Mit viel Geld in die falsche Richtung steuern

Geschäftsfeld Schule

Von Herbert Becker

Schon die letzte Regierungskoalition hatte sich unter dem Schlagwort „Digitalisierung“ alles Mögliche an Wünschen und Planungen aufgeschrieben. Umgesetzt wurde fast nichts, für den gesamten Bereich „Schule-Hochschule-Berufsbildung“ lag seit 2016 eine Regierungserklärung vor, seitdem sollten bereits Milliarden in konkreten Maßnahmen ausgegeben werden. Jetzt steht im neuen Koalitionspapier fast wörtlich der gleiche Text. Auf den geplanten „Digitalpakt Schule“ will die neue Große Koalition besonders stolz sein: Fünf Milliarden Euro sollen dafür sorgen, dass Deutschlands Schulen endlich im digitalen Zeitalter ankommen. Die nötige Begleitmusik liefern die üblichen Verdächtigen, also wie immer die Bertelsmann-Stiftung, die sogar meint, es gäbe einen Finanzierungsbedarf von 2,8 Milliarden Euro pro Jahr.

Die regierungseigene Expertenkommission „Forschung und Entwicklung“ (EFI) legt jetzt nach und behauptet, die fünf Milliarden – auch noch verteilt über fünf Jahre – wären viel zu wenig. Weitere Milliarden sollen nach dem Koalitionsvertrag Länder und Kommunen stemmen. „Wir sind jetzt schon digitaler Nachzügler, weil die Politik bisher viel zu langsam in der Umsetzung war. Die Digitalisierung – ganz breit gefasst – ist zur Achillesferse des Standorts Deutschland geworden.“ Deshalb müsse der Digitalpakt Schule dringend umgesetzt und „in der Haushaltsplanung bevorzugt berücksichtigt werden“, heißt es in dem Gutachten. Inhaltlich empfehlen die Innovationsforscher Vollgas von klein auf: Digitale Schlüsselkompetenzen sollten bereits in der Grundschule flächendeckend unterrichtet werden. Als Vorbild soll man sich an Großbritannien orientieren, wo das Fach Computing bereits ab der Grundschule auf dem Lehrplan steht. Unterstützt werde das neue Fach auf der Insel durch Firmen wie Google, die Bedarf an technisch ausgebildetem Nachwuchs haben. Zudem fördere die britische Luftwaffe programmierbare Lego-Roboter, die BBC verteilt an Schulen sogenannte Micro-Bit-Computer, finanziert von der Barclays Bank und Samsung.

Völlig unreflektiert werden solche Vorstellungen propagiert, mit den Erkenntnissen von Pädagogen und Bildungsforschern haben sie nichts gemein. Aus allen Langfrist-Studien wie z. B. PISA geht hervor, dass nicht die Aneignung von Fertigkeiten, das sture Anwenden von Partikularfähigkeiten und das Beherrschen von Multiple-Choice-Rastern tatsächliche Lernerfolge zeitigt, sondern Kompetenzen wie soziales Verständnis, Kommunikation und Empathie die jungen Menschen auszeichnen sollen. Gerade die Erfahrungen in den skandinavischen Ländern, die darauf großen Wert legen und Technologien als Lernen mit Werkzeugen verstehen, sollten im Vordergrund stehen.

Die Absichten des Regierungsprogramms sind natürlich an den Interessen der Hard- und Software-Produzenten orientiert, es wird über technische Ausstattungen geredet und über angeblich fehlende Lehrpläne nachgedacht. Es sollen dringend weit mehr Lehrer in Computerkunde aus- und weitergebildet werden. Weil das aber Jahre dauert, fordern die EFI und der Bertelsmann-Konzern, „kurzfristig müssen die Schulen auch die Türen öffnen können für kompetente und engagierte Quereinsteiger. Das kann ja auch in Teilzeit geschehen.“ Daneben müsse die Berufsschule endlich fit werden für die digitale Welt, es gehe nicht nur um neue Berufsbilder, es müssten „IT-Kenntnisse in jeder Berufsausbildung verankert werden“. „Potenziell problematisch“ sei allerdings die mangelnde Abstimmung mit den Betrieben: Nach einer Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) gaben lediglich knapp 15 Prozent der Azubis in IT-Berufen an, das, was sie an der Berufsschule lernten, passe gut zu den Anforderungen in ihren Betrieben. Gefordert sind schließlich auch die Hochschulen: Sie müssten über alle Disziplinen hinweg Programmierkompetenzen und Kenntnisse der Software- und Web-Entwicklung sowie Datenwissenschaften und Methoden des maschinellen Lernens vermitteln. Merkels Berater rufen Bund und Länder auf, hier die neuen Möglichkeiten des Grundgesetzartikels 91b aktiv zu nutzen, um in einer gemeinsamen Anstrengung geeignete Best-Practice-Ansätze umzusetzen. Soll heißen, das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern endlich aufzuheben und die Pläne für ÖPP und PPP in großem Stil zum alltäglichen Handeln zu machen.

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Über den Autor

Herbert Becker (Jahrgang 1949) hat sein ganzes Berufsleben in der Buchwirtschaft verbracht. Seit 2016 schreibt er für die UZ, seit 2017 ist es Redakteur für das Kulturressort.

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"Geschäftsfeld Schule", UZ vom 16. März 2018



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