Zur atomaren Aufrüstung der Bundeswehr

Griff nach der Bombe

Die Kräfte, die im zweiten Weltkrieg Europa und die halbe Welt in den Abgrund rissen, haben auch nach ihrer bedingungslosen Kapitulation in Karlshorst den Traum von einem neuen Anlauf zur Weltherrschaft nie aufgegeben. Ein solcher Plan ist unmöglich ohne den Besitz der Waffe, die sie schon vor 1945 schmieden wollten, dazu aber ökonomisch und technologisch zum Glück noch nicht in der Lage waren. Seit dem Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki träumen die reaktionärsten Kreise in Deutschland davon, eines Tages selbst mit einer solchen Bombe andere europäische Städte bedrohen und im Kriegsfall auslöschen zu können. Das ist ihnen durch ein ganzes Netz internationaler Verträge verwehrt – zuletzt durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag, der die Übernahme der DDR durch die BRD ermöglichte. In ihm hat der so entstandene Staat, in dem wir jetzt leben, hoch und heilig auf die Atombombe verzichtet.

Wie Wölfe am Zaun aber laufen die deutschen Militaristen an den vertraglichen Grenzen ihres Handelns entlang und suchen die Lücke. Keine noch so sehr an den Haaren herbeigezogene Begründung ist ihnen für den Vertragsbruch zu blöde. Am 17. Januar nutzte Berthold Köhler, einer der vier Mitherausgeber der „FAZ“, die Krise um Grönland für die Überschrift auf Seite 1 „Über die eigene Bombe nachdenken“. Selbst die Bindung an die Atombomben der USA möchte er abstreifen.

Seitdem ist kein Halten mehr. Die SPD versucht sich in der erbärmlichen Nummer, einerseits diesen Kräften gefällig zu sein, andererseits aber die bestehenden Verträge nicht öffentlich zu zerreißen. Ihr Vorsitzender Lars Klingbeil empfiehlt Gespräche mit Frankreich, um über diesen Umweg an die Waffe zu kommen. Köhler wischt das barsch beiseite: „Deren Arsenale sind … vergleichsweise klein, und niemand weiß, wie lange in Paris und London die Bereitschaft besteht, die atomaren Fittiche über den Deutschen auszubreiten.“

Sie wollen mit Macht die eigene Bombe. Das nun in der „FAZ“ öffentlich gemachte Argument gegen die „kleine“, von der SPD betriebene Lösung macht deutlich: Sie wollen nicht nur eine, nicht nur so viele Bomben wie sie Frankreich und Großbritannien haben, sondern eine mit den USA und Russland vergleichbare atomare Bewaffnung für Deutschland. Ist es Wahnsinn, so hat es doch Tradition – es ist die Tradition, die Deutschland bereits zweimal ins Verderben geführt hat. Ein drittes Mal werden die Nationen der Welt kein Nachsehen mehr haben mit einem Volk, das solchen Wahnsinnigen folgt.

Immerhin: In der SPD regt sich Widerstand. Am letzten Wochenende erschien in der „Berliner Zeitung“ ein längerer Artikel ihres Altkanzlers Gerhard Schröder, in dem er mit Berufung auf Willy Brandt und Helmut Schmidt die einfache Wahrheit formulierte: „Die Eskalation von militärischer Hochrüstung darf im Atomzeitalter nicht unser Weg sein.“ Die Partei, die er versucht, hinter dieser Einsicht zu versammeln, kämpft inzwischen bundesweit – auch dank des Kurses ihres jetzigen Vorsitzenden – gegen das Abrutschen auf einstellige Wahlergebnisse. In Sachsen-Anhalt droht das Scheitern an der Fünfprozenthürde.

Ob der Kurs in den Wahnsinn gestoppt werden kann, wird in den wenigen uns noch bleibenden Jahren vor allem in den Betrieben, den Schulen und Hochschulen entschieden werden – und davon ausstrahlend auf den Straßen dieses Landes. Dort muss die Kraft wachsen, um denen, die nach der Bombe greifen, die Hände zu brechen, bevor es ihnen gelingt, die Menschen dieses Landes wie eine Herde von Lemmingen zur Klippe zu locken.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Griff nach der Bombe", UZ vom 30. Januar 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Auto.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit