Die Frauenbewegung in Deutschland und der Erste Weltkrieg

Frauen im Krieg – Frauen gegen Krieg

Im Kampf um ein größeres Stück des Kuchens trieb der deutsche Imperialismus die Menschheit in den Ersten Weltkrieg. „Zu spät gekommen“ im Streben nach Einflusssphären und Rohstoffquellen, blieb dem deutschen Monopolkapital nichts anderes übrig, als eine militärische Neuaufteilung der Welt zu versuchen, um das Wachstum seiner Profite zu sichern.

Schon in den ersten Kriegsmonaten 1914 wurde der allumfassende Charakter imperialistischer Kriege deutlich: Die gesamte Gesellschaft muss für die Kriegsziele der Minderheit mobilisiert werden. Mit Hilfe des Militarismus werden Menschen und Wirtschaft aus- und zugerichtet. Die werktätige Bevölkerung stirbt auf dem Schlachtfeld für fremde Inte­ressen, schuftet in der Rüstungsindustrie unter härtesten Bedingungen für fremde Profite, hungert und wird moralisch verdorben. Der Widerstand dagegen blieb nicht aus. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Frauen der Arbeiterklasse.

Die Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten im August 1914 zerstörte jede Friedenshoffnung. Der Verrat der meisten Parteien der II. Internationale und ihr Wechsel ins Lager des Imperialismus verwirrten die Arbeiterklasse und lähmten ihren Widerstand. Die Parteilinken und Friedenskräfte mussten sich reorganisieren. Unter ihnen war Clara Zetkin, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs noch als Chefredakteurin der SPD-Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ über Charakter und Ursachen des Krieges aufklären konnte. Sie forderte die Mütter der Welt zu einer antimilitaristischen Erziehung ihrer Kinder auf: „Wenn wir von frühester Jugend an das Gefühl, das Bewusstsein der sozialistischen Brüderlichkeit in ihre Seelen pflanzen, so wird die Zeit kommen, wo auch in der Stunde schwerster Gefahr keine Macht der Welt mehr imstande ist, dieses Ideal aus den Herzen zu reißen.“

Kriegswichtig

Der Kampf der proletarischen Frauen für den Frieden gewann gerade vor dem Hintergrund ihrer zunehmenden Einbeziehung in die Erwerbsarbeit, vor allem auch im industriellen Bereich, an Bedeutung. In den ersten Kriegsjahren waren Betriebsstilllegungen und damit eine erhöhte Arbeitslosigkeit auch unter Frauen an der Tagesordnung. Die weitgehende Lahmlegung des Güterverkehrs durch die Mobilmachung und die Rohstoffverknappung durch die britische Blockade sorgten für Probleme. Mit der Umstellung auf Kriegsproduktion nahm die Frauenerwerbstätigkeit allerdings rasant zu. Denn die Männer, die an die Front gezwungen wurden, mussten in den Fabriken ersetzt werden. Zum Vergleich: 1913 waren 10,8 Millionen Frauen erwerbstätig. 1918 waren es 16 Millionen oder drei Viertel der erwerbsfähigen Frauen. Die Zusammensetzung der Industriearbeiterschaft veränderte sich, besonders in den typischen Männerberufen. So standen Frauen zu Kriegsende alle Positionen bei der Eisenbahn offen – einzige Ausnahme blieb der Lokomotivführer. Ähnlich war es im städtischen Verkehrswesen und bei der Post. Trotz der notwendigen Einbeziehung blieb die Diskriminierung: Frauen erhielten einen geringeren Lohn und verloren im Falle von Betriebsstilllegungen zuerst ihre Arbeit.

Die erhöhte Erwerbstätigkeit von Frauen war keineswegs ausschließlich eine freiwillige Angelegenheit. Vor allem nicht unter den Bedingungen der Aussetzung jeglicher Arbeitsrechte mit 12-Stunden-Tagen, Doppelschichten direkt hintereinander und monatelang aufeinanderfolgenden Nachtschichten. Die Frauen wurden mehr oder weniger direkt zur Arbeitsaufnahme gezwungen. Zum Beispiel mittels eines Erlasses aus dem Jahr 1917, der es den Ämtern ermöglichte, Soldatenfrauen die staatliche Unterstützung zu streichen, wenn sie eine Arbeitsaufnahme verweigerten.

Proletarische Frauenbewegung

Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Frauen stieg von knapp 181.000 (1916) auf 418.000 im Jahr 1918. Der gegenüber der Vorkriegszeit absolut und relativ höhere Organisationsgrad der Frauen in den Gewerkschaften wurde von den Gewerkschaftsführungen aber nicht genutzt. Denn die Gewerkschaften verzichteten während des gesamten Ersten Weltkriegs auf Streiks. In dem Maße, wie die Arbeits- und Lebensbedingungen miserabler und der Krieg aussichtsloser wurden, wuchs allerdings der Druck. Ausdruck davon ist die hohe Beteiligung der Arbeiterinnen, vor allem auch der Gewerkschafterinnen, an selbstorganisierten Streiks und Protesten. Seit 1917 wurden die Forderungen nach Frieden, Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Lebensmittelversorgung, der Freilassung politischer Gefangener und der Einführung demokratischer Verhältnisse in der werktätigen Bevölkerung immer lauter. Was die Frauen zum Protest trieb, war die Not in der Familie, war ihre Arbeitssituation, waren Sorge um Söhne und Männer an der Front, war ihr Zorn auf die da oben. Hunderttausende Arbeiter – unter ihnen viele Arbeiterinnen – traten 1917 an verschiedenen Orten in den Ausstand. Über eine Million waren es allein im Januar 1918.

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Hungern für den Krieg: Öffentliche Essensausgabe einer warmen Mahlzeit in Berlin, da es zu Hause am Nötigsten fehlt. (Foto: gemeinfrei)

Im Verlauf des Krieges kam es in Deutschland nicht nur zu Streiks und Demonstrationen, sondern auch zu sogenannten Lebensmittelunruhen. Eine Million Menschen verhungerten in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Einige Aktionen gegen den Hunger waren hervorragend organisiert, so die im Februar 1917 in Hamburg-Wilhelmsburg: Da marschierten Hunderte von männlichen Arbeitern in einem disziplinierten Zug zum Rathaus, wählten eine Delegation, übermittelten dem Stadtrat ihr Anliegen und zerstreuten sich wieder. Damit war die Polizei abgelenkt. Währenddessen plünderten von Kindern begleitete Frauen insgesamt elf Lebensmittelgeschäfte und Bäckereien.

Bürgerliche Frauenbewegung

Seit jeher gab es in Deutschland nicht nur die proletarische Frauenbewegung, sondern immer auch eine bürgerliche Frauenbewegung. Im Angesicht des Krieges zerbrach sie entlang der Klassenfrage: Die bürgerliche Frauenrechtlerin Helene Lange schrieb 1914: „Wenn die Frage heißt: Krieg oder Stillstand deutscher Entwicklung? Tod oder Knebelung deutschen Lebens? So lautet die Antwort der deutschen Frau ohne Besinnen: Krieg und Tod!“ und weiter: „Der Heimatdienst ist die Übersetzung des Wortes Frauenbewegung in Kriegszeiten.“ Im Rahmen des Heimatdienstes wurde außer der Organisation von Arbeitsvermittlung, Kriegsfürsorge und Lebensmittelversorgung viel ideologische Arbeit geleistet. Es wurden Flugblätter, Broschüren und Bücher über die Aufgabe der Frauen im Krieg verfasst: von der richtigen vaterländischen Erziehung bis hin zur effizienten Haushaltsführung in der Kriegswirtschaft.

Daneben erhofften sich Teile der bürgerlichen Frauenbewegung Anerkennung und Frauenrechte zu verdienen. Der Krieg böte die Möglichkeit, durch die Übernahme von Pflichten die Gleichwertigkeit von Frauen unter Beweis zu stellen. Das passte zum Charakter der bürgerlichen Frauenbewegung, der es nur um formale Gleichstellung von Frauen und Männern ging, nicht um die umfassende Durchsetzung sozialer und demokratischer Rechte für die Mehrheit der Frauen, die eben Teil der Arbeiterklasse waren und sind.

Nebenbei: Gegen all jene, die der Auffassung waren und sind, die politischen Rechte für Frauen nach dem Ersten Weltkrieg seien der Dank des Vaterlandes für das Engagement der bürgerlichen Frauenbewegung gewesen, sei die bürgerliche Frauenrechtlerin Agnes von Zahn-Harnack zitiert: „Wenige Monate nach dem Ersten Weltkrieg gab die Novemberrevolution den Frauen das volle Wahlrecht.“

Es gab in der bürgerlichen Frauenbewegung aber auch einen radikaleren – eher kleinbürgerlich geprägten –, pazifistisch ausgerichteten Teil. Die Pazifistinnen forderten Frieden ohne Annexionen und die Demokratisierung der Gesellschaft. Sie versprachen sich von der Teilhabe der Frauen an politischer Verantwortung und gesellschaftlicher Gestaltung viel für die Vermeidung von Kriegen. Obwohl Lida Gustava Heymann – als eine der Pazifistinnen – die Auffassung von typisch weiblichen und typisch männlichen Eigenschaften ablehnte, machte sie eine Ausnahme: „Aber in einem unterscheidet sich die Frau vom Manne: in ihrer Empfindung dem zu schaffenden Leben gegenüber. Das Weib, Urquell alles Lebens, bewertet die Mühen, Leben zu schaffen, ganz anders als der Mann und so werden die Frauen nur weil sie Frauen sind zum stärksten Förderer des Pazifismus.“ Die Zustimmung vieler Frauen zum Kriegseintritt erklärten sie auf der Basis einer Geschlechterpsychologie mit der Wesensversklavung der Frau in Männerstaaten. Damit verschleiern die Pazifistinnen den Klassencharakter von Kriegen und riskieren eine Spaltung zwischen Frauen und Männern im Friedenskampf. Dennoch leisteten sie Aufklärungsarbeit gegen den Krieg und organisierten Protest. Damit wurden zum Bündnispartner der proletarischen Frauen- wie Friedensbewegung.

Fazit und Ausblick

Die Lage der Frauen der Arbeiterklasse ist eng verbunden mit der Lage der Arbeiterklasse insgesamt. Die Frauen in der Arbeiterklasse können ihre Inte­ressen nur als Teil von Kämpfen der gesamten Arbeiterklasse gemeinsam durchsetzen. Dabei gibt es trotz alledem Besonderheiten in der Lage der Frauen der Arbeiterklasse, die in den Kämpfen entsprechend Berücksichtigung finden müssen.

Das gilt auch heute in der Organisierung des Kampfes gegen die Kriegsertüchtigung der deutschen Bevölkerung, wenn es gelingen soll auch möglichst große Teile der weiblichen Bevölkerung in den Kampf um den Frieden einzubeziehen. Die Aufrüstung und die Kriegsertüchtigung Deutschlands gehen mit massiven Angriffen auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der werktätigen Bevölkerung insgesamt einher. Frauen sind aus unterschiedlichen Gründen in besonderem Maße betroffen:
1. Der Frauenanteil im öffentlichen Dienst ist besonders hoch. Gerade hier soll aber zugunsten der Aufrüstung gespart werden.
2. Sparmaßnahmen im öffentlichen Dienst treffen Frauen nicht nur als Beschäftigte, sondern auch als Mütter, die immer noch in hohem Maße für die Kinder zuständig sind. Schon jetzt fehlen in Deutschland 400.000 Kita-Plätze. Das wird sich weiter verschärfen.
3. Der soziale Kahlschlag im Rahmen der Zeitenwende trifft Frauen auch dann, wenn sie auf Schutz vor Gewalt angewiesen sind. In Deutschland fehlen knapp 15.000 Frauenhausplätze. Die, die es gibt, müssen auch von Geringverdienerinnen selbst (mit-)bezahlt werden.
4. Aufgrund von geringerer Bezahlung und häufiger Teilzeitarbeit sind Frauen überdurchschnittlich von Armut betroffen. Hinzu kommt, dass der Großteil der Alleinerziehenden weiblich ist. Entsprechend hart treffen Frauen die infolge von Rekordprofiten und Wirtschaftskrieg extrem steigenden Preise der letzten Jahre.

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    "Frauen im Krieg – Frauen gegen Krieg", UZ vom 6. März 2026



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