Was im Gesundheitswesen nicht funktioniert, soll in Schulen praktiziert werden

Testen, testen, testen

Clara Groß

Zu den großen Helden, die wir in dieser Zeit erleben, gehören neben den Pflegern und den Medizinern die Lehrer“, tönte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer am vergangenen Sonntag bei „Anne Will“. Er war tief beeindruckt, dass der Klassenlehrer seines Sohnes an seinen Gartenzaum kam, um die nächsten Schulaufgaben zu übergeben. „Großartige, engagierte Menschen“ befand Kretschmer und auch, dass Sachsen die Schulöffnungen ab Montag dieser Woche ausreichend vorbereitet habe. Die GEW sieht das anders. Uschi Kruse, Vorsitzende der sächsischen Lehrergewerkschaft, kritisiert die Pläne der Landesregierung: „Erst zu verkünden, dass Prüfungen und Unterricht in Abschlussklassen stattfinden sollen und danach die damit verbundenen Probleme zu klären, ist der falsche Weg.“ Der Gesundheitsschutz müsse an erster Stelle stehen.

Rund 2,6 Millionen Schülerinnen und Schüler sollen nach und nach in die Schulen zurückkehren, zuerst diejenigen, die in diesem Jahr eine Abschlussprüfung haben sowie die Grundschüler der vierten Klasse. Die GEW fordert hingegen, auf alle Prüfungen zu verzichten und Noten aufgrund bisher erbrachter Leistungen zu vergeben.

Auch Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP, findet die sogenannten Lockerungen, die gerade hier und da beginnen, chaotisch und riskant. „Söder und Laschet verhandeln darüber, ob die Bundesliga wieder starten kann, aber die faktische Abschaffung des Demonstrationsrechts soll bleiben“, so Köbele. Die Lockerungen seien in erster Linie ein Zugeständnis an die Wirtschaftsvertreter. Die Öffnung der Schulen sei keinesfalls ausreichend vorbereitet.

In der Tat werfen die Vorschläge zur praktischen Durchführung der Schulöffnung die Frage auf, ob die „Experten“ jemals eine Schule von innen gesehen haben. Abstand, Hygieneregeln, Händewaschen, Kleingruppen – wie, bitte schön, soll das in einem kaputtgesparten Bildungssystem funktionieren? Die Schulen sollen nun häufiger und gründlicher gereinigt werden. Von wem? Die Reinigung wurde schon lange fremdvergeben und funktioniert kaum im Normalzustand.

Wie im Gesundheitssystem die dort Beschäftigten – da hat Kretschmer Recht –, halten die Lehrkräfte den Laden am Laufen. Mit den gleichen Problemen: Bundesweit fehlen bis 2025 rund 26.000 Lehrerinnen und Lehrer. Vielerorts wurden pensionierte Lehrkräfte zurückgeholt – also die Risikogruppe, die ausdrücklich nicht unterrichten sollte. Viele Gebäude sind in einem Zustand, der das Unterrichten schon unter normalen Umständen kaum möglich macht. Hier mal eine Aufgabe fürs Home-Schooling: „Wie sollen weniger Lehrer kleinere Gruppen mit größerem Abstand bei viel zu großen Klassen unterrichten?“

Die stufenweise Öffnung der Schulen orientiert sich an Wirtschaftsinteressen. Schülerinnen und Schüler sollen Prüfungen machen, Viertklässler sollen für die weiterführenden Schulen vorsortiert werden. Das gegliederte Schulsystem gibt den Takt vor. Kinder und Jugendliche werden auf ihre spätere Stellung im Produktionsprozess vorbereitet. Dass Bildung und gemeinsames Lernen so viel mehr sind, ist in diesem System egal.

Wer ist verantwortlich, dass der Schulstoff im Home-Schooling bewältigt und verstanden wird? Die Eltern. Es gibt Eltern, die in der Lage sind, den fehlenden Unterricht zumindest teilweise aufzufangen. Es gibt Familien, die haben Laptops, Kapazitäten und den Durchblick. Die haben auch die Sicherheit, dass ihre Kinder in diesem Schulsystem nicht durchs Raster fallen. Spätestens wird mit bezahlter Nachhilfe dafür gesorgt.

Und es gibt Eltern, die dazu nicht in der Lage sind. Deren Kinder werden durch die Schulschließungen völlig abgehängt. In vielen Familien ist Lernen im Moment nicht möglich. Besonders betroffen sind Kinder aus der Arbeiterklasse. Weil die Wohnung zu klein ist, weil sie nicht die nötige technische Ausstattung haben, weil die Betreuung zusammengebrochen ist, weil andere Sorgen überwiegen, weil nicht alle Eltern in der Lage sind, Aufgaben zu erklären. Aber daran ist nicht das Virus schuld. Es ist der Fehler des deutschen Bildungssystems, in dem Erfolg mehr als in jedem anderen Land vom Geldbeutel der Eltern abhängt.

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"Testen, testen, testen", UZ vom 24. April 2020



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