Rund 50 Staats- und Regierungschefs und 100 Außen- oder Kriegsminister waren zur sogenannten „Sicherheitskonferenz“ in die bayerische Hauptstadt gekommen; Russland war nicht eingeladen. Kanzler Friedrich Merz machte auf Gastgeber. Mit seiner teilweise auf Englisch gehaltenen Rede bereitete er dem US-amerikanischen Außenminister Marco Rubio die Bühne für eine Kriegserklärung der alten Kolonialmächte Westeuropas und ihres „Kindes“ in Nordamerika an den Rest der Welt.
Weil es vor allem gegen den Rest der Welt ging und nicht – wie im Vorjahr bei der Rede des US-amerikanischen Vizepräsidenten JD Vance – gegen die Europäische Union, gab es stehenden Applaus. Allerdings mussten sich dazu erst der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und dann die deutschen Außen- und Kriegsminister Johann Wadephul und Boris Pistorius klatschend von ihren Stühlen erheben. Sie zogen jene mit, die während Rubios Rede noch skeptisch blickten. Die wenigsten hatten wohl verstanden, was da gerade geschehen war.
Rubio hatte nicht mehr und nicht weniger gesagt als das: Fünfhundert Jahre habe Westeuropa und seine Tochtergründung an der nordamerikanischen Ostküste expandiert und so die Welt beglückt. Den Glauben an die eigene Mission hätten diese Staaten aber inzwischen verloren. Das sei der Grund für die jetzt entstandene Phase von Unsicherheit in der ganzen Welt. Amerika aber (also die USA) habe sich unter Trump entschlossen, wieder an diese segensreiche Zeit der Missionierung der Welt mit Bibel und Schwert anzuknüpfen. Es wäre wünschenswert, wenn sich Westeuropa dieser Rückbesinnung auf die eigene Geschichte der Expansion anschlösse. Wenn nicht, würde Amerika das eben alleine machen. Schöner wäre es aber mit der EU gemeinsam. Für die UNO hatte Rubio nur Verachtung übrig. Die von vielen Medien hierzulande bejubelte ausgestreckte Hand aus Washington ist eine gepanzerte Hand. Wer sie ergreift, entscheidet sich für Krieg in der Tradition der Konquistadoren, Indianerschlächter und Sklavenhalter.
Gleich nach diesem Plädoyer für eine neue Phase des Kolonialismus hatte der chinesische Außenminister Wang Yi für immerhin 10 Minuten die Gelegenheit, das Gegenprogramm zu skizzieren. Wer zuhörte und die Rede nachliest, kennt das jetzt: Statt die Errungenschaften der letzten 80 Jahre zu zerreißen und sich dem Trend des Zusammenwachsens der ganzen Menschheit entgegenzustemmen gelte es, ausgehend von der UNO als zentraler Plattform und großer Errungenschaft, ein System gleichberechtigter Multipolarität auf der Basis von Regeln und Recht zu schaffen. In ihm müssten Entwicklungsländer einen ihnen angemessenen größeren Platz bekommen. Wer sich in „kleinen Höfen und hinter hohen Mauern“ verschanze, könne den Wohlstand seiner Völker nicht fördern.
Eine Zwangsläufigkeit der Geschichte gibt es nicht. Sie wird von den Völkern geschrieben. Vor großen Weichenstellungen gibt es meistens einige Jahre und Jahrzehnte, in denen sich jeder einzelne Mensch entscheiden muss, wem er sich anschließen, wem er seine Stimme geben und wen er oder sie unterstützen will. In solchen Jahren leben wir jetzt. Trotz der Düsterkeit dieser von Uniformträgern geprägten „Sicherheitskonferenz“ und dank der Reden aus Washington und Peking liegen die beiden Möglichkeiten offen vor jedem, der hören und lesen kann. Wer Rubios Weg geht, endet in endlosen Kriegen. Wer den von Wang Yi aufgezeigten Weg geht, entscheidet sich für Frieden, Völkerfreundschaft und Entwicklung aller zu mehr Wohlstand.


