Konsequent gegen den Krieg

Christoph Hentschel im Gespräch mit Gerhard Bialas

Und Fackeln verbrannten die Nacht.

Und Trümmer vergruben das Glück.

Vorwärts Freunde! Auf Friedenswacht!

Kriegsweihnacht verfluchte, kehr nie zurück!

Gerhard Bialas, Lebensfülle – Gedichte aus sieben Jahrzehnten, 2014

Gerhard Bialas war über 30 Jahre Gemeinde- und Kreisrat in Tübingen. Dafür erhielt er am Anfang des Jahres die Hölderlin-Plakette der Stadt Tübingen. Die UZ befragte ihn über die Anfänge eines langen, kämpferischen Lebens.

UZ: Was hat dich politisiert?

Gerhard Bialas: Meine eigene Familie ist am Krieg zu Grunde gegangen, ein schreckliches Leiden, das sich in mich hineingefressen hat. Ich wollte verstehen, was da geschehen ist. Ich bin in Schlesien geboren. Mein siebtes Schuljahr war ausgefallen und ich musste helfen Schützengräben auszuheben und Panzerbarrikaden für die neue Hauptkampflinie zu bauen. Breslau war nicht weit weg. Wenn ich nachts aus dem Fenster rausgeschaut habe, dann konnte ich die „Christbäume“ runtersegeln sehen, zur Beleuchtung der Luftangriffe auf Breslau. Im Februar 1945 ist meine Familie mit mir nach Horb am Neckar geflohen.

UZ: Wie bist du dann auf die KPD gekommen?

Gerhard Bialas: 1950 habe ich in Horb am Bau gearbeitet. Wir haben Häuser für die französische Garnison gebaut und ich habe dort die gärtnerischen Arbeiten gemacht. Da war ein Bauarbeiter, der meinte, in Berlin würden die 3. Weltfestspiele der Jugend stattfinden. Da bin ich neugierig geworden. Meine Schwester lebte in der DDR und hatte mir immer wieder etwas vom Aufbau des Sozialismus erzählt. Dann habe ich in der Zeitung gelesen, wie schwierig es ist zu den Weltfestspielen zu gelangen. Immer wieder wurden Leute in der Nacht geschnappt und eingesperrt. Ich dachte mir aber, ich will da hin und dann mache ich da bei Tage hin. Ich hatte ja überhaupt keine Kontakte zur FDJ oder KPD. Dann bin ich nach Erlangen gefahren und habe mir von meinem Vater Geld geliehen. Von dem Geld habe ich mir dann einen Reisemantel, Hut und eine Tasche gekauft und sah dann aus wie ein Handelsvertreter und nicht mehr wie ein Arbeiter.

UZ: Wie bist du dann über die innerdeutsche Grenze gekommen?

Gerhard Bialas: Als ich in Hof ankam, aß ich neben den Grenzoffizieren zu Mittag. Danach bin ich zu Fuß in Richtung Osten gelaufen. Ich bin auf einen Grenzer, der im Gras lag und neben seinem Panzerspähwagen rauchte, getroffen und fragte ihn dann nach Feuer und bin dann weiter gelaufen. Der Grenzer hat garnicht gespannt, wohin ich wollte. Im Wald kam dann ein Schild „Achtung Zonengrenze überschreiten strengstens verboten“. Ich bin weiter und stieß dann auf einen Bauern, der gerade Mist abgeladen hat, und den fragte ich, wo die Volkspolizei sei. Da kamen schon zwei mit der Knarre in der Hand den Hang heruntergewätzt und fragten mich, ob ich auch nach Berlin möchte. So kam ich dann nach Berlin.

UZ: Wie waren die 3. Weltfestspiele der Jugend?

Gerhard Bialas: Dieses riesige Erlebnis der 3. Weltjugendspiele, die vielen tausenden aus allen Ländern, mit denen man im Gespräch war, das fand ich sowas von überwältigtend. Jugend aller Nationen gegen den Krieg, da habe ich mir überlegt, das ist eigentlich meine Sache.

UZ: Wie ging es dann weiter?

Gerhard Bialas: Mit 3 000 anderen bin ich dann wieder in Hof über die Grenze. Da wurden wir auf einem Stoppelfeld vom Bundesgrenzschutz umzingelt. Da haben die Grete Thiele und der Walter Fisch, beide KPD-Bundestagsabgeordnete, mit den denen verhandelt. Es hieß dann, wenn wir uns registrieren lassen, dann bekommen wir keinen Strafbefehl. Dann wurden wir auf LKWs verfrachtet und zu ihrer Grenzstation geschafft und alle registriert. Danach hat der Bundesgrenzschutz einen Sonderzug zur Verfügung gestellt.

Eine Weile später habe ich dann vom Amtsgericht in Horb einen Strafzettel über 12 Mark wegen unerlaubten Grenzübertrittes bekommen. Obwohl die versprochen haben, wir bekommen keinen Strafzettel. Da habe ich einen Rechtsanwalt genommen für die Gerichtsverhandlung, die dann kam. Er erreichte, dass das Verfahren nach Tübingen überstellt wird. Ich lebte damals schon in Tübingen. Aber danach kam nichts mehr. Später stand ich wieder vor Gericht und wurde gefragt, ob ich vorbestraft bin. Ich sagte, nicht dass ich wüsste, aber da war mal so eine Sache mit Grenzverkehr. Da erfuhr ich, dass das Verfahren wegen Geringfügigkeit zu Lasten der Staatskasse eingestellt wurde.

UZ: Wie bist du zur KPD gekommen?

Gerhard Bialas: Ich war ja schon nach Tübingen gezogen, habe hier am Bau gearbeitet und hab dann die Bauarbeiter gefragt, wo hier die KPD ist. Sie haben es mir gesagt und dann bin ich dort hin und hab einen Zettel in den Briefkasten gesteckt.

Die KPDler haben dann mit mir Kontakt aufgenommen und mich erstmal gefragt, wo mein Name Bialas her sei, im Schwäbischen gäbe es sowas gar nicht. Ich hatte dann Kontakt mit der KPD und der verbotenen FDJ. Bei der FDJ habe ich feste mitgemacht, das war eine prima Sache. Ich hab den KPD-Kreissekretär, Albert Fischer jr., der schon beim Kommunistischen Jugendverband und dann sechs Jahre im KZ Buchenwald gewesen war, und seinen Vater, der KPD-Landtagsabgeordneter von Hohenzollern hier in Bebenhausen und 12 Jahre in Buchenwald gewesen war, kennen gelernt. Die Leute haben mich überzeugt, weil die so rangegangen sind im Widerstand. Im Oktober 1951 bin ich dann in die KPD eingetreten. Der Albert Fischer jr. hat für mich gebürgt.

UZ: Wie bist du nach Tübingen gekommen?

Gerhard Bialas: Mein Onkel in Horb hatte eine Baukantine und eröffnete dann hier eine in Tübingen. Ich wohnte und arbeitete bei meinen Onkel und meine Aufgabe war der Aufbau der Baukantine für eine Brauerei. Dann habe ich mich mit dem Kapo verkracht und hab meine Papiere bekommen. Im Winter war ich arbeitslos und dann habe ich eine Zuweisung bekommen für eine Baumaßnahme in Tübingen-Holderfeld, da war ein Munitionslager gebaut worden für die Franzosen. Das wusste aber niemand. Ich bin hoch in die Baukantine zum Kapo. Ich wollte aber erstmal wissen, was hier gebaut wird. Der Kapo wollte damit nicht heraus. Dann hat er es zugegeben und ich meinte, er kann gleich draufschreiben, Arbeit verweigert. Dann bin ich wieder zum Arbeitsamt. Dort meinte der Sachbearbeiter, ich bekomme eine Sperrschicht und wir müssen ein Protokoll aufnehmen. Könnt ihr machen, meinte ich zu ihm, dann gehe ich aber zur Zeitung. Man kann mich nicht dazu zwingen für Kriegsmaßnahmen zu arbeiten. Das hat er dann eingesehen und den Bogen wieder aus der Schreibmaschine genommen und meinte, stempeln Sie weiter.

UZ: Was waren deine Aufgaben in der KPD?

Gerhard Bialas: Kurze Zeit nach meinem Eintritt bin ich zum Ortsgruppenvorsitzenden gewählt worden. Dann hatte ich auch entsprechende Kontakte zu den Genossen in Mössingen, die den Generalstreik vor 85 Jahren gemacht haben. Denen habe ich immer Materialien mit dem Fahrrad gebracht. Ich war in der Antikriegs- und Kriegsdienstverweigererbewegung aktiv und habe Sprüche wie „Allgemeine Wehrpflicht ohne uns“, „Deutsche an einen Tisch“, „Für Gesamtdeutschen Friedensvertrag“ an Wände geschrieben. Die Zeit war rege. Man hat mich aber nie so an den Kragen gekriegt, dass ich vorbestraft worden wäre. Ich saß in meinem Leben nicht eine Stunde im Loch.

Das einzige Mal habe ich einen Strafzettel über 5 Mark wegen unerlaubten Verteilens von Flugblättern vor den Montanwerken hier in Tübingen bekommen, die ich in drei Raten abgestottert habe. Man musste damals die Flugblätter, die man verteilen wollte, von der Polizei genehmigen lassen. Das haben wir nicht gemacht. So war das hier mit der Demokratie, von wegen Freiheit in Schrift und Rede.

UZ: Wie hast du das KPD-Verbot erlebt?

Gerhard Bialas: Ich war Vorsitzender der Tübinger KPD bis zum Verbot. Noch am Morgen des Verbotstags haben wir vor den Montanwerken Flugblätter gegen das KPD-Verbot verteilt. Meine Frau Christa war hochschwanger dabei. Es hat geschifft wie aus Kübeln.

Am Tag des Verbots hatte ich mit dem Genossen Edmund Offenburger, der schon zwei Mal inhaftiert war wegen illegaler Tätigkeit für die FDJ, den Auftrag, das Büro zu übergeben. Das Büro war in der Neckarhalde 22 und wir haben die Polizei in Empfang genommen, als sie kamen. Die haben gesagt, sie wären eigentlich von der Mordkommission und es wäre ihnen peinlich. Die haben dann alles abgeholt, was noch da war. Es war ja keine Schreibmaschine, kein Garnichts mehr da, das war alles schon versteckt. Paar Flugblätter und Kinderbücher waren noch da. Wir sagten, alles muss registriert werden, weil Wiedergutmachungsansprüche gestellt werden. Dann wurde eine Sekretärin geholt und alles aufgeschrieben. Es kam der Lastwagen und dann haben sie das Zeug aufgeladen. So war das mit dem KPD-Verbot.

UZ: Wie sah euer Kampf während der Illegalität aus?

Gerhard Bialas: Es war eine schlimme Zeit. Du konntest nicht mal das Wort Sozialismus hier in den Mund nehmen. Da musstest du schon Angst haben, eins über die Rübe zu bekommen. Das war schlimm mit dem Antikommunismus und der ganzen Hetzpropaganda damals. Es wurden Hausdurchsuchungen gemacht. Interessanterweise haben sie mich ausgespart. Wahrscheinlich haben sie gedacht, der ist so bekannt, da ist sowieso nichts zu holen.

Dann hat sich die Deutsche Friedensunion (DFU) gegründet. Ich war kein Freund der rein illegalen Arbeit, sondern ich dachte, gegen den Krieg muss man öffentlich auftreten. Da war ich DFU-Bezirksvorsitzender von Reutlingen-Tübingen und von daher habe ich erst 1969 in der DKP Funktionen übernommen. Ich musste erstmal meine Funktionen in der DFU los werden.

Mit der DFU habe ich die Forderung garnisonsfreies Tübingen aufgestellt. 100 Jahre Garnisonsstadt Tübingen sind genug, Abzug aller Besatzungstruppen, Franzosen raus und keine Bundeswehr rein, waren damals die Schlagworte. Die hatten wir schon mit der KPD entwickelt. Daran konnte man dann auch anknüpfen. Die Friedenspolitik hat mich nachhaltig geprägt, mit der Renate Riemeck und dem Graf von Westphalen, der sein Gut verkauft hatte, um den Wahlkampf mitzufinanzieren.

Als dann die Garnison gegangen ist, waren viele Wohnungen da, die zum Teil in Sozialwohnungen umgewandelt worden sind. Ich habe ja 1951 die Häuser für die französische Garnison hier in Tübingen mitgebaut. Da wurde ein ziemlich großer Teil der damaligen Wohnungsnot beseitigt. Heute habe wir wieder eine neue, aber das war eine sehr gute Sache.

UZ: Wie hast du die Neukonstituierung der DKP erlebt?

Gerhard Bialas:  Zusammengekommen sind die Genossen 1968 in der Gaststätte Bavaria, gleich nach der Neukonstituierung der DKP. Da waren Christa und ich auch dabei und sind gleich Mitglied geworden.

UZ: Wann kam die Idee auf zum Stadtrat zu kandidieren?

Gerhard Bialas: Die kam 1973 auf. Wir müssen schauen, dass wir in diesen Gemeinderat reinkommen. Das war ja auch eine schlimme Zeit mit den Berufsverboten, aber wir hatten einen starken MSB-Spartakus, Betriebsgruppen. Viele Genossen waren da. Wir haben uns stark genug gefühlt eine eigene Liste aufzustellen. Wir sind dann auf Anhieb 1975 zu zweit reingewählt worden.

UZ: Was habt ihr damals an Wahlkampf gemacht?

Gerhard Bialas: Viele haben sich an meinem polnischen Namen Bialas gestört. Da musste ich erstmal die Leute an meinen Namen gewöhnen. Ich habe angefangen Leserbriefe zu schreiben. Bis zum heutigen Tag, bin ich der, der am meisten Leserbriefe hier in Tübingen geschrieben hat. Ich wurde mal extra im „Schwäbischen Tagblatt“ als Leserbriefweltmeister vorgestellt. Das waren so 22 Leserbriefe pro Jahr. Das hat mich bekannt gemacht. Die Leute haben sich daran gewöhnt, dass ich Bialas heiße und auch daran, dass ich in der DKP, dass ich ein Kommunist bin.

Daneben haben wir als DKP viel Arbeit in die Bürgerinitiativen gesteckt, wie für die Abschaffung der Einwohnersteuer zum Beispiel, zur Auflösung der Garnison oder BI Weststadt. Das hat uns bekannt gemacht. Aber auch in Vereinen war und bin ich aktiv. Ich soll bald die Urkunde für 70 Jahre im deutschen Imkerbund bekommen.

Schon nach dem KPD-Verbot, nur um weiter Kontakt zu den Genossen halten zu können, bin ich mit Christa in den Volkschor Tübingen reingegangen. Der Volkschor Tübingen war ein Zusammenschluss, der nach 1945 entstanden ist aus den zwei verbotenen Gesangsvereinen, „Frohsinn“ von der KPD und „Vorwärts“ von der SPD. Da habe ich viele Genossen kennengelernt.

UZ: Wie hat der Staat auf eure Kandidatur reagiert?

Gerhard Bialas: Wir haben für die Kandidaturen viele Genossinnen und Genossen gebraucht. Da haben an die 30 Berufsverbote in Tübingen gekriegt. Harald Schwaderer, der mit mir im Gemeinderat war, hat auch Berufsverbot als Lehrer bekommen. Das war schon eine sehr harte Zeit. Ich muss heute noch sagen, das war eine ganz große Mutprobe für die jungen Genossinnen und Genossen, da mitzumachen.

1976 bin ich dann noch in den Kreisrat gekommen. Da sind sie mir mit realer Sozialismus und wie schlimm der sei, gekommen. Ich hab ihnen dann ihren realen Kapitalismus um die Ohren gehauen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Konsequent gegen den Krieg", UZ vom 13. April 2018



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