Frauen sind von der Wohnungsnot besonders betroffen

Kapitale Mangelwirtschaft

Der Wohnungsneubau hält nicht Schritt mit dem Bedarf an bezahlbarem Wohnraum. Besonders Frauen sind davon betroffen, weil ihre Einkommen immer noch unter denen von Männern liegen. UZ sprach darüber mit Siw Mammitzsch, Geschäftsführerin der Mietergemeinschaft Essen e. V.

UZ: Überall in der Stadt wird gebaut. Ganz neue Siedlungen entstehen, schicke Einfamilienhäuser, moderne Wohnungen. Aber die Medien berichten fast täglich über Probleme, eine Wohnung zu finden.

Siw Mammitzsch: Angemessene Wohnungen zu bezahlbaren Mieten zu finden, das ist das Problem für viele Menschen. Die Mieten steigen und steigen. Die oft beschworene soziale Marktwirtschaft ist alles andere als sozial. Mietpreisbindungen gibt es immer weniger. Wer viel Geld hat, kann sein Leben gut gestalten und sich eine moderne, ausreichend große Wohnung leisten. Die Mehrheit muss jedoch ihre Arbeitskraft unter Wert verkaufen. Niedrige Löhne durch Mini-Jobs, Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit, Teilzeitarbeit oder dauerhafte Arbeitslosigkeit betreffen immer mehr Menschen. In Essen verschärft sich die Spaltung der Stadt immer mehr, Gentrifizierung heißt das. Mittlerweile reicht das Phänomen bis in die Mitte der Gesellschaft. Selbst Doppelverdiener mit durchschnittlichen Einkommen haben immer mehr Probleme, eine bezahlbare Wohnung zu finden.

UZ: Es wird ja nicht nur neu gebaut. Im bestehenden Wohnraum wird oft flächendeckend saniert. Warum regen sich die Menschen darüber auf, das spart doch Energiekosten?

Siw Mammitzsch: Dadurch sinkt der Anteil an preiswertem Wohnraum noch weiter. Und die eingesparten Energiekosten decken nicht im Ansatz die höheren Mieten. Für die Mieter rechnet sich das nicht, sie zahlen immer drauf. Für die Wohnungsunternehmen dagegen schon, Modernisierungen rentieren sich schnell. Wohnraum ist zum Spekulationsobjekt geworden, ebenso Grund und Boden. Wohnungsunternehmen an der Börse unterliegen den Dividendenerwartungen der Anleger. Und die müssen die Mieter bezahlen. Je knapper das Angebot und je besser die Lage und Ausstattung der Wohnung, desto höher sind die Mieten. Die kleinen Hausbesitzer freuen sich und ziehen gerne mit. Die Folge: Die Mieten steigen flächendeckend stark an, die Einkommen und Renten aber nicht. Verschiedene Gruppen: Junge Menschen, Studenten, Hartz-IV-Bezieher, Menschen mit Einschränkungen, Arbeitslose, Rentnerinnen und Rentner konkurrieren um einen immer kleineren Anteil bezahlbarer Wohnungen. Die Mietbelastungsquote, also der Anteil der Miete am verfügbaren Einkommen, steigt. Unter den Mietern sind besonders Frauen betroffen, denn alleinerziehende Frauen müssen überdurchschnittlich oft von ALG-II leben, da die Betreuung der Kinder einen Vollzeitjob nicht zulässt. Auch im Niedriglohnsektor sind Frauen überrepräsentiert und unter den Rentnerinnen und Rentnern ebenso.

UZ: Was könnte gerade Frauen besser unterstützen?

Siw Mammitzsch: In diesen schwierigen Lebensverhältnissen brauchen sie konkrete Hilfe, Beratung und Betreuung. Das kostet Geld, das die Gesellschaft in die Hand nehmen muss. Gerade für Frauen sollte Geld für Ausbildung und Qualifizierung bereit stehen, ebenso ausreichend kostenlose Kindertageseinrichtungen und Plätze für die Pflege von Angehörigen. Nur so können Frauen aus Hartz IV, aus der Teilzeitarbeit und ähnlich prekären Situationen entkommen und sich eine gute Wohnung leisten. Die Kinder brauchen Platz und Anregungen, um sich entfalten zu können, ein Zimmer, in dem in Ruhe Hausaufgaben erledigt werden können. Dass Kinder weniger Transferleistungen bekommen als Erwachsene, ist völlig weltfremd. Spätestens alle halbe Jahre wachsen Kinder aus Klamotten und Schuhen raus, in der Pubertät vertilgen sie Unmengen Lebensmittel. Kino, Schwimmbad, Sportverein und ab und zu ein Eis – alles Dinge, die in einen normalen Alltag gehören, aber im ALG-II nicht vorgesehen sind.

UZ: Viele Frauen und auch ihre Kinder erleben außerdem häusliche Gewalt. Was fehlt hier an Hilfen?

Siw Mammitzsch: In einer besonders schwierigen Situation sind Frauen und ihre Kinder, wenn sie aus häuslicher Gewalt in Frauenhäuser fliehen müssen. In Essen mussten im Jahr 2018 160 telefonische Anfragen vom Frauenhaus abgelehnt werden, weil kein Platz frei war. Wenn sie dann doch mit viel Glück einen Platz im Frauenhaus gefunden haben und wieder zur Ruhe gekommen sind, bemühen sie sich um einen Neuanfang für sich und ihre Kinder. Bei dem knappen Angebot finden sie eine bezahlbare Wohnung oft erst nach längerer Zeit. Somit blockieren sie ungewollt den Platz im Frauenhaus und wieder mehr Hilfesuchende müssen abgewiesen werden. Ein einziges Frauenhaus für eine Großstadt wie Essen ist einfach zu wenig.

Die Fragen stellte Karin Schnittker

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Kapitale Mangelwirtschaft", UZ vom 6. März 2020



Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Fahne aus.

Vorherige

Umstrittene Sterbehilfe

Wie Kassenkredite verschwinden sollen

Nächste

Das könnte sie auch interessieren