Indien wehrt sich gegen „ökonomischen Rassismus“

Kolumne von Wiljo Heinen

Wiljo Heinen

Wiljo Heinen

Die indische Regulierungsbehörde TRAI (Telecom Regulatory Authority of India) hat dem „freien Internet“ des US-Werberiesen Facebook einen Riegel vorgeschoben.

Die Interessen des Konzerns waren offensichtlich, denn die Aufmerksamkeit seiner Nutzer ist die Ware, mit der Facebook handelt, und in Indien sind noch gut eine Milliarde Menschen anzuschließen. War es nicht dennoch eine Chance, die Internetnutzung in diesem Land anzukurbeln?

Unter dem Namen „Free Basics“ konnten Kunden eines Mobilfunkbetreibers etwa 30 ausgewählte Internetseiten aufrufen, ohne dass die Daten in Rechnung gestellt wurden – darunter natürlich Facebook und Bing (Microsoft), auch Wikipedia. Der Aufruf anderer Seiten musste bezahlt werden. „Poor internet for poor people“ („Ärmliches Internet für arme Menschen“) nannte dies ein indischer Kommentator und „ökonomischen Rassismus“. Es ist Heuchelei, den Armen angeblich Internet zu geben, genau wissend, dass sie es sich nicht leisten können, andere als die von Facebook ausgesuchten Seiten zu lesen.

Ein Leserkommentar in der „Times of India“ entlarvt die frommen Reden des Konzernchefs und macht griffig, was „Netzneutralität“ (die Gleichbehandlung aller Daten) meint: „Hey Mark Zuckerberg“, heißt es dort, „wenn du wirklich so edle Ziele hast, gib uns doch einfach 500 MB kostenlosen Datenverkehr.“

Indische Aktivisten sprechen von einer Million E-mails, die die TRAI während der Anhörung erhielt. Nun hat sie sich – eindeutiger als die EU! – für Netzneutralität entschieden. Der Erlass vom 8. Februar bedeutet das Ende für „Free Basics“. Die Begründung ist lesenswert. Neben Grundsätzlichem zur Netzneutralität wird analysiert, was „Internet á la Facebook“ mittelfristig für ein Entwicklungsland bedeutet: „Eine preisliche Bevorzugung führt zur Bevorzugung bestimmter Dienste durch den Benutzer. … In einer Nation wie Indien, die anstrebt den Massen Internetzugang zu verschaffen, könnte dies zu schwerwiegender Verzerrung der Konsumentenwahl und der Art, wie Benutzer das Internet wahrnehmen, führen.“ Die Einschränkung bewirkt Gewöhnung, in der „Internet“ zu „Facebook“ wird – ein Konzern bestimmt die Wahrnehmung der Welt.

Indien wird die Internet-Entwicklung ohne Facebooks Danaergeschenk weitertreiben. Marc Andreessen, Erfinder von Mozilla und Facebook-Aktionär, kommentierte über Twitter: „Antikolonialismus war jahrzehntelang eine wirtschaftliche Katastrophe für die Inder.“ In seiner Arroganz hat er die Begründung der TRAI gut verstanden.

Noch sind es 38 Länder, die Facebook mit „internet.org“ beglückt – und Google tummelt sich in Afrika.

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"Indien wehrt sich gegen „ökonomischen Rassismus“", UZ vom 19. Februar 2016



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