Alte Normalität

Kolumne von Olaf Matthes

Seit einem Jahr sprechen der chinesische Präsident Xi Jinping und Ministerpräsident Li Keqiang davon, dass die chinesische Wirtschaft in einer „neuen Normalität“ angekommen sei: Von zweistelligen Wachstumsraten zu weniger hohen, von Export zu inländischem Konsum, von Billigproduktion zu Innovation. Für dieses Jahr sagt die Regierung ein Wirtschaftswachstum von rund sieben Prozent voraus – dafür sei das neue Wachstumsmodell nachhaltig.

Olaf Matthes

Olaf Matthes

Der Beginn des alten Wachstumsmodells war die Reform und Öffnung von 1978, das endgültige Ende der Kulturrevolution, die Orientierung auf eine Marktwirtschaft. Zahllose kleine Unternehmen, oft im Eigentum lokaler Behörden, begannen, für den Export zu produzieren – arbeitsintensiv, auf niedrigem technischen Niveau, mit hohen Kosten für die Umwelt, mit Arbeitskräften, deren – manchmal einzige – soziale Absicherung darin bestand, dass die Familie noch die Nutzungsrechte für ein Stück Land besaß.

Wo früher vor allem im Auftrag ausländischer Konzerne produziert wurde, gibt es inzwischen riesige chinesische Konzerne, die in der ganzen Welt Waren ver- und Unternehmen einkaufen. Aber noch in den Jahren 2008 und 2009 kamen die chinesischen Unternehmen nicht nur wegen staatlicher Konjunkturprogramme relativ gut durch die Krise, sondern auch deshalb, weil einige Millionen entlassener Wanderarbeiter zurück in die Dörfer gingen und erst wiederkamen, als sie wieder Arbeit finden konnten. Und der riesige chinesische Absatzmarkt half der kapitalistischen Weltwirtschaft dabei, dass sich die Krise zumindest nicht noch weiter zuspitzte.

Die chinesischen Konzerne können inzwischen auch in der Technologie mit der internationalen Konkurrenz mithalten, die Sozialversicherungen sind ausgebaut worden, der Binnenmarkt wächst. Trotzdem brechen die Börsenkurse ein. Der Zentralbank bleibt nichts anderes übrig, als die Währung abzuwerten, um den Export zu stärken. Staatliche Anleger kaufen Aktien, um die Märkte zu stützen, aber gleichzeitig ziehen ausländische Investoren ihr Geld ab. Auch der größte Markt ist einmal bedient. Börsencrash und Immobilienblasen, Verschuldung und Überkapazitäten – solche Krisenerscheinungen gehören zur Marktwirtschaft, auch in China. Neu ist das nicht, normal schon.

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"Alte Normalität", UZ vom 4. September 2015



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