Schon wieder sind zwei Jahre vergangen, genug der tragikomischen Kolumnen von und über Karl gesammelt. Echte Geschichten aus dem echten Leben, mal hart, mal lustig, mal böse, und immer politisch, links selbstverständlich, was denn sonst?
Und immer wieder packt ihn der Mut. Karl Rehnagel ist durchaus erschütterbar durch die vielen kleinen und größeren Beschwernisse und Niederlagen seines Alltags, sie treffen ihn, aber er rappelt sich wieder auf und geht sein Leben an. Ermutigt durch die kleinen Siege, die er trotz alledem den widrigen Verhältnissen abringt. Und die Misserfolge annimmt und niederschreibt mit lapidarem Humor.
Das macht ihn zu einem von uns, zu einem von denen also, die mit einem Plastiklöffel im Mund geboren sind. Karls Leben geht uns an, weil seine Erlebnisse ähnlich denen sind, die uns selbst widerfahren, und da es ihm gelingt, sie in schnickschnackfreier, konzentrierter Sprache und mit Understatement zu erzählen, ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen Sollen und Sein, Wollen und Können scheinbar wie von selbst die Pointe.
Die Auftretenden finden sich so oder ähnlich im eigenen Umfeld, die Situationen und Herausforderungen, vor denen Karl steht, sind nicht im Ortlosen zuhause, man hat von Ähnlichem mindestens schon gehört, so oder ähnlich vielleicht sogar schon erlebt. Sei es beim Arztbesuch, auf der Demo oder bei dem verzweifelten – und natürlich scheiternden – Versuch, im Fitnesscenter seinen Mann zu stehen.
Das Personal von Karls Berichten aus dem Leben ist übersichtlich. Die gute A. taucht bisweilen auf, bleibt aber schemenhaft. Andere sind nur T. oder A. oder O. Einstweilen füllt der Karls Lakonismus noch weiter treibende, höchst pragmatische Gartenbro die Lücke. Dessen große Gestalt mit der grauen Punkfrisur, sein bloßes Da-Sein, hat Karl schon öfter vor Sanktionen bewahrt, die er sich mit seinem vorschnellen Mundwerk sonst eingehandelt hätte. Da trifft es sich, dass die beiden nicht nur als eher glücklose Schrebergärtner und Billardspieler, sondern auch durch einen stabilen, im Freiland gewachsenen Antifaschismus und Antikapitalismus verbunden sind.
Das dritte Bändchen mit den Kolumnen von der UZ-Seite 16 knüpft nahtlos an Band 2 „Karl Rehnagel – Von Kreidetafeln und anderen Tieren“ an. Wir erfahren daraus, dass Karl stur an seiner Überzeugung festhält, dass die Welt, wo sie falsch oder schlecht eingerichtet ist, auch veränderbar sei, und dass man sich darum mühen muss. Häufig vergebens? Na sicher. Trotzdem humorvoll? Auf jeden Fall! Und natürlich (im wahrsten Sinne): Die Zipperlein werden mehr, sogar ernstere Erkrankungen liegen nicht mehr hinter dem Horizont der Möglichkeiten. Fußball findet nur noch vor der Glotze statt, Boule ist kein vollwertiger Ersatz, zumal ihm das Image des Alteleutesports anhaftet. Halt das, was uns allen irgendwann blüht oder schon längst geschehen ist.
Der Ruhrpottphilosoph und Wortliebhaber („Isso!“) verkündet, dieses dritte sei nun wirklich das letzte der Bändchen mit dem Rotkehlchen auf dem Umschlag. Wir aber wissen: Ein Dogmatiker ist er nicht, der Entschluss muss kein endgültiger sein. Wir wünschen ihm alles Gute und hoffen, dass er es sich anders überlegt.
Möge die Boulekugel, die er erhoben hat, ihm niemals auf die eigenen Füße fallen.
Karl Rehnagel
Dry
Von Amthoren, Milka-Kühen und blöden Listen
UZ-Edition 2026, 90 Seiten, A5, 6 Euro
Erhältlich unter: uzshop.de







