Netflix macht sich auf die Suche nach Rohwedders Mörder

Wem nützt es?

Pünktlich zum 30. Jahrestag der Konterrevolution hat Netflix die erst deutsche True-Crime-Doku rausgebracht: „Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit“. Verhandelt wird dort in nachgestellten Szenen, Originalaufnahmen aus den Jahren 89 bis 93 und heute angefertigten Interviews der Mord an Detlev Carsten Rohwedder, dem ersten Chef der Treuhand.

Rohwedder wurde am 1. August 1991 durch zwei Schüsse in das Arbeitszimmer seiner Düsseldorfer Villa getötet, seine Frau wurde durch einen dritten Schuss schwer verletzt. Der Schütze hatte mit einem Präzisionsgewehr aus der Kleingartenanlage gegenüber gefeuert und akkurat getroffen, einmal ins Rückenmark, einmal in die Luftröhre. Das spiegelnde Fenster hatte dabei nicht gestört.

Georg Tschurtschenthaler und Jan Peter haben für ihre vierteilige Doku von Ex-Finanzminister Theo Waigel über ehemalige RAF-Mitglieder bis zu Verfassungsschutz-, BKA-, BND- und LKA-Leuten und einem Kriminalreporter eine Menge Menschen befragt, die vielleicht etwas zum Mord an Rohwedder sagen könnten.

Da gefällt sich dann Theo Waigel darin, zu bedauern, dass er wegen des Mordes seinen Ski-Urlaub abbrechen musste und darin, dass er knallhart jegliche Hilfe an die DDR abgelehnt hat, außer es gäbe „eine grundlegende Änderung des Wirtschafts- und Sozialsystems“ – Danke, wir erinnern uns. Das in der BRD wurde im Anschluss gleich mit verschlechtert. Der olle Rassist Thilo Sarrazin, damals Referatsleiter im Finanzministerium, freut sich verkünden zu dürfen, dass er „der festen Überzeugung (war), dass das DDR-Vermögen Null war, Die DDR sah das anders, aber das war egal“. Ein Treuhand-Mitarbeiter bedient die altbekannte Mär, dass die DDR ja keinen Wohlstand geschaffen habe, obwohl „alle Menschen Arbeit hatten, keiner obdachlos war“ und so weiter und so fort. Fragt sich halt, wie man Wohlstand einer Gesellschaft so definiert.

Bitter wird die Mini-Serie dann, wenn die Menschen zu Wort kommen, denen die Annexion der DDR alles genommen hat. Eine Frau spricht über ihren Selbstmordversuch, weil sie „keinen anderen Ausweg“ mehr gesehen hat, eine weitere droht mit erweitertem Suizid, denn „in diesem Land lasse ich meine Kinder nicht alleine“. Hero Brahms, Vize-Präsident der Treuhand, kommentiert im Interview lapidar: „Die Menschen waren das erste Mal ohne Recht auf Arbeit.“

In den Teilen 2 bis 4 geht die Doku der Frage nach, wer es denn nun eigentlich war. Die RAF? Die Stasi? Ein Profikiller, vielleicht im Auftrag des Tiefen Staats? Ausführlich kommen LKA, BKA und Verfassungsschutz zu Wort, mal mehr, mal weniger linientreu. Für die interviewten BKA-Männer war es natürlich die RAF, schließlich hatten sie ein Bekennerschreiben hinterlassen. Dass die Bewachung Rohwedders trotz erhöhter Gefahrenlage klein gehalten wurde und in der Tatnacht die Überwachungskameras aus waren, stört in der Sache wenig. Für den Chefanalysten vom Verfassungsschutz ist klar, wer es war, man müsse schließlich nur der Frage nachgehen „wem nützt es?“. Es war die Stasi, ein Rachemord. Wieso ein Rachemord der Stasi nützt, verrät er aber nicht.

Interessant wird es als Mr. X, 35 Jahre verdeckter Ermittler beim BKA, und Bernd Wagner, damals Leiter der Abteilung Staatsschutz des LKAs der Neuen Länder, zu Wort kommen. Gab es überhaupt eine dritte Generation der RAF? Warum haben sie forensisch so einwandfrei gearbeitet, dass es keine Spur gab, aber doch so dilettantisch, dass man den Mord Jahre später dem praktischerweise erschossenen Wolfgang Grams anhängen konnte? Jahrzehntelang stümpert diese RAF mehr oder weniger erfolgreich vor sich hin, und kann dann mit einer Sprengfalle, wie sie auch laut BKA nur wenige bauen können, erst den Deutsche-Bank-Chef Herrhausen, der für die Entschuldung der dritten Welt eintrat, und dann mit zwei Präzisionsschüssen, wie sie auch nicht jeder hinbekommt, den Präsidenten der Treuhand, der die DDR nicht komplett ausverkaufen wollte, ins Jenseits befördern. Das kann wirklich nur glauben, wer sich die Frage nach dem Nutzen noch nie gestellt hat, und wer nicht weiß, dass es auch mal Streit zwischen verschiedenen Kapitalfraktionen gibt.

Nach Detlev Rohwedder wurde, so bekannt wie schrecklich, Birgit Breuel Chefin der Treuhand und nahm die „marktwirtschaftliche Orientierung in den Fokus“. Und was heißt Marktwirtschaft? „Schnell Privatisieren“. Und es ging schnell, der Sanierer Rohwedder war ja weg.

Im Abspann des letzten Teils heißt es: „Der Mord an Detlev Carsten Rohwedder ist bis heute nicht aufgeklärt. Die Treuhand hat das gesamte Vermögen der DDR privatisiert. 94 Prozent der Unternehmen wurden von westdeutschen oder internationalen Unternehmen übernommen. Nur 6 Prozent blieben den Menschen in Ostdeutschland.“ Ja, wem nützt es?


Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit
Deutschland 2020, abbrufbar bei Netflix.
Wer mehr erfahren möchte darüber, wie der Mord an Rohwedder, der Absturz eines Flugzeuges über dem Dschungel von Thailand und der Mord an Wolfgang Grams zusammenhängen, der lese „Die blaue Liste“ von Wolfgang Schorlau, Kiwi-Taschenbuch, 9,99 Euro.

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Wem nützt es?", UZ vom 9. Oktober 2020



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