geschichte“. Die Erinnerung daran ist Teil des Kampfes um die nationale Frage. Es gilt nach Georgi Dimitroff, den „gegenwärtigen Kampf mit den revolutionären Traditionen des (eigenen) Volkes in der Vergangenheit zu verknüpfen“ und den nationalen Nihilismus zurückzuweisen. Denn heute wie damals ist es, wie Engels schrieb, die Arbeiterklasse, die „die richtig verstandenen, wahren Interessen der gesamten Nation“ vertritt. In diesem Sinne ist die Pflege der Erinnerung an die Revolution Teil der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung.

Für die marxistische Theorie hatte die Revolution große Bedeutung: Einer der führenden Historiker der DDR, Walter Schmidt, schrieb: „(I)n der Revolution von 1848/49 erlebte die wissenschaftliche Theorie der Arbeiterklasse ihre Feuertaufe in der revolutionären Praxis. (…) Die Revolution bildete einen zentralen Punkt im gesamten praktisch-politischen Wirken von Marx und Engels. Die Erfahrungen und Erkenntnisse, die die Revolution vermittelte, galten ihnen fortan gleichsam als Maßstab bei der Beurteilung späterer revolutionärer Ereignisse und Prozesse.“ So machten Marx und Engels „auch bei der Pflege der 48er-Traditionen den Anfang. Mit ihren Schriften zur Auswertung der Revolution von 1848/49 legten sie zugleich den Grundstein der marxistischen Revolutionsgeschichtsschreibung.“

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"Erhebung für den Fortschritt", UZ vom 17. März 2023



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