VW vor der Hauptversammlung: Schrumpfzahlen von allen Seiten

Angst auf dem Flaggschiff

Der Aderlass in der deutschen Industrie hat sich beschleunigt. Während im Jahr 2025 im Durchschnitt 10.000 gewerbliche Arbeitsplätze pro Monat verloren gingen, sind es laut „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in den ersten Monaten des Jahres 2026 bereits 15.000.

Der Niedergang erfasst auch das Flaggschiff der deutschen Industrie. Volkswagen war einst Weltmarktführer und ist in Deutschland weiterhin die unangefochtene Nummer 1, sowohl hinsichtlich der Zahl der dort Beschäftigten als auch des Umsatzes und noch vor nicht langer Zeit auch hinsichtlich der Ertragsstärke und damit der Attraktivität für Wohlhabende, die nach Anlagemöglichkeiten für ihren Reichtum suchten.

Am Donnerstag (nach Redaktionsschluss) trifft sich virtuell die Hauptversammlung der Anteilseigner von Volkswagen. Bereits im Vorfeld haben Aufsichtsrat und Vorstand ihren Zustandsbericht über das Unternehmen abgegeben. Demnach stehen praktisch alle wesentlichen Kennziffern auf Rot. In einer Art verquerem Stolz berichtete der Vorstandsvorsitzende Oliver Blume, dass VW auf Kurs sei. Er begründete dies jedoch nicht mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze, dem Erschließen neuer Märkte, der Einführung neuer innovativer Modelle oder sprudelnden Einnahmen, sondern damit, dass der im Jahr 2023 mit den Gewerkschaften und dem Betriebsrat vereinbarte Schrumpfkurs greife: Bis zum Jahresende werde die Belegschaft um 15.000 Köpfe sinken, bis 2030 um 28.000. So werde es laut Blume gelingen, die Kosten pro Fabrik um ein Fünftel zu reduzieren.

Begeisterung löst dieser Schrumpfkurs selbst bei den Couponschneidern nicht aus: Seit Jahresbeginn hat die VW-Aktie um 19 Prozent an Wert verloren. Die angekündigte Dividende pro Vorzugsaktie soll nach den Vorlagen für die Hauptversammlung bei 5,26 Euro und damit um 17 Prozent unter der vom Vorjahr liegen. Während der Konzern im Jahr 2024 noch einen Gewinn von rund 12,4 Milliarden Euro erwirtschaftete, werden für 2025 nur noch 6,9 Milliarden Euro ausgewiesen. Im ersten Quartal 2026 ist der Umsatz auf 75,7 Milliarden Euro gesunken und der Nettogewinn um 30 Prozent zurückgegangen. Angesichts solcher Zahlen und Entwicklungen ist es kein Wunder, dass sich auf dem Flaggschiff von der Brücke bis in den Maschinenraum Angst ausbreitet wie ein dunkler klebriger Schatten.

Klar ist auch: Die Hoffnung auf eine Rettung der Werke durch einen größeren Einstieg in das Rüstungsgeschäft, die im Einklang mit den von Regierung und Medien gerührten Kriegstrommeln wie ein Mantra vorgetragen wird, trügt. Völlig unabhängig von den politischen und moralischen Bedenken: Die fast 300.000 Menschen, deren Kontostand direkt von den Lohnzahlungen aus Wolfsburg abhängt, werden dadurch keine gesicherte Zukunft erhalten.

Dazu kommt, dass an jedem dieser Arbeitsplätze bei VW mindestens zwei weitere bei den Zulieferunternehmen hängen. Und dann sind da noch diejenigen, die im Umfeld der bislang gut verdienenden VW-Kolleginnen und -Kollegen von ihren Ausgaben für Wohnung, Kleidung, Nahrung und Freizeit profitierten. Sinkt dieses Flaggschiff, geraten mit ihm rund eine Million Familien in den Strudel des ökonomischen Niedergangs, und weitere Millionen, die von den ebenfalls rund 300.000 Arbeitsplätzen des Konzerns außerhalb der deutschen Landesgrenzen abhängig sind.

Da nützt es wenig, wenn die Berichte über VW vor allem von Erklärungen über das Desaster geprägt sind – sei es die Belastung von 34 Milliarden Euro aus dem Dieselskandal oder die Zollzahlungen an die USA in Höhe von fünf Milliarden Euro. Das mag alles stimmen, ändert aber nichts an der Kurskorrektur, die jetzt zur Rettung von VW dringend nötig wäre.

Es liegt auf der Hand, dass die Zukunft dieses deutschen Konzerns (wie die vieler anderer) auf dem eurasischen Kontinent liegt. Wer gegen den größten Energielieferanten dieses Kontinents in den Krieg ziehen will und gegenüber seinem größten Absatz- und Innovationsmarkt zunehmend auf Konfrontationskurs geht, torpediert sein eigenes Flaggschiff. Die Perspektive der Sicherheit – sowohl für die Arbeitsplätze bei VW als auch für das gesamte Land – gibt es nur durch Kooperation mit beiden.

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"Angst auf dem Flaggschiff", UZ vom 19. Juni 2026



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