Über den Zustand des deutschen Fußballsports im Lichte des deutschen Militarismus

Fußball, Chaos, Kapital

Raphael Molter

Beißender Sonnenschein durchbricht die Wolkendecke und macht die Massen an Fußballfans sichtbar, die sich am Leipziger Richard-Wagner-Platz die Beine krummstehen. Tausende Fans und Ultras – besonders leidenschaftliche und gut organisierte Kurvengänger – protestieren gegen repressive Maßnahmen der bürgerlichen Innenpolitik. Über Bundesländer hinweg hat die Innenministerkonferenz (IMK) Befürchtungen geschürt, dass bei ihrem turnusmäßigen Treffen in der ersten Dezemberwoche des vergangenen Jahres personalisierte Eintrittskarten, Überwachungssoftware und eine zentralisierte Stadionverbotskommission zur Debatte stehen.

Nach geleakten Informationen aus der Bund-Länder-offenen Arbeitsgruppe (BLOAG) „Fußball ohne Gewalt“ entbrannte der Widerstand vonseiten der Fans. Binnen einer Woche formierte sich unter Führung des Ultra-eigenen Zusammenschlusses „Fanszenen Deutschlands“ die Idee einer bundesweiten Demonstration; die Länderspielpause um den 15./16. November machte es möglich. So schlossen sich über 50 Fanszenen für einen Aufmarsch zusammen, der so zuletzt vor 15 Jahren zu sehen war. Auch diesmal war das einende Moment der „Erhalt der Fankultur“. An der Spitze liefen Fan-Vertreter unter dem Motto „Der Fußball ist sicher! Schluss mit Populismus – Ja zur Fankultur!“. Dahinter tauchte ein Vereinsblock nach dem anderen auf. Allein die Aufstellung der gesamten Demo verzögerte sich um eine knappe Stunde. 20.000 Fans erschienen auf den Straßen der Leipziger Innenstadt.

Bei den Ursachen des IMK-Angriffs auf die Fankultur war man sich jedoch uneins. Die Fans vom VfB Stuttgart forderten die Vereine auf, sich für ihre Fans zu wehren; andere Szenen verschworen sich gegen das Mittel des Populismus in der Politik; wieder andere sahen die Fußballverbände als Wurzel des drohenden Übels. So geriert der aktive Widerstand bei konkreten Angriffen auf die eigene Lebensweise zur Frage: Gegen wen oder was ging man da eigentlich auf die Straße?

Die zentralisierte Stadionverbotskommission

Dafür ist ein Blick auf die Ergebnisse der Innenministerkonferenz unabdinglich, weil sich Ablauf und Entwicklung der Konfliktlinien rund um die zentrale Idee der BLOAG gruppierten: die Einführung einer zentralisierten Stadionverbotskommission. Die erst im letzten Jahr gebildete Arbeitsgruppe hatte den Auftrag, die Innenpolitik der Länder und des Bundes mit den beiden Fußballverbänden DFB und DFL zu verschränken. Auf Grundlage der so erarbeiteten Sachstandsberichte beschloss die IMK die Einführung einer solchen Kommission und präsentiert sich damit auch den Fußballfans als zentrales Steuerungsinstrument der bürgerlichen Demokratie, um autoritäre Ordnungspolitik auf den Kontext Sport zu übersetzen. Das Ziel? Eben ein „Fußball ohne Gewalt“, bei dem es sich die bürgerliche Politik zur Aufgabe macht, die „wenigen Störer mit hoher Gewaltbereitschaft“ als „Gefahr für die friedliche Fankultur“ auszuschließen.

Der Hamburger Innensenator Andy Grote (SPD) sah die Notwendigkeit einer „Einheitlichkeit“ und „Verbindlichkeit“. Im Klartext: Dass Stadionverbotskommissionen auf lokaler Ebene entscheiden, ob Menschen von ihrem Hobby ausgesperrt werden dürfen, ist für die Innenminister zu viel politischer Freiraum. Entsprechend rühmt man sich, dass beim DFB nun die „Einrichtung einer Zentralen Stadionverbotskommission“ ansteht, um „der konsequenten, bundesweit vereinheitlichten Durchsetzung der Stadionverbotsrichtlinien“ näher zu kommen. Dass dieses politische Eindringen in die verbandliche Autonomie des DFB und damit des Sports noch von juristischer Stelle beanstandet wird, darf bezweifelt werden. Der Europäische Gerichtshof hatte vor wenigen Jahren in einem Grundsatzurteil zur Autonomie der Fußballverbände festgehalten, dass die von liberaler Seite oft beschworene und im Grundgesetz verankerte „Autonomie des Sports“ ohnehin nur die Organisation der Wettbewerbe betrifft. Dass damit erweiterten staatlichen Eingriffen ins Fußball-Alltagsgeschäft Tür und Tor geöffnet wurde, war erwartbar.

Wirksame Proteste

Für die organisierten Fußballfans bedeutet dieser Vorgang vor allem eins: der Kampf ist nicht zu Ende. Denn die IMK-Proteste sorgten auch dafür, dass beide Verbände in einem Statement auf die Seite ihrer Anhänger rückten. Zwar widerspricht man der Darstellung nicht, wonach gewalttätige Fans die Fankultur bedrohen würden. Andererseits stellt man sich gegen „kollektiv wirkende behördliche Maßnahmen“ und scheint damit aus den Fanprotesten der vergangenen Jahre gelernt zu haben oder zumindest willens zu sein, die Wirksamkeit solcher Proteste anzuerkennen.

Entsprechend ist der Kampf um die zentralisierte Stadionverbotskommission nun erst eröffnet. Fanpolitischer Druck auf den eigenen Verband kann als Hebel zur reellen Abschwächung dieser Instanz genutzt werden. Wenn die politischen Reibungspunkte mit einer Mehrheit an Fans als zu eskalativ eingeschätzt werden, versaut es den Verbänden nicht nur ihr Geschäft (man denke an die gescheiterte Ligainvestorensuche der DFL), sondern verringert auch deren Inte­resse an einer funktionierenden Stadionverbotskommission im eigenen Laden. Je stärker die Proteste nach der IMK-Sitzung vom Dezember 2025 ausfallen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus dieser Instanz eine symbolische Stelle ohne viel Wirkmacht wird.

Doch die Ursachen für solcherlei repressiven Wahn der Regierungsparteien sind damit nicht geklärt. Woher rührt dieses politische Inte­resse an einer geordneten, kontrollierten Fankultur hierzulande? Das von der Fanbewegung angeführte Argument bezog sich auf den Populismus, der aber nicht zur inhaltlichen Bestimmung beiträgt. Populismus ist erst mal nur eine bestimmte politische Praxis, die durch Bündelung von Unzufriedenheit und Empörung funktioniert. Law-&-Order-Politiker gerieren sich als Vertreter eines fairen und gewaltfreien Stadionerlebnisses. Aber für welchen Zweck?

Politik entscheidet im Kontext Fußball oftmals nicht sachbezogen, so auch in diesem Fall nicht. Die Statistiken der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze sprechen für die Saison 2024/25 von rund 25 Millionen Stadiongängern in den obersten drei Ligen des Herrenfußballs. Rund 100 beeinträchtigte Fans durch Pyrotechnik gab es, Polizeieinsätze im Kontext Fußball hatten mehr Verletzte zur Folge. Das ist auch der Grund, weshalb sich der Frust über den Populismus auf der Demo so Bahn brach. Für viele Fans ist nicht nachvollziehbar, wie sich der politische Angriff legitimiert. So bietet es sich an, fußballbezogene Politik nicht durch die Linse des Sports verstehen zu wollen, sondern das Pferd andersherum aufzuzäumen: Politik greift im Fußball entlang einer allgemeinen politischen Entwicklungstendenz ein, also nach der sogenannten Großwetterlage. Was beschäftigt denn die Bundespolitik seit einigen Jahren und zieht sich folglich durch sämtliche politische Felder? Was meinte der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), als er nach dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs von einer „Zeitenwende“ sprach? Die BRD soll sich – so ein Imperativ, der alle bürgerlich orientierten Parteien verbindet – zu einer „wehrhaften Demokratie“ transformieren. Gegen die angebliche Gefahr des russischen Iwans wie zur Überwindung der aktuellen Wirtschafts(wachstums)krise.

Formierung und Fankultur

Fußball ist als wichtigste Massenkultur dafür ein nicht zu unterschätzendes symbolisches Terrain; eine Bühne, auf der sich nicht nur Unternehmen für Imageaufwertung und Steigerung ihres Markenwerts inszenieren, sondern auch politische Botschaften ihre Verbreitung finden. Sei es mit den Peace-Zeichen, die in mehrere Mittelkreise deutscher Profivereine gefräst wurden, nachdem der Ukraine-Krieg ausbrach, oder einfach als internationale Bühne des demokratischen Nationalismus deutscher Machart, wie ihn Angela Merkel ab dem Heim-WM-„Sommermärchen“ 2006 zu nutzen wusste.

Aufrüstung und der Arbeits- und Sozialrechteabbau finden ihre ideologische Rechtfertigung nicht nur in den Diskursen der öffentlichen Meinungsbildung, sondern auch in konkreten politischen Maßnahmen, die die Militarisierung nach innen hin absichern sollen. Allen voran steht da natürlich die Wehrpflicht bereit, mit der eine erneute Rekrutierungswelle an soldatischer Verfügungsmasse organisiert sowie die gesellschaftliche Offenheit für das massenhafte Sterben für den „eigenen“ Staat überprüft wird. Allgemeiner gesprochen erleben wir aktuell die zweite Bundesregierung in Folge, die die eigene Bevölkerung auf neue Kriege einschwört und den permanenten Ausnahmezustand herbeiredet, um Folgsamkeit und Disziplinierung auch der widerspenstigen Elemente dieser Gesellschaft herbeizuführen. In dieser Großwetterlage gerät das Spiel mit dem runden Leder in den Fokus; Repressionsmaßnahmen geraten zum Testlauf allgemeiner Disziplinierung.

Ultras und aktive Fans sind nervig. Sie widersetzen sich staatlichen Vorstellungen, wie öffentliche Veranstaltungen umgesetzt werden sollen (Stichworte: Choreographien, Pyrotechnik und so weiter); sie beanspruchen „selbstbestimmte“ Räume wie die Kurven der Stadien; sie weisen einen – selbst von Linken kaum erreichten – hohen Organisations- und Autonomiegrad auf (Stichwort: Klandestinität und Organisierung tausender Fußballfans); sie laufen in ihrer Praxis vielen staatlich organisierten Integrationsangeboten den Rang ab und lassen sie nur zu eigenen Bedingungen an sich heran (Stichwort: Fanprojekte) oder bauen sie gleich selbst autonom auf (Stichwort: Fanhilfen und Jugendangebote).

Deshalb rückt der Raum Fußball in das innenpolitische Fadenkreuz, wenn mehrere Bundesregierungen Kredite in Billionenhöhe für Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit aufnehmen und gleichzeitig eine stagnierende Marktwirtschaft mit Sozialstaatsschleifung und Bekämpfung von Arbeitnehmerrechten zum Laufen bekommen wollen. Zudem ist der Fußballsport für den demokratischen Staat ein Bereich, auf den er leichten Zugang hat. Mithilfe seiner Instrumente wie der IMK sind große Zugriffsräume vorhanden, die oberflächlich zunächst auf Einschränkungen und Selektion des Spielbesuchs abzielen. Der Spielbesuch als das, was Fankultur als Massenkultur immer noch maßgeblich ausmacht und von vielen Fans, weit über die Kurven hinaus, als Kern ihrer Leidenschaft, ergo ihrer freizeitlichen Lebensweise, verteidigt wird.

Alles unpolitisch?

Aber haben damit nicht doch all diejenigen recht, die Politik als externen Faktor im Fußball wahrnehmen und sich deshalb unpolitisch gerieren? Der politische Einfluss endet nicht mit der Zunahme von Repression gegen Fans, die staatliche Stellen als unpassend für die Fankultur definieren. Schon die oft benannte Kommerzialisierung des Profi-Sports ist eine Folge politischer Entscheidungen. Inwiefern? Ein Gedankenspiel offenbart die politische Strukturierung des unpolitischen Freizeitspaßes. Eigentlich garantiert die bürgerliche Rechtsordnung jedem von uns, dass wir durch unternehmerische Tätigkeit am Marktgeschehen teilnehmen dürfen. Nun gelten im Fußball aber Verfügungsrechte, die es ermöglichen, ein immaterielles Gut wie Fußball – das eigentlich niemandem gehören kann, weil es überall mit einfachsten Mitteln zu kreieren ist – mittels Eigentümerrechten zu verwalten und zu verwerten. In Zeiten, in denen die Kommerzialisierung im Fußball maßgeblich von den Einnahmen der TV-Rechte-Veräußerung geprägt ist, muss deshalb der Finger in die Wunde der verbandlichen Verwertung gelegt werden. Denn ohne politische Absicherung des Verbandsmonopols, also ohne eine Rechtsordnung, die solcherlei Eigentumsverhältnisse im Fußball herzustellen weiß, wäre die Kommerzialisierung nicht möglich. Bürgerliche Politik ist folglich latent im Fußball und bestimmt maßgeblich seine Entwicklung mit, indem es den marktwirtschaftlichen Zugang strukturiert und somit seine Verwertung organisiert.

Damit wäre auch ein Argument dafür gefunden, warum sich die Innenminister im Juni auf der nächsten Tagung der IMK ausgerechnet zu Pyrotechnik in Stadien beraten. Was unter dem Sicherheitsaspekt als „Einbringen von pyrotechnischen Gegenständen in Sportstätten“ formuliert wurde, ist ein weiterer politischer Angriff auf die Kurven und die Fanbewegung. Seit über einem Jahr stellen sich Ultras, Fanclubs und ganze Kurven im Verbund mit ihren Vereinen gegen die verbandliche Bestrafung, die die Nutzung pyrotechnischer Erzeugnisse aktuell nach sich zieht. Unter einer bundesweiten „Verbandsstrafen abschaffen“-Vernetzung formiert sich die deutsche Fanbewegung und scheint somit eine echte Gefahr darzustellen für das politische Ziel einer formierten Gesellschaft in Zeiten der Krise und des Krieges. Fußballfans treten also mit ihren akuten Konflikten – ob sie wollen oder nicht – in einen größeren gesellschaftlichen Kampf um Selbstbestimmung und Wahrheit ein. Was daraus wird, hängt auch von den revolutionären Kräften hierzulande ab …

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"Fußball, Chaos, Kapital", UZ vom 30. Januar 2026



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