Zu Carsten Gansels Lebensbeschreibung Brigitte Reimanns

Von der Schriftstellerbiografie zur Literaturgeschichte

Das Jahr 2023 hatte zwei Jubiläen der Schriftstellerin Brigitte Reimann zu verzeichnen: ihren 90. Geburtstag am 21. Juli und ihren 40. Todestag am 20. Februar. Es war ein kurzes, aber intensives Leben, auch als Schriftstellerin. Die Wirkung ihrer Literatur war stets vielschichtig und rief unterschiedlichste Urteile hervor. Man glaubte nach dem Fragment gebliebenen Roman „Franziska Linkerhand“ (1974) an ein zweites, anderes Leben der Bücher Brigitte Reimanns nach ihrem Tode, woraus ein Leben als Kritikerin der DDR abgeleitet werden könne. Dass das literarische und publizistische Werk der Schriftstellerin eine spannungsreiche Einheit bildet, belegt Carsten Gansel auf eine außergewöhnlich eindrucksvolle Weise, die zu dem Ergebnis führt, dass man das Werk der Reimann „als eine Gesellschaft bezeichnen kann“, die durch „Beziehungen zwischen Menschen; dem Leben in der Familie, im Freundeskreis, im Betrieb“ geprägt wird und in dieser Form ihre volle Berechtigung hat, ja sogar nach 1945 in dieser Weise notwendig geworden ist. Der Autor entwickelt sein Gesamtbild an einer solchen Fülle von Beispielen, dass das Buch mehr als eine „Biographie“ ist. Vielmehr wäre es als „Literaturgeschichte einer besonderen Schriftstellergeneration“, einer Generation von Schriftstellern der DDR zu bezeichnen. Ohne das Maß einer Rezension zu sprengen wird hier lediglich der Vorgang verfolgt, wie sich aus der anfänglichen Betrachtung der Werke Brigitte Reimanns die Grundzüge einer Literaturgeschichte herausbildeten, in die beiläufig sogar Rezeptionsvorgänge einbezogen wurden: über die im Zusammenhang mit den sowjetischen Literaturen bekannten vorzüglich die zur englischsprachigen Literatur.

Ein erstes Reimann-Bild entwickelte sich vor ihrem Tod am 20. Februar 1973 und stützte sich auf mehrere erfolgreiche Erzählungen („Das Geständnis“, „Ankunft im Alltag“), Hörspiele, teils gemeinsam mit ihrem Mann Siegfried Pitschmann verfasst, und Reiseberichte. Bald nach ihrem Tode entstand ein zweites Bild, das mit ihrem literarischen Nachleben begann, aber auch erst mit ihrem Tod beginnen konnte, denn zum großen Erfolg wurde ihr großer Roman, der aber Fragment blieb: „Franziska Linkerhand“; begleitet und umgeben wurde das Buch von eindrucksvollen Tagebüchern und Briefsammlungen, die nicht entstanden waren zur Sicherung eines historischen Repräsentationsbildes.

Zum Jubiläumsjahr 2023 lagen mehrere Neuauflagen, Übersetzungen ihres Werkes ins Englische – oder Werke aus dem Nachlass wie „Die Denunziantin“ vor. Zu den beiden vorhandenen unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Sichtweisen auf Werk und Schaffen mit scheinbar unterschiedlichem, fast gegensätzlichem Charakter und zu ihrem teils turbulenten, teils streng zielgerichtet geführten Leben erschien eine neue Biografie, die mit großer Selbstverständlichkeit von ihrem Verfasser Carsten Gansel als „die Biografie“ bezeichnet wird, und die den interpretatorisch gewichtigen Titel „Ich bin so gierig nach Leben“ bekam.

Die bisherigen Arbeiten Gansels auf biografischem und interpretatorischem Gebiet ließen Großes erwarten, was dann vorgelegt wurde, ist einfach großartig und hilft nicht nur beim Verständnis der Werke Brigitte Reimanns, sondern wird auch zur Handreichung bei politischen Fragen werden. Gleich zu Beginn stellt Gansel zwei Säulenheilige der politisch wirksamen Literatur auf: Brecht und Weiss. Er blickt in die Bibliothek seiner Großmutter – einer Lehrerin – und erkennt in deren Ordnung den Versuch einer „individuellen Teilhabe an dem, was man kulturelles Gedächtnis nennen kann.“

4211 01 - Von der Schriftstellerbiografie zur Literaturgeschichte - Aufbau Verlag, Brigitte Reimann, Carsten Gansel - Kultur

Dass das so beeindruckend wirkt, hat zwei Ursachen: Gansel begriff und beschrieb Leben und Schaffen der Reimann erstens als leidenschaftlich geführtes individuelles Leben mit Brüchen, Begegnungen, Auseinandersetzungen, etlichen Verhältnissen und vier Ehen, und zweitens erscheint das Schreiben einer Reimann einem alles bestimmenden Auftrag zum Schreiben verpflichtet, zum Beschreiben eines außergewöhnlichen Lebens in einer anspruchsvollen Zeit. Dabei machte der Autor deutlich, dass dieses Leben trotz aller Widersprüche einem politischen Ziel folgte, der Gestaltung einer neuen Gesellschaft. Unter diesem Anspruch zerfielen Leben und Schaffen nicht in zwei Teile, dabei gegensätzlich gesehen, wie so oft bei Aussagen der Kritiker über Brigitte Reimann zu finden ist, sondern sie bilden einen einheitlichen Vorgang. Bildete den Kern der Biografie eine ernst genommene Dialektik von Individuum und Gesellschaft, so war die zweite Ursache für das Gelingen des Vorhabens die persönliche Engagiertheit des Autors oder, wie die Überschrift des 2. Kapitels heißt: „Herkunft kenntlich machen – Spurensuche“. Was er konsequent und detailliert auf 700 Seiten über das kurze Leben Brigitte Reimanns unternimmt: Im „Prolog – wo die Anfänge liegen oder der Bücherschrank der Großmutter“, wird im 1. Kapitel für Gansel selbst versucht. Neben dieser Anlage der Biografie bot es sich an, zu den dominierenden Themen der Werke Brigitte Reimanns historische Vorgänge in die Beschreibung dieses Lebens aufzunehmen.

Deutlich wird das zum Beispiel daran, welche große Rolle für Brigitte Reimann der von ihr geleitete Zirkel schreibender Arbeiter spielt und wie der Roman „Franziska Linkerhand“ davon profitiert: Schon der Name der Stadt, in der er spielt – Hoyerswerda – ist ein Programm. Der Roman stellt auch eine Krönung des Bitterfelder Weges dar; er korrespondiert mit der Bewegung schreibender Arbeiter und ihren Bildungsabsichten. Seine Verfasserin wurde, wie Gansel schreibt, „zu einer Art ‚Kultautorin‘“ gerade mit diesem Werk. Es erweitert sich dadurch auch der auf sie angewendete Begriff der „Ankunftsliteratur“. Da erscheint die Tatsache, dass der Roman Fragment bleiben musste, der Würdigung immanent, denn der Vorgang der Verwirklichung der Neubaustadt war ein unendlicher und seine Abbildung ein Werk im Prozess. Der Konflikt zwischen Entwurf und Wirklichkeit einer Neubaustadt ist neben der Liebesgeschichte zwischen Franziska und Ben konstituierend für den Roman. War diese Einordnung des Romans durch Gansel in einen historischen Ablauf schon bemerkenswert genug, so plädierte er nach 1989 dafür, dass die Tagebücher der Reimann und natürlich auch der Roman „ein Stück Alltagsgeschichte der DDR“ liefern, dass die Reimann durch sie nicht zur „von der Staatssicherheit bedrohten Systemkritik“ gekommen sei oder zu einer sich „vom Dogma des ‚sozialistischen Realismus’ befreienden Autorin“ geworden ist. In diesem Zusammenhang setzte sich Gansel auch von der verbreiteten Interpretation der Reich-Ranicki und anderer ab, Brigitte Reimann sei wie die „Christa T.“ der Christa Wolf zwar an einer Krankheit gestorben, gelitten habe sie aber an der DDR. Wenn Wertmaßstäbe einseitig von den bestehenden Verhältnissen werden, „wird schwerlich ein lebendiges Bild von jener wirklichen Wirklichkeit“(Anna Seghers) zu entwerfen sein, in der Brigitte Reimann lebte. Gansel versucht, und es ist ihm grundsätzlich geglückt, aus einer Biografie einer Autorin mit einem zudem überschaubaren Werk, allerdings ungewöhnlich vielschichtig, einen Abriss einer Geschichte der Literatur der DDR zu entwickeln.

Schließlich eine letzte Bemerkung zu den Besonderheiten dieser Literatur. Um deren Besonderheiten zu beschreiben, widmet er sich der Unterscheidung von Schriftstellern, die in der DDR geblieben sind, und jenen, die sie verlassen haben. Er wählt dafür zwei Autoren, die ihm gleichermaßen vertraut sind, Brigitte Reimann und Uwe Johnson, der die DDR verlassen hat und mit dessen Werk sich Gansel ebenfalls intensiv beschäftigt hat. In der Reimann-Biografie wird er als Projektionsgröße verwendet, um die Gegensätzlichkeit der beiden Autoren und ihrer Entwicklung zu beleuchten. Beide Autoren begannen unter ähnlichen Bedingungen zu schreiben, beide widmeten sich ähnlichen Themen und beide gelangten zu unterschiedlichen Positionen. Brigitte Reimanns Absichten drängten zu einer Literatur, die „identitätsstiftend, kollektivbildend und gesellschaftslegitimierend“ wirken wollte und damit typisch für die DDR wurde.


Carsten Gansel
Ich bin so gierig nach Leben. Brigitte Reimann. Die Biographie
Aufbau Verlag, 704 Seiten, 30 Euro


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Über den Autor

Rüdiger Bernhardt (Jahrgang 1940). Nach dem Studium der Germanistik, Kunstgeschichte, Skandinavistik und Theaterwissenschaft (Prof. Dr. sc. phil.) tätig an Universitäten des In- und Auslandes und in Kulturbereichen, so als Vorsitzender der ZAG schreibender Arbeiter in der DDR, als Vorsitzender der Gerhart-Hauptmann-Stiftung (1994-2008) und in Vorständen literarischer Gesellschaften. Verfasser von mehr als 100 Büchern, Mitglied der Leibniz-Sozietät, Vogtländischer Literaturpreis 2018.

Er schreibt für die UZ und die Marxistischen Blätter Literaturkritiken, Essays und Feuilletons zur Literatur.

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"Von der Schriftstellerbiografie zur Literaturgeschichte", UZ vom 20. Oktober 2023



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