Zu „Chinas ‚Überkapazitäten‘“, UZ vom 28. Juni

Wessen Nutzen?

Pascal Braun, Siegen

Ich bin beim Lesen von Wolfram Elsners Artikel über einen sehr markanten Satz gestolpert. Er schreibt lobend über eins der Geheimnisse des chinesischen Erfolgs: „Preiswettbewerb: Was der Kapitalismus schon lange nicht mehr kennt: Chinesische Unternehmen müssen wieder echten Preiswettbewerb zugunsten der Käufer und Nutzer generieren. China hat die Konzerne in den letzten Jahren einer harten Wettbewerbskultur unterworfen und entsprechende Crackdowns auf die Oligopole des IT-, Immobilien-, Banken- und Finanzsektors durchgeführt.“ An diesem Satz sind mehrere Sachen verkehrt. Erstens: wie kommt Wolfram Elsner zu dem Schluss, „der Kapitalismus“ kenne keinen „echten Preiswettbewerb“? Marx hätte sicherlich widersprochen.

Denn laut Marx ist die „Konkurrenz (…) überhaupt die Weise, worin sich das Kapital durchsetzt“. Einen Kapitalismus ohne Konkurrenz und somit auch ohne Preiswettbewerb gibt es schlichtweg nicht. Zweitens: Selbst wenn wir annehmen, es würde stimmen, dass es diesen Wettbewerb nur in China gäbe: wie kommt er darauf, dass dies „zugunsten der Käufer und Nutzer“ wäre? Es ist doch gerade umgekehrt. Dieser Wettbewerb sorgt dafür, dass Unternehmen bankrottgehen und dass Arbeiter ihren Arbeitsplatz, also ihre Existenzgrundlage verlieren. Zudem sollte danach gefragt werden, wie diese niedrigen Preise eigentlich zustandekommen. Nämlich entweder durch Produktivkraftentwicklung (zum Beispiel Arbeitsverdichtung) oder Senkung/Stagnation der Löhne. Nützlich ist dies nicht – zumindest nicht für die Arbeiterklasse. Insgesamt scheint mir der Artikel dasjenige zu glorifizieren, was wir hier in Deutschland zurecht als kapitalistischen Alltagszustand ablehnen.

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"Wessen Nutzen?", UZ vom 12. Juli 2024



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