Zu Inflations- und Arbeitslosenzahlen

Kurs auf Massenarmut

Die ersten Wochen des Jahres sind von dramatischen außenpolitischen Ereignissen geprägt. Innenpolitisch spielen sich zeitgleich in vielen Familien Dramen ab. Noch beherrschen sie zwar nicht die Schlagzeilen, früher oder später werden sie sich aber mit umso größerer Wucht bemerkbar machen.

Am 6. Januar veröffentlichte das Statistische Bundesamt vorläufige Daten, nach denen die Inflation im Dezember auf „voraussichtlich“ 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zurückgegangen sei – bejubelt von allen gedruckten und elektronischen Leitmedien des Landes. Ulrich Kater, „Chefvolkswirt“ der dem Sparkassenlager zugehörigen Deka-Bank, jubelte gar: „Wirtschaftlich hat das Land viele Probleme, die Inflation gehört nicht dazu.“

Millionen Haushalte sehen das ganz anders. Fast zeitgleich nämlich veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Forsa eine repräsentative Umfrage, nach der nahezu die Hälfte der Bevölkerung dieses Landes – 45 Prozent – angab, sie müssten sich inzwischen selbst beim Kauf von Lebensmitteln spürbar einschränken. Vor einem Jahr waren das bei einer ähnlichen Umfrage noch 39 Prozent. Ein etwas tieferer Blick in die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigt: Gegenüber 2020 lagen 2025 die Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke im Schnitt um 38 Prozent höher. Der Griff zu Alkohol und Tabak hilft wenig – beides ist innerhalb eines halben Jahrzehnts um 27 Prozent teurer geworden. Der starke Frost, der zu Anfang des Jahres das Land im Griff hielt, wird die Sorgen der Hälfte der Bevölkerung um den Brotpreis noch um die nach einer warmen Wohnung verstärkt haben – Heizöl nämlich ist in diesen fünf Jahren um 51 Prozent teurer geworden und Gas sogar um 84 Prozent.

Der Zwang zur Einschränkung der eigenen Ausgaben, der in diesen dürren Zahlen zum Ausdruck kommt, erfasst zur Zeit vor allem vier Gruppen: Junge Leute, die sich noch in der Ausbildung befinden, Rentnerinnen und Rentner, Menschen, die auf Mindestlohn angewiesen sind oder sogar um ihn betrogen werden, und Arbeitslose.

Die zuletzt genannte Gruppe wird wachsen. Am 7. Januar meldete die Bundesarbeitsagentur für 2025 nicht nur einen Anstieg der durchschnittlichen Arbeitslosenquote auf 2,95 Millionen und damit innerhalb eines Jahres einen Anstieg um sechs Prozent. Schlimmer noch: Ihre Vorsitzende Andrea Nahles sprach von einem „historischen Tiefstand“ bei der Zahl der neu gemeldeten Arbeitsstellen. Von dem Anstieg der Arbeitslosigkeit ist der traditionell dank der Autoindustrie relativ wohlhabende Südwesten des Landes am stärksten betroffen: Plus 9 Prozent in Baden-Württemberg und sogar plus 11 Prozent in Bayern. Zwar sei gegenwärtig das Risiko, einen einmal errungenen unbefristeten Arbeitsplatz wieder zu verlieren, statistisch noch gering, so Nahles. Aber wer einmal seinen Job verloren habe, finde zur Zeit sehr schwer einen neuen. Das betreffe auch hochqualifizierte Gruppen wie Akademiker. „Keine Gruppe ist immun“, warnte Nahles. Die wenige Tage später einlaufenden Meldungen über neue Rekordzahlen bei Insolvenzen werden die Chancen auf neue Jobs weiter reduzieren.

Immun ist in der Tat nur, wer so viel Vermögen angehäuft hat, dass er oder sie vom Verkauf seiner Arbeitskraft nicht leben muss. Alle vom Lohn Abhängigen sind, so zeigen es die nackten Zahlen, gegenwärtig von zwei Seiten bedroht: Von massiv ansteigenden Preisen und von der Gefahr, in die Arbeitslosigkeit zu rutschen, in der die von manchen hinwegphantasierte Inflation doppelt hart zuschlägt.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Kurs auf Massenarmut", UZ vom 16. Januar 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Schlüssel.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit