Offener Brief an den Bundesvorstand und das Redaktionskollektiv der Roten Hilfe

Liebe Freundinnen und Freunde der Roten Hilfe,

der Schwerpunkt des Heftes 1/2019 ist für eine sich
„strömungsübergreifend“ verstehende linke Organisation ein
Skandal. Er wird nicht geringer dadurch, dass dieses Heft wohl eine
Art Replik auf das Heft „Siegerjustiz“ darstellen soll. Das
damalige Heft mag Mitgliedern der „Roten Hilfe“ Anlass zu
inhaltlicher Nichtübereinstimmung gewesen sein, im Unterschied zum
jetzigen Heft war es aber kein Angriff auf die Geschichte und
Identität eines Teils der eigenen Mitgliedschaft. Wir nennen im
Folgenden nur einige, wenige Punkte unserer inhaltlichen Kritik.

1) Das Thema „Repression gegen linke Oppositionelle in der DDR“
wird so ausgeweitet, dass nebenbei auch noch die Geschichte der KPD
und der Kommunistischen Internationale im besten bürgerlichen Jargon
entsorgt wird. Wie jede bürgerliche Geschichtsschreibung werden
Dinge aus dem zeitlichen Rahmen gerissen bzw. verfälscht. Als
Beispiel sei die Nichtdarstellung der Ursachen für die Entstehung
der „Sozialfaschismusthese“ benannt oder der Unsinn, dass die
Komintern und ihre Mitgliedsparteien „zum außenpolitischen
Instrument der Sowjetunion wurden.“ Ein Hauch von Dialektik, eine
Prise Materialismus hätte solch undifferenziertes Gleichziehen mit
dem bürgerlichen Mainstream verhindert.

2) Ähnlich ergeht es dem antifaschistischen Widerstandskampf der
Kommunisten. Wie tief muss man gesunken sein, um ausgerechnet das
Niethammer-Buch über die „roten Kapos“ als eine der Hauptquellen
heranzuziehen. Würde man ähnliche Quellen heranziehen, um die
historischen Wurzeln der „Roten Hilfe“ zu analysieren, die ja eng
mit der Komintern und der KPD verbunden war – das gäbe sicher auch
gruselige Geschichten, der Focus würde sich freuen.

3) Auch das Kernthema, die „Repression gegen linke
Oppositionelle in der DDR“ wird so aufgearbeitet, als könne man an
die Geschichte der DDR herangehen, ohne die internationale, die
europäische, deutsche oder DDR-interne Klassenkampfsituation zu
beachten. Gab es denn keine Anschläge gegen die DDR, kein Verbot der
KPD, keine Versuche die DDR ökonomisch auszubluten, keine
Kampfgruppen gegen Unmenschlichkeit, keinen BND, kein Ostbüro der
SPD?

4) Geradezu peinlich ist die Wiederauflage des durch den Spiegel
und ARD längst vorgenommenen IM-Outing gegen Genossen Arnold
Schölzel. Es verwundert schon fast, dass nicht auch noch der
Kriegstreiber Biermann als Kronzeuge im Heft auftaucht. Es geht dabei
überhaupt nicht darum Fehler, Unrecht, das Genossinnen und Genossen
erlitten haben, abzustreiten, aber ohne eine Einordnung landet man
doch bei der Erfüllung des Auftrags, den der kürzlich verstorbene
Klaus Kinkel der deutschen Justiz gab – man landet bei der
Delegitimierung der DDR und im gemeinsamen Boot mit dieser Justiz.

Liebe Freundinnen und Freunde,

so kann man in einer strömungsübergreifenden linken Organisation
nicht miteinander umgehen. Dieses Heft ist ein Angriff auf eine der
Strömungen, die die Rote Hilfe tragen, und dieser Angriff wird
offensichtlich bewusst geführt. Zu einem Zeitpunkt, an dem
angesichts der Gefahr eines Verbots der Roten Hilfe linke Solidarität
besonders dringend ist, distanziert Ihr Euch mit diesem Heft von den
Fundamenten der Organisation.

Wir erwarten hier eine selbstkritische Erklärung von
Bundesvorstand und Redaktionskollektiv.

Mit roten Grüßen

Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP

Hans Bauer, Vorsitzender der GRH

Essen, den 13. März 2019

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