Die Massenentlassungen in der Pharmaindustrie lassen sich nicht mit der wirtschaftlichen Lage erklären

Stellenabbau geht immer

Die Illusion der „Sozialpartnerschaft“ ist wie eine Seifenblase geplatzt. Die Arbeitsplatzvernichtung macht auch vor dem Pharmastandort Marburg nicht halt. Nach den jüngsten Plänen der Konzernleitung von CSL Behring sollen hier im Produktionsbereich des Pharmakonzerns 400 tarifgebundene und mitbestimmte Arbeitsplätze abgebaut werden. Dies entspricht 10 bis 15 Prozent der Belegschaft am mittelhessischen Standort. Dagegen regt sich Widerstand. „Erst wir, dann ihr: Gemeinsam für die Behringwerke, unsere Arbeitsplätze und Zukunft!“ Unter diesem Slogan sind am 4. März mehr als 3.000 Kolleginnen und Kollegen des betroffenen Standorts dem Aufruf der IG BCE Mittelhessen und des lokalen DGB gefolgt und gegen den Kahlschlag sowie für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Straße gegangen.

Bereits im vergangenen Sommer hatten sich die Beschäftigten mit Trillerpfeifen und unter Gewerkschaftsfahnen vor dem Werkstor versammelt. Damals hatte die Vorstandsetage bekannt gegeben, die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in Marburg schrittweise einzustellen. In der Konsequenz werden am mit derzeit rund 3.000 Beschäftigten größten Forschungs- und Produktionsstandort der CSL-Gruppe weltweit weitere 500 hoch qualifizierte Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren oder haben ihn bereits verloren.

Damit nicht genug. Hinzu kommt, dass das kanadische Pharmaunternehmen Nexelis seinen Standort in der mittelhessischen Universitätsstadt vollständig schließt. 75 Kolleginnen und Kollegen werden ihre Jobs verlieren. Gleichzeitig werden bei BioNTech 315 Stellen am Standort Marburg abgebaut, obwohl die Stadt Marburg die Gewerbesteuer mittlerweile auf lächerliche 375 Punkte gesenkt hat. Insgesamt sind damit am Pharmastandort in Marburg rund 1.500 Arbeitsplätze von den Kürzungsplänen direkt betroffen. Hinzu kommen zahlreiche Jobs bei Zulieferern.

Der Stellenabbau lässt sich nicht mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten erklären. Die Auslastung der Produktion ist laut der IG BCE gut, Probleme gäbe kaum. Die Entscheidung über den Arbeitsplatzabbau sei global gefallen. Es geht offenbar nur darum, aus dem Unternehmen noch mehr Profit herauszupressen, kommentierten Gewerkschaftsvertreter den Kahlschlag.

1102 photo 2026 03 10 10 33 55 - Stellenabbau geht immer - Demonstrationen, IG BCE, Marburg, Pharmaindustrie, Profitgier, Stellenabbau - Wirtschaft & Soziales

Die Ereignisse in Marburg sind kein Einzelfall. Massenentlassungen, Werkschließungen und die Verlagerung der Produktion ins billigere Ausland haben sich von Flensburg bis München als äußerst wirksames Instrument der Kapitalseite zur Profitmaximierung erwiesen. Die Vernichtung von rund 130.000 Industriearbeitsplätzen allein im vergangenen Jahr, während im gleichen Zeitraum Dividenden in Höhe von über 50 Milliarden Euro an die Aktionäre der großen DAX-Konzerne ausgeschüttet wurden, spricht eine deutliche Sprache.

Das erklärt, warum inzwischen auch im Organisationsbereich der traditionell „sozialpartnerschaftlich“ geprägten IG BCE „das böse S-Wort“ die Runde macht. Schließlich ist Streik die wirksamste Waffe und die einzige Sprache, die die Gegenseite versteht. Wann, wenn nicht jetzt, auch in der Chemie- und Pharmaindustrie? Schließlich hat der Bundesarbeitgeberverband Chemie (BAVC) in der aktuellen Tarifauseinandersetzung auch nach der zweiten Verhandlungsrunde weder beim Entgelt noch bei der Beschäftigungssicherung ein Angebot vorgelegt, das auch nur in Ansätzen ausreicht.

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"Stellenabbau geht immer", UZ vom 13. März 2026



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