Das Scheitern der deutschen Blitzkriegstrategi

Uranus schafft die Wende

Am Morgen des 19. November 1942 eröffneten 3.500 Artillerierohre im Norden der umkämpften sowjetischen Stadt Stalingrad die Operation Uranus. Bis zum Abend des Tages konnte die Rote Armee eine 70 Kilometer breite Lücke in die faschistischen Linien schlagen. Erste rumänische Truppenteile waren eingekesselt. Mit Beginn des kommenden Tages begann aus dem Süden Stalingrads her die Einkesselung der 6. Armee der Wehrmacht. Die Vorbereitungen der Offensive hatte die Sowjetunion vor den Invasoren verbergen können. Die deutschen Faschisten hatten sich selbst überschätzt und den Gegner unterschätzt. Am 23. November gelang es den ersten sowjetischen Truppen, den Kessel zu schließen. Die deutschen Blitzkriegspläne waren damit endgültig gescheitert.

In den Morgenstunden des 22. Juni 1941 trat Nazideutschland an zum Raub- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Die ersten Eindrücke, die dieser Krieg in der Weltöffentlichkeit hinterließ, waren bestimmt von den anfänglichen Erfolgen der in die Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd aufgeteilten deutschen Wehrmacht. Bereits am 28. Juni wurde Minsk eingenommen. Besonders der Heeresgruppe Mitte gelangen enorme Geländegewinne. Die Rote Armee musste in den Schlachten von Dubno-Luzk-Riwne (23. bis 29. Juni), Uman (15. Juli bis 8. August) und Smolensk (10. Juli bis 10. September) schwere Niederlagen hinnehmen. Am 26. September fiel Kiew. Der US-amerikanische Kriegsminister Henry L. Stimson rechnete damit, dass die Rote Armee im besten Falle drei Monate standhalten könne. Das deutsche Oberkommando war also keineswegs allein mit der hochfliegenden Vorstellung, den Krieg noch vor dem Einbruch des Winters erfolgreich beenden zu können.

Dass dieser Zeitplan trotz aller Erfolge nicht einzuhalten sein würde, zeichnete sich aber schon Ende August ab. Josef Stalins Rede vom 3. Juli, mit der er den Großen Vaterländischen Krieg ausrief, hatte offenbar den Nerv seiner Landsleute getroffen. Der Widerstandswille der sowjetischen Bevölkerung wuchs enorm. Bereits im Juni hatte in der Schlacht von Rossienie (23. bis 27. Juni) die sowjetische Panzerwaffe mit ihren schweren Tanks vom Typ KW-1 und KW-2 trotz der letztlichen Niederlage einen Vorgeschmack ihrer Stärke gegeben. Mit der Entwicklung des T-34 konnte dann ein Panzer ins Gefecht geschickt werden, der allen vergleichbaren deutschen Modellen überlegen war. Beträchtliche Teile der sowjetischen Rüstungsproduktion wurden hinter den Ural verlegt.

Mit dem 8. September begann die Belagerung Leningrads, die 900 Tage dauern sollte und ein grausames Massensterben in der Bevölkerung der Stadt zur Folge hatte – aber nicht deren Kapitulation.

Am 2. Oktober wurde die Schlacht um Moskau eröffnet. Im Verlauf des gleichen Monats nahm die Rote Armee in der Doppelschlacht von Wjasma und Brjansk eine weitere Niederlage hin, auch wenn Teilen der eingekesselten sowjetischen Truppen ein Ausbruch gelang. Aber kurz vor Moskau blieb der deutsche Vormarsch in der sowjetischen Verteidigung stecken – der bisher härteste Rückschlag für Hitlers Kriegsplanung. Und auch anderenorts häuften sich die Misserfolge. Rostow am Don, von der Wehrmacht am 21. November eingenommen, musste schon wenige Tage später wieder geräumt werden. Im Januar 1942 gelang es der Roten Armee vor Moskau, den Feind 250 Kilometer nach Westen abzudrängen.

Mit dem Beginn des Jahres 1942 setzte die Wehrmacht vor allem auf Offensivoperationen im Bereich der Heeresgruppe Süd – Vorstöße im Süden sollten nun Erfolg bringen. Monatelang gab es heftige Gefechte auf der Krim, bis die deutschen Truppen am 5. Juli Sewastopol eroberten. Nach der erneuten Einnahme von Rostow am 24. Juli traf das deutsche Oberkommando eine Entscheidung, die sich als schwerer strategischer Fehler erweisen sollte. Die Heeresgruppe Süd wurde unterteilt in die Gruppen A und B. Die Gruppe A sollte in Richtung Stalingrad vorgehen, während die Gruppe B vorgesehen war für den Vorstoß in die Kaukasusregion. Diese war vor allem interessant wegen ihrer Erdölreserven zum Beispiel in Majkop, Baku und Grosny, um dem chronischen deutschen Treibstoffproblem abzuhelfen. Aber auch hier zeigte sich bald, dass der militärische Zenit überschritten war. Trotz Geländegewinnen im Kaukasus konnte das Gros der Erdölregionen nicht eingenommen werden.

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(Foto: public domain)

Am 23. August begann mit der Schlacht von Stalingrad die grundsätzliche Umkehrung des bisherigen Kriegsverlaufs. Es wäre jedoch verfehlt anzunehmen, Stalingrad stelle nur das Ende einer bis dahin für Deutschland erfolgreichen militärischen Entwicklung dar. Auch wurde in der bundesdeutschen Nachkriegsöffentlichkeit gerne darüber spekuliert, welche „Fehler“ denn beim „Russlandfeldzug“ gemacht worden seien und ob hier nicht ein Sieg unnötig verschenkt worden sei. Rückblickend ist jedoch kein realistisches Szenarium vorstellbar, wie der Wehrmacht die Eroberung – geschweige denn die dauerhafte Sicherung – des gesamten sowjetischen Raumes hätte gelingen können.

Bestimmte Fehlannahmen fallen aber besonders auf. Die deutsche Militärdoktrin war vor allem vom Konzept des Blitzkrieges beherrscht: Schnelle motorisierte Einheiten stoßen mit Luftunterstützung zügig in das feindliche Gebiet vor, um die gegnerischen Kräfte in Zangenbewegungen zu umfassen und dann in Kesselschlachten zu vernichten. Hierbei gehen sie selbst ein nicht geringes Risiko ein, da sie relativ eigenständig operieren und bei Ausbleiben baldigen Erfolges selber Gefahr laufen, abgeschnitten zu werden. Diese Strategie war im Krieg gegen Polen und Frankreich erfolgreich gewesen – allerdings waren die Gegebenheiten in der Sowjetunion gänzlich andere, allein schon in geografischer Hinsicht.
Sehr bald wurden für die Wehrmacht gänzlich überdehnte Nachschub- und Frontlinien zum Problem. Überdies konnte nachrückende Infanterie kaum noch den Kontakt zu den rasch vorstoßenden motorisierten Verbänden halten. All das erleichterte die Operationen sowjetischer Partisanenverbände im Rücken des Gegners. Verschleiß und Witterungsbeeinträchtigung führten zu enormen Materialausfällen, die aufzufüllen die deutsche Kriegswirtschaft kaum in der Lage war. Im Gegenzug arbeitete die sowjetische Rüstungsindustrie nach teilweiser Verlegung Richtung Osten erfolgreich weiter und entwickelte wirksame Neuerungen.

Und vor allem hatten die Faschisten aufgrund ihres rassistischen Herrenmenschendenkens Kampffähigkeit und Kampfgeist der Roten Armee und der Völker der Sowjetunion in geradezu groteskem Maße unterschätzt. In Gestalt der Rotarmistinnen und Rotarmisten, der sowjetischen Zivilistinnen und Zivilisten trat den deutschen Soldaten eine moralische Kraft gegenüber, die sie nicht erwartet hatten und welche die ihre bei weitem überstieg.

Der erste Teil der Artikelreihe zum 80. Jahrestag des Sieges der Roten Armee in der Schlacht von Stalingrad erschien in der UZ vom 23. September.

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"Uranus schafft die Wende", UZ vom 18. November 2022



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