Im Verhältnis zur 1.500 Jahre alten Geschichte des Schachspiels ist die Rochade eine relativ neue Erfindung. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Doppelzug von Turm und König in der heutigen Form beschrieben. Es sollte noch bis zur Gründung des Weltschachverbandes FIDE im Jahr 1924 dauern, bis eine international einheitliche Rochade-Regel etabliert werden konnte. Spätestens seitdem ist klar: Der Zug darf nur einmal ausgeführt werden, und nur dann, wenn König und Turm vorher nicht bewegt worden sind.
Aber neue Regeln brauchen Zeit. Dass es schon einmal mehr als 100 Jahre dauern kann, bewies der ungarische Großmeister Benjamin Gledura zum Auftakt der diesjährigen Schacholympiade im usbekischen Sarmakand. Im Spiel gegen den 15-jährigen Malteser Matthew Portelli rochierte Gledura im 35. Zug, obwohl er seinen König zuvor schon zweimal bewegt hatte. Weder den Schiedsrichtern noch dem Gegner fiel der Regelverstoß auf. Die Schachwelt war um eine Debatte reicher: Kann ein Großmeister vergessen, dass er sein Rochaderecht verloren hat? Oder hatte der Ungar nur besonders kaltschnäuzig betrogen?
Mit rund 400 angemeldeten Mannschaften und fast 2.000 Spielerinnen und Spielern hatte die Olympiade in den vergangenen zwei Wochen unzählige kleine Geschichten und interessante Persönlichkeiten zu bieten, während sich die großen und kleinen Schachnationen im Seidenstraßen-Komplex von Samarkand maßen.
Fans aus der ganzen Welt verfolgten den Absturz der US-Mannschaft, die als Titelfavorit ins Rennen gegangen war, am Ende aber keine Medaille holte. Oder den bärenstarken Auftritt der Gastgeber aus Usbekistan, die gleich drei Mannschaften ins Rennen schicken durften und Dominanz bewiesen: Wenige Tage vor Schluss lagen sowohl die erste als auch die zweite usbekische Mannschaft noch auf Medaillenkurs. Am Ende gewann Usbekistan 1 die Goldmedaille des offenen Turniers, gefolgt von Indien und Deutschland auf den Plätzen zwei und drei. Im Frauen-Turnier landete China auf dem ersten Platz, Silber und Bronze gingen an Kasachstan und Indien.
Neben den Mannschaftsergebnissen sorgten auch herausragende Einzelleistungen für Spannung; etwa der atemberaubende Lauf der gerade einmal elf Jahre alten Bodhana Sivanandan, die die britische Mannschaft am ersten Brett vertrat. In elf Partien gegen Weltklassespielerinnen musste sich Sivanandan nur einmal geschlagen geben.
Mit großer Neugier war auch die Rückkehr des ehemaligen Weltmeisters Ding Liren auf die internationale Bühne erwartet worden. Nach der verlorenen Titelverteidigung im Jahr 2024 hatte sich der chinesische Großmeister zurückgezogen. Danach war lange offen gewesen, ob Ding, der seit Jahren mit psychischen Belastungen kämpft, noch einmal auf Weltspitzenniveau mithalten könnte. In Samarkand spielte Ding ein solides Turnier und gewann unter anderem gegen den deutschen Super-Großmeister Vincent Keymer, derzeit Nummer sechs der Weltrangliste.
Obwohl sich die deutsche Mannschaft den Chinesen geschlagen geben musste, erspielte sie mit neun Siegen das beste Ergebnis seit Jahrzehnten. Die letzte deutsche Medaille bei einer Schacholympiade war im Jahr 2000 errungen worden (Silber). Auf ihrem Weg zum dritten Platz schlugen Vincent Keymer, Matthias Blübaum, Alexander Donchenko sowie die Brüder Frederik und Rasmus Svane unter anderem die Favoriten aus den USA und die Top-Mannschaft aus Usbekistan. Frederik Svane gewann zudem eine Goldmedaille in der Einzelwertung. Leicht hinter den Erwartungen zurück blieben die deutschen Frauen, die sich nach einem eher durchwachsenen Turnier mit Platz 29 begnügen mussten.
Vollkommen durch Abwesenheit glänzte der frühere Weltmeister Magnus Carlsen. Der Schach-Millionär hatte schon seit Längerem durchsickern lassen, dass er kaum noch klassische Turniere spielen werde, sondern sich vor allem auf neue, kommerziell erfolgreichere Formate konzentrieren möchte. Ohne ihren Spitzenmann sah es düster aus für die norwegische Mannschaft, die auf Platz 54 landete.








