Das darf der Chinese nicht!

Hilflos, aber mit Agenda

Die Aufregung ist groß im US-amerikanischen Blätterwald und das Geraschel schafft es selbst in deutsche Medien. In China lästert man über die USA. Das ist doch unerhört!

Stein des Anstoßes: Videos über Armut in den USA. In sozialen Medien veröffentlichte ein aus China stammender Medizinstudent Videos über Obdachlosigkeit, Elend und Not in den USA. Seine Theorie: Es gibt in den USA eine „Kill Line“. Der der Computerspielewelt entnommene Terminus bezeichnet die Grenze, ab der der nächste Schlag für die Figur (Verletzung, Punkteverlust, dumme Entscheidung) zum Tod führt. Diese Grenze, so King Si Kui Qi in seinen Videos, gibt es auch in den USA – und zwar für reale Menschen. Denn bis zu einer bestimmten Einkommenshöhe befinden sich die US-Amerikaner mit den kaum vorhandenen Sozialsystemen ständig am Rande des Abgrunds. Eine Rettungswagenfahrt, eine Krankenhausrechnung – und schon kann das Haus weg sein, die Obdachlosigkeit droht. Nicht umsonst propagieren Instagram, YouTube und Co. gern das sorgenlose Leben der jungen Generation, die in umgebauten Bussen lebt und jeden Tag am neuen Ort aufwacht und arbeitet. Dass für viele die Unerschwinglichkeit von festen vier Wänden eine Rolle dabei spielt, mobil zu leben, wird ausgeblendet. Reiselust und Freiheit klingt doch viel toller.

Obdachlosigkeit (vielfach auch von Veteranen der US-Armee) und Drogensucht prägen das Bild in den US-Städten. Das nimmt das Establishment hin, ohne auch nur mit den Schultern zu zucken, auch der Rest der Gesellschaft hat sich daran gewöhnt. Aber dass der Chinese das dokumentiert und kritisiert, das geht nun wirklich nicht.

Das dachte sich auch „Die Zeit“ und schickte ihre Kolumnistin Franka Lu in die Spur. In ihrer Zeitungsserie „berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China“. Nur, viel Kritisches findet Lu nicht für ihren Artikel über die Kill-Line-Theorie. Also muss sie zugeben, dass es in den USA keine ausreichende Gesundheitsversorgung gibt oder Elite-Unis ein Vielfaches von denen in der Volksrepublik kosten – aber immerhin ist in den USA doch Demokratie!

Warum also kommen die Geschichten über Armut und Obdachlosigkeit in China so gut an, fragt sich die „Zeit“-Autorin. Inte­resse am Zustand der US-amerikanischen Gesellschaft kann und darf es natürlich nicht sein. Also stellt sie fest, dass an dem „verschärften Inte­resse“ an der Kill-Line-Theorie sicherlich der Wunsch steht, „den nationalen Selbstwert zu steigern. Hinter dem Feiern der Schwäche der anderen verbergen sich aber auch, kaum verschleiert, die eigenen Ängste.“ Lu behauptet eine düstere Zukunft für die junge Generation in China. Sie sei zwar die bestausgebildete Generation in der Geschichte des Landes, doch „ihre Zukunftsaussichten sind ungewiss“. Und diese behauptete Ungewissheit macht die jungen Leute noch irgendwie zu hämischen Menschen, zumindest in der Welt von Franca Lu und der „Zeit“. „Offenbar suchen sie Trost in der Vorstellung, dass es den Mittelschichten in den USA noch schlechter geht. Und so glauben sie gern an die Existenz einer Todeslinie, wie sie Ki Si Kai Qi so drastisch beschreibt.“

Hilfloser geht es nicht. Aber der Chinese hat nicht über die USA zu lästern oder auf Obdachlosigkeit und Lebenserwartung zu verweisen. Das kann man nämlich so schlecht widerlegen. Also muss man doch mal in der „Zeit“ feststellen, dass „die chinesischen Staatsmedien“ die Kill-Line-Theorie „rasch zu Propagandazwecken genutzt“ haben, „um die Verachtung der chinesischen Öffentlichkeit für das demokratische System und – am wichtigsten – den Glauben an die Überlegenheit des eigenen Modells der Einparteienherrschaft zu stärken“.

Dass die Autorin, die in ihrer Vorstellung ihr Pseudonym damit begründet, „ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen“, kein Wort dazu verliert, dass King Si Kui Qi die USA verlassen musste, da unter anderem sein Klarname enthüllt wurde, ist nur natürlich. Schließlich ist in den USA Demokratie und Wohlstand. Kann man zwar nicht beweisen, steht aber auf der Agenda.

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"Hilflos, aber mit Agenda", UZ vom 13. Februar 2026



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