„Einen Film zu drehen ist die beste Filmkritik.“ Irritiert hört der Filmproduzent George de Beauregard diesen Satz in der Redaktion der legendären Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“ – ausgerechnet von seinem Lieblingskritiker, der anders als seine Kollegen Jacques Rivette und Éric Rohmer bislang noch keinen eigenen Spielfilm gemacht hat, aber aus seiner Verachtung für „Beau-Beaus“ bisherige Produktionen keinen Hehl macht. Schlimmer noch! Wie dieser Jean-Luc Godard mit hochtrabenden Zitaten um sich wirft und wie er sich das Filmemachen vorstellt, das müsste bei Beauregard alle Alarmglocken schrillen lassen …
Die beschriebene Szene aus Richard Linklaters „Nouvelle vague“, stilgerecht ganz in Schwarzweiß und dem klassischen Bildformat 1 zu 1,37 gedreht, ist ein künstlerischer Anachronismus, ein filmgeschichtlich „historischer“ Moment. Es beginnt mit einem 36-minütigen Blick auf die Ursprünge der Bewegung, die um 1959/1960 den konventionellen europäischen Film vom Kopf auf die Füße stellte. Dem folgt – Tag für Tag durchnummeriert – die Rekonstruktion der 20 Drehtage zu Jean-Luc Godards legendärem Film „À bout de souffle“ („Außer Atem) – so wie sich Richard Linklater und seine vier Drehbuchautoren das vorstellen.
Der 1960 in Houston/Texas geborene Produzent und Regisseur hat neben seinen rund 30 in den USA gedrehten Filmen mehrfach in Europa gedreht und mit Titeln wie „Before Sunrise“ (1995) und „Before Sunset“ (2004) sich ins Herz des europäischen Publikums gespielt. Seiner Bewunderung für die Cahiers-Rebellen und ihren Oberrebellen Godard hat Linklater in „Nouvelle vague“ nun offenbar vollen Lauf gelassen. Herausgekommen ist eine Hommage, die von gründlicher Recherche zeugt, aber vor Fakten, Figuren, Zitaten und (heute kaum noch bekannten) Namen geradezu überläuft. Für Regiegrößen wie Otto Preminger, Roberto Rossellini oder Jean-Pierre Melville erlaubt sich Linklater sogar amüsante ironische Szenen, die sie als Schnorrer, Tyrannen oder Texascowboy belächeln.
Zum Glück beschränkt sich Linklaters Inszenierung nicht auf die Dutzende von großen Akteuren aus jenen Jahren. Auch Nebenfiguren aus Aufnahmeleitung, Schnitt und Technik erhalten kurze Auftritte mit Namensnennung und Godards wichtigster Mitarbeiter Raoul Coutard darf ausführlich erklären, wieso seine Erfahrung als Kriegsfotograf im Vietnamkrieg ihn für das Experiment „À bout de souffle“ qualifiziert. Warum er als Besetzung der Neben- und sogar der Hauptrollen unbekannte Darsteller wählte, erklärt Linklater im Interview: „Um die Illusion zu bewahren, mussten wir Darsteller finden, die ihrer echten Figur ähnlich sahen, aber auch unbekannt genug waren, um den Zauber nicht zu brechen, dass wir uns wirklich unter Godard und seinen Leuten bewegen.“
Dass Linklater und seine Truppe sich in jeder Drehphase diesem Zauber ohne Schielen auf die Vermarktung geöffnet hat, spürt man in jeder der 105 Filmminuten, und wer noch immer überzeugt ist, dass Kino mehr als Hollywood oder Blockbusterserien ist, wird wie ich diese Hommage an das französische Kino jener Zeit vollauf genießen. Allerdings könnte man meinen, Linklater sei ein Opfer seiner detailversessenen Recherchen geworden. Wie vor Verehrung kniend mag er keine seiner Entdeckungen missen. Oder sollte er die gewaltigen Veränderungen übersehen (gar bewusst ignoriert?) haben, die seit den 1960er Jahren das europäische Kinopublikum völlig umgekrempelt haben? In Zeiten von Streaming, TV-Serien und Netflix&Co. ist es wohl kühn, vorauszusetzen, dass Linklaters Publikum Aussehen und Gestik der Rossellinis, Melvilles, Chabrols und Truffauts heute noch präsent sind. Von den Dutzenden der übrigen Figuren ganz zu schweigen. (So viel Beckmesserei sei mir erlaubt, obwohl ich – siehe Eingangszitat – noch keinen eigenen Film gemacht habe.)
Nouvelle Vague
Regie Richard Linklater
Unter anderem mit Zoey Deutch, Guillaume Marbeck, Aubry Dullin, Adrien Rouyard









