Ein viel zu früher Abschied von einem großen Internationalisten

André presente!

„In den kommenden Wochen musst du auf die Beiträge der geschätzten Kollegin Manuela Tovar verzichten, ich geh morgen ins Krankenhaus“, schrieb André mir, um sich für ein paar Wochen abzumelden. „Aber keine Sorge, Unkraut vergeht nicht.“ Keine zwei Wochen später muss ich diese Zeilen schreiben.

Unser Autor, unser Genosse, der große Internationalist André Scheer lebt nicht mehr. Er hinterlässt eine riesige Lücke, in der internationalen Solidaritätsarbeit – vor allem mit dem sozialistischen Kuba und dem bolivarischen Venezuela –, in der Deutschen Kommunistischen Partei und in ihrer Zeitung, der UZ.

Ob Andrés Berufswunsch schon immer Journalist war, weiß ich nicht. Das Talent dafür hat er allerdings schon früh an den Tag gelegt. 1972 in eine Kommunistenfamilie in Hamburg geboren, fing er schon als Kind an, für das „Uzettchen“ zu schreiben, die Kinderseite der Tageszeitung UZ. Das machte er so gut, dass bei einigen Leserinnen und Lesern Zweifel aufkamen – war die Sportberichterstattung über den HSV und St. Pauli nicht doch von einem Erwachsenen geschrieben worden?

Spanischunterricht in der Schule, Auslandsaufenthalte in Argentinien und Barcelona legten einen der Grundsteine für seinen Internationalismus. Neben dem politischen Engagement in der SDAJ, der AMS, der DKP und ihrer Internationalen Kommission musste das Studium immer hinten anstehen. Folgerichtig beendete André es nicht, sondern arbeitete als Pressesprecher für die Botschaft Venezuelas in Berlin und ging zur „jungen Welt“, um dort nach kurzer Einarbeitung das Auslandsressort zu leiten.

Dass der Romanistikstudierende André sich für die Sprachvertiefung ausgerechnet Barcelona aussuchte, hatte auch was mit einer seiner Qualitäten zu tun: ein großes Interesse für die kleineren, versteckteren Aspekte aufzubringen. Da lernt man gern zum Spanischen noch Katalanisch dazu. Diese kleine Nerdigkeit zeigte sich auch in einem großen Wissen, nicht nur über die großen und mittleren Akteure der Arbeiterbewegung. Kleine Anarchogewerkschaft aus Spanien? Mini-Absplitterung einer lateinamerikanischen KP? André kannte sie und erklärte gern, wofür sie stehen und wie sie entstanden sind. Ich erinnere mich gut und gerne daran, wie mir als 15-jährige SDAJlerin der Anfang 20-jährige André Fragen beantwortete, wenn ich einmal was nicht wusste. Das tat er gern, war dabei immer freundlich, niemals überheblich seinen Gesprächspartnern gegenüber und sollte sich folgerichtig schnell vor Anfragen zu Podiumsdiskussionen – gerade zum Thema Venezuela – nicht mehr retten können. Gerade war er noch im Podcast „99 zu 1“ zu Gast.

André Scheer war ein hervorragender Journalist. Nicht nur, weil er so gut schreiben konnte (das konnte er auch!), sondern weil er ein präziser Analyst war, der seine Sache gut erklären konnte. Das ging so weit, dass bei der Internationalen Abteilung der DKP Anfragen aus Lateinamerika eingingen, ob man denn mal Kontakt zu dieser Manuela Tovar bekommen könnte, die ja offensichtlich hautnah aus Bolivien berichtet. Dass das unser André aus Berlin war, sorgte für großes Erstaunen.

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Schnell, gründlich, gewitzt: André Scheer (rechts) tickert live vom 26. Parteitag der DKP in Frankfurt am Main. (Foto: Melina Deymann)

André Scheer war immer auch da zu finden, wo der Internationalismus nach konkreter Unterstützung verlangte: Bei Brigaden, als Übersetzer auf der Buchmesse in Havanna oder in einem Zeitungsworkshop für die Kommunistische Partei in Mexiko City.

André sprudelte voller Ideen; wenn man mit ihm – zum Beispiel am Rande von UZ-Pressefesten – beim Bier zusammensaß, stand am Ende des Gesprächs oft eine Buchidee. Und es fehlte die Zeit, diese umzusetzen. Fünf Bücher veröffentlichte André, zu Hugo Chavez, zur bolivarischen Revolution in Venezuela, zu Che Guevara und (auch eines seiner Spezialthemen) zu „Klassenkampf im Äther“, einer Geschichte des deutschen Radios. Wie nebenbei hat er seit vielen Jahren das Nachrichtenportal „RedGlobe“ betrieben und Stück für Stück weiter ausgebaut mit Video- und Radiokanal. Eine wahre Fundgrube für Internationalisten.

Nach der „jungen Welt“ zog es André zur Gewerkschaft. Dort setzte er sich erst im Bereich Handel, dann als Bundesschifffahrtssekretär für die Arbeiter ein. Er unterstützte zum Beispiel die Amazon-Arbeiter bei ihren Kämpfen für einen Betriebsrat. Das Buchmanuskript zum Basiswissen Gewerkschaft konnte er nicht mehr fertigstellen.

In all den Jahren seit den ersten Gehversuchen beim „Uzettchen“ blieb er UZ als Autor treu – und für uns als Redaktion war er unverzichtbar. Allein, wenn ich durch unseren Chat des letzten Jahres scrollen würde, fände ich dort unzählige spontane Zusagen, in der Nacht auf Dienstag noch schnell einen Artikel zu schreiben, der eine neue Entwicklung einfängt, eine neue Schweinerei des US-Imperialismus aufdeckt oder ein unerwartetes Wahlergebnis einordnet. Und auch die kurzfristige Anfrage, auf unserem Parteitag einen Live-Ticker zu machen, hat ihn nicht irritiert – Internet und ein Tisch wären schön.

Oft habe ich geantwortet, dass ich ihm ein Bier auf den nächsten Friedenstagen schulde. Die werden wir jetzt nicht mehr mit, sondern nur auf André trinken können. André Scheers Tod hinterlässt eine kaum zu schließende Lücke. Aber wir werden uns bemühen, André. Versprochen!

In einer der kommenden Ausgaben von UZ erinnern sich Genossen und Kollegen an Compañero André.

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