Die frühen 1980er Jahre. Charly P. lebt in der bayerischen Provinz (die erstaunlich nach Berlin Kreuzberg aussieht, bis auf die fehlende Mauer) und ist in der linken Szene aktiv. Auf dem Rückweg aus Rom, wo er Cannabis besorgt hat, dessen Verkauf den „Genossen im Untergrund“ zugute kommen soll, wird er von der Drogenfahndung hopsgenommen. Kurz darauf sitzt er dem Verfassungsschutz gegenüber – acht Jahre Haft oder Spitzeltätigkeit und eine schützende Hand über seinen Drogengeschäften. Für Charly ist es keine schwere Wahl und so laviert er sich durch das Leben, ohne relevante Informationen für seinen neuen Arbeitgeber zu haben, ohne näher aufzufallen mit mehr Geld, als er mit dem Dealen verdienen könnte; alles zwischen Versagen an der Kleinfamilie und pseudorevolutionärem Gelaber. Als der Verfassungsschutz endlich mal echte Informationen für sein Geld sehen will, sorgt Charly selber dafür, dass es ernst wird – und wird richtig zum Verräter …
Lisa Neun hat sich mit ihrem Comic „Der Traum ist aus, Charly P.“ eigentlich einem Thema gewidmet, das auf eine Aufarbeitung im künstlerischen Gewand wartet: Die (versuchte) Unterwanderung der linken Szene in Deutschland durch die Geheimdienste, die Erpressungen, mit denen dabei gearbeitet wird, die Frage, was jemanden dazu bringen kann, Genossen und Freunde zu verraten, ohne selbst an Leib und Leben bedroht zu sein. Eigentlich. Denn „Der Traum ist aus, Charly P.“ liefert vor allem eins: Plattitüden aus der untersten Schublade. Im Nachwort erklärt die Autorin selbst, dass sie es „tatsächlich geschafft“ habe, eine Geschichte mit Wendungen, Höhepunkten und „einem hoffentlich überraschenden, dramatischen Ende“ zu schreiben. (Spoiler: Geht so.) Sie wollte „irgendwas mit RAF-Sympathisanten, Klimaklebern und dem ewigen Generationskonflikt“ machen, gibt sie an – und rühmt ihre detaillierte Recherche, die sie in die Geschichte gesteckt hat, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt.
Geschrieben hat sie eine Geschichte über einen sexistischen Kleinkriminellen, der aus unerfindlichen Gründen in der linken Szene akzeptiert wird. Das soll nicht heißen, dass es nicht durchaus Probleme mit Gleichberechtigung unter Genossinnen und Genossen gegeben hat, dass nicht sogar bis heute noch so mancher Philisterzopf darauf wartet, abgeschnitten zu werden – aber was Lisa Neun in ihrem Comic veranstaltet, ist so schablonenhaft, dass es unfreiwillig komisch wirkt. Charly verbringt seine Zeit zu Beginn der Geschichte lieber in der Kneipe als zu Hause bei seiner Freundin und dem frisch geborenen Sohn. Dort fehlt das Geld, das er in der Kneipe für den Untergrund verspricht. Treu ist er auch nicht. So weit, so durchschnittlich im menschlichen Verhaltensspektrum. Aber dann wird es wild: Charly lästert über Freundin Elke in der linken Szene, lässt sich von ihr bedienen („Los, koch Kaffee“), nennt seinen inzwischen im Teenageralter angekommenen Sohn „verweichlicht“ und kommentiert von ihm gemachten Dreck in der Wohnung vor seinem Genossen mit den Worten, die Elke macht das weg, die „steht auf Putzen“. Dann schwängert er die sechzehnjährige Freundin seines gleichaltrigen Sohnes, die zum Drogenwrack wird, während Elke das Kind aufzieht. Schon allein die Szene, in der Charly die Freundin des Sohnes fünf Sekunden nach dem Kennenlernen anbaggert (und trotz der dämlichsten Sprüche unter der Sonne erfolgreich ist), lässt einen den Comic eigentlich für immer zuschlagen.
Lisa Neun hat einen überaus merkwürdigen Comic über ein unsympathisches Individuum geschrieben und über eine Linke, die sich kollektiv als Arschloch verhält. Fragt sich nur, warum.
Lisa Neun
Der Traum ist aus, Charly P.
Avant-Verlag, 209 Seiten, 25 Euro








