Fehlende Infrastruktur verstärkt Ungleichheit

Pandemie trifft Schüler

Schulen geschlossen: In der Pandemie zeigt sich, wie schlecht die IT-Ausstattung deutscher Schulen ist – und, dass Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien dadurch stärker benachteiligt sind.

„Die Schulen sind denkbar schlecht auf Fernunterricht vorbereitet“, sagt die GEW-Schulexpertin Ilka Hoffmann. Seit zwei Wochen sind die Schulen fast flächendeckend geschlossen – mindestens bis Mitte April, wenn die Osterferien in fast allen Ländern vorbei sind. Die Schülerinnen und Schüler sollen Aufgaben bekommen, die zu Hause erarbeitet werden, und nach Möglichkeit über digitale Kanäle unterrichtet werden. Nur: Den Schulen fehlen dafür oft schon die grundlegenden Voraussetzungen.

Für viele Schulen war der erste Schritt, den sie in den „Corona-Ferien“ zum digitalen Lernen unternehmen mussten, einen E-Mail-Verteiler aufzubauen. Viele Schüler beziehungsweise deren Eltern waren über digitale Wege für die Schule überhaupt nicht erreichbar, die Lehrer mussten – trotz Datenschutz – von ihrer privaten Mailadresse Arbeitsblätter an die Klasse verschicken – nicht einmal dienstliche Mailadressen haben die Schulen bisher flächendeckend eingerichtet. Wie gut der Unterricht bei geschlossener Schule funktioniert, hängt damit stark vom Engagement der einzelnen Lehrer ab.

Eigentlich sollten über den 2019 in Kraft getretenen „Digitalpakt Schule“ 5 Milliarden Euro – pro Schule 120.000 Euro – aus Bundesmitteln zur Verfügung gestellt werden, um die allgemeinbildenden Schulen besser auszustatten. Von diesem Geld ist bisher kaum etwas an den Schulen angekommen. Im Berliner „Tagesspiegel“ erklären die Bildungsforscher Dieter Dohmen und Klaus Hurrelmann, warum: Die Anforderungen, die der Bund an die Schulen stellt, um das Geld zu erhalten, seien „zu voraussetzungsvoll und zu bürokratisch“. Zum Beispiel fordert die Bundesregierung, dass die Schulen zunächst ein fertiges „Medienkonzept“ vorlegen sollen, bevor sie die Anschaffung von Geräten oder die Installation von Netzen bewilligt.

Das Ergebnis: Die digitalen Plattformen, die Länder und Schulen bereits eingerichtet haben, brechen unter den vielen Zugriffen der letzten Wochen teilweise zusammen. Spätestens jetzt müsse klar sein, „dass wir mehr Geld in Bildung investieren müssen und auch in ‚digitale Bildung‘“, sagt die Pädagogin Birgit Eickelmann. Die Schulen seien nicht ausreichend ausgestattet, nur ein Teil der Schüler könne während der Schulschließungen mit eigenen digitalen Lerngeräten arbeiten.

Eickelmann leitete die im vergangenen Jahr erschienene Studie „ICILS 2018-NRW“, die die digitale Kompetenz von Schülern und die entsprechenden Rahmenbedingungen an Schulen in Nordrhein-Westfalen untersucht hat. Ein Ergebnis: Die schulische IT-Ausstattung ist „im internationalen Vergleich als weit unterdurchschnittlich anzusehen“. Für 13 Schülerinnen und Schüler ist in NRW nur ein digitales Gerät vorhanden – Desktop-Computer, Laptop oder Tablet –, im Bundesdurchschnitt müssen sich nur zehn Schüler ein Gerät teilen. Nur ein Viertel der Lehrkräfte schätzt ein, dass die eigene Schule gut ans Internet angebunden ist – deutlich weniger als in den meisten untersuchten Ländern.

Auch die bürgerlichen Medien benennen, dass die schlechte Ausstattung Kinder und Jugendliche aus „bildungsfernen“ und ärmeren Familien härter trifft: Wer die „Corona-Ferien“ mit Eltern und drei Geschwistern in einer Dreizimmerwohnung verbringt und keinen eigenen PC zur Verfügung hat, wird weniger lernen als derjenige, dessen studierte Eltern dabei helfen, die Aufgaben im eigenen Zimmer am eigenen Rechner zu bearbeiten. Während der Pandemie verschärft sich damit die soziale Selektion: „Kinder und Jugendliche, deren Eltern aufgrund beengter Wohnverhältnisse und ungünstiger sozioökonomischer Lagen keine angemessene Unterstützung bieten können, werden weiter abgehängt“, warnt Ilka Hoffmann von der GEW.

Trotzdem sollen die Abitur- und Abschlussprüfungen stattfinden, haben die Kultusminister in der vergangenen Woche beschlossen. Die SDAJ unterstützt die Forderung, die Prüfungen durch einen Durchschnittswert aus den Leistungen der letzten Jahre zu ersetzen – wer möchte, soll die Note durch eine mündliche Prüfung verbessern können. Die ungleichen Voraussetzungen zum digitalen Lernen verschärfen den Leistungsdruck, stellt der Jugendverband fest. Gleichzeitig erinnert er daran, dass das Schulsystem genau auf diesen Leistungsdruck, auf Konkurrenz um zu wenige sichere Arbeitsplätze, ausgerichtet ist – digital wie analog.

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"Pandemie trifft Schüler", UZ vom 3. April 2020



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