Wie die weltanschauliche Perspektive prägt, was wir sehen

Picassos „Frau mit Hahn“

Björn Blach und Klaus Mausner

In der Stuttgarter Staatsgalerie ist das Bild „Frau mit Hahn“ von Pablo Picasso ausgestellt. Das Ölgemälde ist 1,40 Meter hoch und 1,20 Meter breit. Abgebildet ist eine Frau im blauen Kleid, die auf einem braunen Fliesenboden sitzt. Auf ihrem Schoß hält sie einen Hahn. Der Hintergrund des Bildes ist in einem lebendigen Weiß gestaltet.

Der Gesichtsausdruck beeindruckt und beängstigt zugleich. Das blasse Gesicht hat Picasso in der für ihn typischen Mischung aus frontaler und Profilansicht gemalt. So sieht man den Kopf zu einem Teil im Profil und gleichzeitig starrt ein Auge den Betrachter frontal an. Aus dem Blick gibt es kein Entrinnen. Beide Augen sind weit aufgerissen, unter einem Auge zeichnet sich deutlich ein Tränensack ab. Die Pupille des anderen Auges ist blutunterlaufen. Die Nase ist sehr groß und hat eine dreieckige Form. Das Ohr ist sehr einfach als Schnörkel dargestellt. Die Haare sind strähnig, schwarzgrau, eine Frisur ist nicht zu erkennen. Der Mund ist ebenfalls in der widersprüchlichen Ansicht dargestellt. Picasso hat weiblich-volle Lippen in Rot gemalt. Der Mund ist halb geöffnet, als ob er etwas sagen möchte. Durch die doppelte Perspektive stellt der Maler den zahnlosen Mund gleichzeitig als dunklen Schlund dar.

Der Kopf sitzt auf einem sehr dünnen Hals. Den Oberkörper gestaltet Picasso mit sehr geraden Linien, fast geometrischen Formen. Über den flach abfallenden Schultern trägt die Frau eine dunkle Stola, die an die klassischen spanischen Dreieckstücher erinnert. Die nackten Unterschenkel wirken sehr grob. An den stilisiert gemalten Füßen trägt die Frau schwarze Schuhe mit Absatz, die Ähnlichkeit mit Flamencoschuhen haben. Auf dem Boden, links neben der Frau, liegt ein großes Messer.

Die linke Hand, mit sehr dicken, unförmigen Fingern dargestellt, hält einen weißen Gegenstand, der eine Schale sein könnte. Die rechte Hand zerrt an den Flügeln des Hahns und hat diese fest im Griff. Die Füße des Hahns sind gefesselt und ragen vor der Brust der Frau in die Luft. Der grauweiß, mit wenigen Farbakzenten dargestellte Hahn liegt im Schoß der Frau. Sein Schwanz hängt über das Bein nach unten. Für den Hals des Hahns hat Picasso Grüntöne gewählt. Die Augen des Hahns sind weit aufgerissen, dargestellt in der doppelten Perspektive als schwarze Kreise mit einem dunklen Punkt in der Mitte. Die Schnabelspitze ist bläulich dargestellt, im hinteren Teil überwiegen die Rottöne. Ebenfalls Rot hat Picasso für die Kehllappen gewählt, während er den Kamm in Graustufen malte. Dem ganzen Tier sind der Schrecken, seine ausweglose Situation und die Todesangst anzumerken.

Die Frau dagegen scheint in ihrer ganzen Hässlichkeit, die vor allem von ihrem Kopf ausgeht, von der bevorstehenden Schlachtung oder Opferung eines Tiers unberührt zu sein. Die Fratze ist gnadenlos, das Todesurteil ist verkündet und wird in eiskalter Grausamkeit vollstreckt werden.

Das große Siegel Frankreichs

Entstanden ist dieses Bild 1938 in Paris, der Wahlheimat des gebürtigen Spaniers. Von Beginn an hatte Picasso die Spanische Republik unterstützt, insbesondere seitdem der Faschist Franco und seine imperialistischen Helfer der Republik den Krieg erklärt hatten. Im Auftrag der spanischen Regierung malte Picasso 1937 das Bild „Guernica“, das die Auslöschung der baskischen Stadt durch die faschistische deutsche „Legion Condor“ anprangert. Stadt und Kunstwerk sind seitdem Sinnbild für den ersten Bombenangriff aus der Luft, der sich nur gegen die Zivilbevölkerung richtete. Weitere Bilder zum Thema entstehen. Die Regierung der Republik ernennt Picasso in Abwesenheit zum Ehrendirektor des nationalen Kunstmuseums Prado in Madrid.

In Frankreich wurde 1936 eine von der Kommunistischen Partei (FKP) tolerierte Volksfrontregierung unter Premierminister Léon Blum gewählt. Nach anfänglicher Unterstützung Spaniens schwenkte die Regierung auf die Linie des britischen Imperialismus ein. Blum initiierte das internationale Nichteinmischungsabkommen, dem neben Frankreich und Britannien auch Deutschland und Italien angehörten – Frankreich mischte sich nicht in den Konflikt ein, was aber einer Unterstützung der Faschisten gleichkam. So wurden etwa an der französischen Grenze wichtige Waffen und Nachschublieferungen für die Republik zurückgehalten, während Hitlerdeutschland und Mussolinis Italien Franco unter Bruch des Abkommens mit Waffen und Soldaten unterstützten. Die FKP entzog der Volksfrontregierung daraufhin die Unterstützung in der Außenpolitik.

Im Laufe des Jahres 1938 verschlechterte sich die Lage der Spanischen Republik. Die internationale Isolierung – außer der Sowjetunion verhielten sich die anderen Staaten „neutral“ – wirkte sich auf die militärische Verteidigungsfähigkeit aus. Die Putschisten hingegen profitierten von der Unterstützung der faschistischen Staaten. Die im Sommer begonnene Ebro-Offensive der republikanischen Armee entwickelte sich schnell zu einem Desaster. Eine weitere Schwächung war die Auflösung der Internationalen Brigaden durch die Spanische Republik, die auf Druck Frankreichs und Britanniens erfolgte. Die Niederlage der Republik war absehbar.

In dieser historischen Situation arbeitete Picasso an seinem Werk. Für die Frau wählte er eindeutige Hinweise auf die spanische Tradition, wie Halstuch und Schuhe. Das Kleid der Frau ist blau. Dieselbe Farbe nutzten die spanischen Faschisten der Partei „Falange“ – die brutale Unterdrückung des Volkes wurde auch „blauer Terror“ genannt. Der Hahn ist seit Jahrhunderten ein Wappentier erst der Gallier, dann der Franzosen. Er findet sich auf dem „Großen Siegel“ Frankreichs, das seit 1848 für wichtige offizielle Dokumente verwendet wird. Es zeigt eine sitzende Libertas, die an die Freiheitsstatue in New York erinnert. Auf dem Ruder, auf das sie sich stützt, ist ein Hahn eingraviert. Die Symbolik ähnelt sich sehr, insbesondere, wenn man die sehr bewusste Farbauswahl Picassos mit in Betracht zieht. Das Bild wird von Blau, Weiß und Rot dominiert. Vor allem im Zentrum rund um den Kopf des Hahns geht das Blau des Kleids der Frau über in das Weiß des Hintergrunds und endet im Rot von Schnabel und Kehllappen – ein eindeutiger Hinweis auf die französischen Nationalfarben, die „Trikolore“.

Ein Kunstwerk lässt sich nie auf eine einzige Aussage reduzieren – es enthält immer eine vielschichtige Bildaussage. Picasso drängt uns die Hauptinterpretation auf. Die Symbolik spricht dafür, dass das hässliche Franco-Spanien (als eine Art Rachedämon) bereit ist, den gallischen Hahn zu schlachten. Was dem Heimatland Picassos von den Faschisten angetan wurde, droht sich gegen Frankreich zu wenden, zum Todesstoß für die Volksfrontregierung zu werden und das Land zum nächsten Opfer zu machen.

Ende 1938 starteten die Faschisten eine erfolgreiche Offensive gegen die Republik.

Im März 1939 putschten Teile der republikanischen Armee. Die Putschisten übergaben Madrid kampflos an die Faschisten unter der Bedingung, dass nur die Kommunisten verfolgt würden. Die Republik war gefallen, der weiße Terror begann.

Die französische Regierung schloss die Grenze für Flüchtende und internierte Republikaner und Interbrigadisten. Teilweise wurden diese an Deutschland und Italien ausgeliefert, wo viele ermordet wurden. Am 1. September 1939 überfiel die faschistische Wehrmacht Polen. Zwei Tage später erklärte Frankreich zusammen mit Britannien Deutschland den Krieg – aber nichts passierte. Im Mai 1940 besetzte die Wehrmacht Belgien und die Niederlande, einen Monat später rückten die Nazi-Truppen in Paris ein. Am 22. Juni 1940 kapitulierte Frankreich und die dritte Republik fand ihr Ende.

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"Picassos „Frau mit Hahn“", UZ vom 22. Oktober 2021



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