Gelebte Solidarität: Während der Tarifrunde Öffentlicher Dienst der Länder besuchten Mitglieder des Essener Schulstreik-Komitees die streikenden Kollegen des Uniklinikums Essen – um von den Erwachsenen zu lernen. Am 5. März sprach Jonas Schwabedissen, Sprecher der ver.di-Vertrauensleute am Uniklinikum Essen, auf der Schulstreik-Demonstration in Essen. Schwabedissen zollte der Jugend Respekt für ihr Engagement. Wir dokumentieren seine Rede in voller Länge:
Liebe Schulstreikende,
ich wünsche euch einen wunderschönen guten Morgen und hoffe, euer Streik macht euch mindestens genauso gute Laune wie mir! Mein Name ist Jonas Schwabedissen, ich bin der Sprecher der ver.di-Vertrauensleute am Uniklinikum Essen. Vielen Dank, dass ich bei euch sprechen darf.
Als wir am Klinikum im Januar und Februar insgesamt zwölf Tage gestreikt haben, hatten wir mehrere Male Besuch von euch. Oktay aus dem Essener Streikkomitee hat zweimal sehr beeindruckend bei uns geredet. Manche von uns haben im Leben schon über hundert Tage Streikerfahrung gesammelt, aber dass ein so junger Mensch so viel Mut und so klare Worte findet, das haben wohl die wenigsten von uns schon erlebt. Heute stehe ich hier und darf selbst erleben, dass es hier in Essen hunderte Schüler wie Oktay gibt. In ganz Deutschland sind es heute wieder zehntausende in über 130 Städten. Das macht Mut.
Mut, den wir alle in den nächsten Jahren brauchen werden. Denn Oktay hat nicht nur erzählt, dass er von uns etwas lernen will und dass wir beim Streiken Seite an Seite stehen. Er hat auch deutlich gemacht, warum das nötig ist.
Denn auf uns als junge Leute, da zähle ich mich mit 28 noch so gerade mit dazu, wird permanent drauf getreten, genauso wie auf uns als berufstätige Leute. Ihr sollt bald wieder zum Wehrdienst eingezogen werden. Die Bundeswehr mault schon, dass es mit dem neuen Personal nicht schnell genug geht. Gleichzeitig verrotten teilweise eure Schulen, werden Freizeitangebote wegen angeblichem Mangel an Geld eingestampft, werden junge Leute von Politik und Medien als faule Nichtsnutze dargestellt, die einfach mal mehr Leistung bringen sollen. Das kennen wir als Gewerkschafter nur zu gut. Denn auch bei uns heißt es: Härter arbeiten, länger arbeiten, am besten für weniger Geld. Und auch bei uns geht es an Rechte und Gesetze, die vielleicht bald weggenommen werden sollen. Wer zum Beispiel in Deutschland krank ist, bekommt weiter Lohn. Das haben die Gewerkschaften vor vielen Jahren erkämpft. Wenn es nach der Bundesregierung geht, soll es das in Zukunft vielleicht nicht mehr geben.
Auch bei uns spielt das Militär, spielt die Aufrüstung eine Rolle. Die ganze Gesellschaft wird auf Krieg gepolt, auch die Krankenhäuser. Jahrzehntelang wurde das Gesundheitswesen in Deutschland mit Vollgas an die Wand gefahren. Jetzt sollen wir Teil der Kriegsinfrastruktur werden. In der Zukunft sollen Krankenhäuser eng mit der Bundeswehr zusammenarbeiten, sollen wir lernen, wie Kriegsmedizin funktioniert, sollen wir für den Ernstfall üben. Krankenhäuser sind aber keine Lazarette! Genau wie ihr haben wir kein Interesse an Krieg, wollen wir nicht für die Interessen anderer vor den Karren gespannt werden.
Denn die, die über Krieg und Frieden entscheiden, die uns erzählen wollen, dass Krieg alternativlos sei, die sitzen bequem im Bundestag oder zählen im Vorstand von Rheinmetall ihre Gewinne. An die Waffe sollt ihr, ins Lazarett sollen wir.
Deshalb bin ich heute bei euch, um eure Solidarität zu erwidern und zu zeigen: Auch die Gewerkschaften setzen sich gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht ein, stellen auch deshalb heute hier in Essen wieder ihre Räume nach dem Streik zur Verfügung. Wir können von euch außerdem etwas Wichtiges lernen. Denn eigentlich haben Schüler gar kein Streikrecht. Eigentlich ist es in Deutschland nicht erlaubt, für politische Forderungen zu streiken. Dabei wäre das in vielen Fragen dringend nötig! Ihr lasst euch davon aber nicht einschüchtern. Ihr streikt, und ihr streikt politisch. Davon sollten wir uns eine Scheibe abschneiden, wenn wir uns gegen die vielen Angriffe auf unsere Rechte, auf unsere Arbeits- und Lebensbedingungen erfolgreich wehren wollen. Und andersherum: Wer wie ihr bereit ist, sich zu wehren, sich nicht alles gefallen zu lassen, der ist in der Gewerkschaft genau richtig. In einigen Jahren werden viele von euch unsere Kollegen sein. Ich hoffe sehr, dass wir dann auch bei gewerkschaftlichen Streiks gemeinsam auf der Straße sein werden.
Aber gemeinsam streiken wir schon heute. Bei uns rufen wir im Streik oft und laut: „Heute ist kein Arbeitstag, heute ist Streiktag!“ Das funktioniert auch bei euch: Heute ist kein Schultag, heute ist …









