Am 30. September 1938 wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet

Der Weg in den Zweiten Weltkrieg

Zum Jahreswechsel 1942/43 gelang es der Roten Armee endgültig, die faschistische Vernichtungsmaschinerie zurückzuschlagen und die strategische Initiative für die Befreiung Europas zu übernehmen. Unter ungeheuren Opfern verteidigte sie die Stadt Stalingrad und zwang die 6. Armee der Wehrmacht zur Kapitulation. Dieser bedeutende Moment der Hoffnung auf Befreiung von Faschismus und Krieg jährt sich zu Beginn des kommenden Jahres zum 80. Mal. Wir berichten in den kommenden Monaten in der UZ von dieser entscheidenden Schlacht und ihrer Vorgeschichte.

In den nahe der Grenze zu Deutschland gelegenen Regionen der nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Tschechoslowakei (ČSR) lebten Angehörige einer deutschstämmigen Minderheit, die sogenannten Sudetendeutschen. Seit der Machtübertragung an die Nazis im Januar 1933 in Deutschland hatte in den Reihen dieser Volksgruppe die Sudetendeutsche Partei enorm an Einfluss gewonnen. Unter ihrem Führer Konrad Henlein fungierte sie faktisch als Auslandsfiliale der NSDAP. Diese wiederum verbreitete ausgiebig Berichte über Verfolgung und Diskriminierung, denen die Sudetendeutschen von tschechoslowakischer Seite angeblich ausgeliefert waren. Das Deutsche Reich trat als Schutzmacht einer verfolgten Minderheit auf – eine bis heute nicht aus der Mode gekommene Methode zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten missliebiger Staaten.

Der Kern des Münchner Abkommens bestand nun darin, dass sich Édouard Daladier (Frankreich), Neville Chamberlain (Britannien) und Benito Mussolini (Italien) mit Adolf Hitler darauf einigten, dass die Tschechoslowakei die Sudetengebiete an Deutschland abzutreten habe. Die tschechoslowakische Regierung wurde nicht gefragt – sie war nicht einmal nach München eingeladen worden. In klassischer Kolonialherrenmanier verschenkten die Westmächte Land, das ihnen nicht gehörte. Nicht verschwiegen werden sollte, dass auch Polen die Gunst der Stunde nutzte und sich auf tschechoslowakische Kosten mit dem Anschluss des Teschener Gebiets bediente.

Nach seiner Rückkehr nach London verkündete Chamberlain freudig: „Peace for our time!“ Er präsentierte sich als derjenige, der nun mit einem seiner Meinung nach akzeptablen Zugeständnis Deutschland zufriedengestellt und für Europa den Frieden gerettet habe. Dass diese Perspektive auf Sand gebaut war, zeigte sich noch nicht einmal ein Jahr später, als am 15. März 1939 die Wehrmacht über das annektierte Sudetengebiet hinaus in Tschechien einrückte. Der tschechische Landesteil wurde als Reichsprotektorat Böhmen und Mähren deutscher Verwaltung unterstellt, während die Slowakei zu einem formal unabhängigen faschistischen Satellitenstaat umgeformt wurde.

Die sowjetische Regierung hatte sowohl Frankreich als auch der Tschechoslowakei militärische Kooperation angeboten, um Nazideutschland wirksam entgegenzutreten und die Souveränität der ČSR zu schützen. Freilich waren die sowjetischen Möglichkeiten hier begrenzt, hätte es doch einer polnischen Durchmarschgenehmigung bedurft, damit die Rote Armee die tschechoslowakischen Truppen hätte unterstützen können – und daran wurde seitens der polnischen Regierung in keiner Weise gedacht.

Was ist von der Interpretation zu halten, dass es sich beim Münchner Abkommen um einen Versuch der Friedensrettung gehandelt habe? Die Bundeszentrale für politische Bildung etwa macht sich diese Sichtweise zu eigen. Der Komintern-Vorsitzende Georgi Dimitroff merkte in seinen Tagebuchaufzeichnungen an, dass das Münchner Abkommen letztlich gegen die Sowjet­union gerichtet sei. Josef Stalin stellte in seinem Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag der KPdSU Überlegungen darüber an, ob man Deutschland Gebiete der Tschechoslowakei nicht als Kaufpreis für den zu beginnenden Krieg gegen die Sowjetunion überlassen habe. Schließlich sei in der politischen Öffentlichkeit der Westmächte durchaus Enttäuschung darüber zu bemerken, dass dieser bislang ausgeblieben wäre.

Unverkennbar war in München das Bemühen, die Sowjetunion von den Entscheidungen auszuschließen. Das bis dahin von Deutschland sowie von seinen Partnern Japan und Italien gezeigte Verhalten lässt es wenig wahrscheinlich erscheinen, dass die durch Chamberlain nach der Vertragsunterzeichnung demonstrierte Friedensseligkeit ernst zu nehmen war. Offenbar ging es weniger um die Rettung des Friedens als vielmehr darum, einem zu erwartenden Krieg die gewünschte Stoßrichtung zu verleihen. Mit der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags gelang es der Sowjetunion, diese Planungen zumindest vorerst noch einmal zu durchkreuzen. Wenn sich Chamberlain und Daladier in München als Heuchler gezeigt hatten, so findet diese Heuchelei ihre Fortsetzung bis auf den heutigen Tag. Der Nichtangriffsvertrag zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich soll nun den Sündenfall darstellen, welcher den Zweiten Weltkrieg erst ermöglicht habe. Über den Verrat von München hingegen schweigt man schamhaft, ebenso wie über die westliche Zurückweisung von sowjetischen Kooperationsangeboten zur Eindämmung Hitlerdeutschlands im Vorfeld von München. Von dort zieht sich – wenn auch nicht ohne Umwege – eine Linie bis zum Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.


Als das „Abkommen zwischen Deutschland, dem Vereinigten Königreich, Frankreich und Italien“ – besser bekannt als Münchner Abkommen – in der Nacht vom 29. auf den 30. September 1938 unterzeichnet wurde, standen die Zeichen in Europa und Asien bereits auf Sturm – und es ist berechtigt zu fragen, ob die bis heute gültige Terminierung des Beginns des Zweiten Weltkriegs mit dem 1. September 1939 nicht zu spät angesetzt ist. Schließlich hatte Japan bereits am 18. September 1931 die zu China gehörende Mandschurei überfallen. Am 1. März 1935 erfolgte die Einverleibung des Saarlands durch Hitlerdeutschland. Mussolinis Truppen fielen am 3. Oktober 1935 über Äthiopien her. Ab dem 7. März 1936 marschierte die Wehrmacht in das zuvor entmilitarisierte Rheinland ein. Und nur vier Monate später eröffnete Francisco Franco am 17. Juli 1936 den Krieg gegen die Spanische Republik mit großzügiger Hilfe durch Hitler und Mussolini. Am 7. Juli 1937 weitete sich der chinesisch-japanische Konflikt zu einem umfassenden Krieg aus. Beim Massaker von Nanking im Dezember desselben Jahres fielen 300.000 Chinesinnen und Chinesen den barbarischen Exzessen der japanischen Truppen zum Opfer. Als man in München zusammenkam, hatten Deutschland und seine Verbündeten also bereits gezeigt, was von ihnen zu erwarten war.



Aus dem Aufruf des ZK der KPD „An das deutsche Volk!“ von Anfang Oktober 1938
Hitler hat in den letzten Septembertagen Deutschland an den Rand eines neuen Weltkrieges gebracht. Die Angst vor den schrecklichen Folgen eines solchen Krieges erfüllte den größten Teil unseres deutschen Volkes, das den Krieg verabscheut und aus ganzem Herzen den Frieden wünscht. Aber wenige Tage nach der Münchener Konferenz hielt Hitler neue Drohreden gegen andere Länder, wie in Saarbrücken. Schon kündigte er den Bau weiterer Ausfallsbefestigungen gegen Frankreich an. Soll so der versprochene Frieden aussehen? Sollen unser Volk und unser Land wieder neuen Tagen des Kriegsschreckens entgegengetrieben werden? (…)
Deutsches Volk! München war eine Verhöhnung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Die Tschechoslowakei war von der Entscheidung über ihr eigenes Geschick ausgeschaltet. Und Hitler hat das Münchener Diktat zur Unterdrückung von einer Million Tschechen, zur Annektierung vieler rein tschechischer Orte ausnützen können. Nein, der Münchener imperialistische Kuhhandel entspricht ebenso wenig der Sehnsucht unseres deutschen Volkes nach einem wirklichen und dauerhaften Frieden wie der Friedenssehnsucht der andern Völker. (…)
Es sind die volksfremden Interessen des eroberungsgierigen deutschen Großkapitals und der neureichen Nazibonzen, die Hitler zu immer neuen Abenteuern und Kriegsprovokationen treiben.
Hitlers Hintermänner sind die alten Kriegstreiber von 1914, die Millionäre und Rüstungsgewinnler. Hitler setzt größenwahnsinnig und mit faschistischen Gewaltmethoden die verhängnisvolle alldeutsche Eroberungspolitik fort, die im Jahre 1918 zur Niederlage und zu Versailles führte. Hitler will Herr im Hause der andern Völker sein! Darum seine kriegerische Einmischung zugunsten Francos in Spanien, darum seine Zerstückelung und Unterjochung der Tschechoslowakei. Darum drohte Hitler in seiner Saarbrückener Rede mit dem Weltkrieg, falls in England und Frankreich sich die Völker anstelle Chamberlains und Daladiers andere Regierungen erwählen. (…)
Die Naziführer reden jetzt viel vom „Friedenswillen aller Völker“ und einem „neuen Europa“. Da ist es endlich an der Zeit, überall die Frage zu erheben: Wenn Frieden, wozu dann noch länger die wahnwitzigen Rüstungen? Warum wird nicht die gesamte Wirtschaft sofort auf Friedensbedarf zur Hebung des Wohlstandes des Volkes umgestellt? (…)
Deutsches Volk! Nur durch Deine Einigung zum Kampf für Frieden und Freiheit, nur durch Deinen Zusammenschluss in der Volksfront gegen die Hitlertyrannei kannst Du Dir das Recht erringen, selbst über Dein Schicksal zu entscheiden, und nur dadurch kannst Du das Unglück des Krieges für immer bannen!
Zitiert nach: „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“, Band 5


✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Der Weg in den Zweiten Weltkrieg", UZ vom 23. September 2022



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Fahne aus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]