Zur Sommertour von Katherina Reiche

Kriegswirtschaftskompetenz

Beim großen Stühlerücken des Friedrich Merz kippelte der Sessel von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche noch nicht einmal ein bisschen. Und das, obwohl sie es schon im Frühjahr, nach nicht einmal zwölf Monaten im Amt, geschafft hatte, ihren Vorgänger Robert Habeck bei den Unbeliebtheitswerten zu überholen. Im ZDF-Politbarometer liegt sie aktuell mit –1,8 Punkten noch hinter Kanzler Merz. Laut einer Forsa-Umfrage im Juni halten drei Viertel der Befragten sie für eine Fehlbesetzung. In den Medien wird das mit ihren allzu offensichtlichen Verbindungen in die Wirtschaft erklärt. Dabei ist Reiches Karriere nicht in allem typisch für die neue Generation „Spitzenpolitiker“. Geboren in Luckenwalde, aufgewachsen in der DDR, saß sie nach einem 1997 abgeschlossenen Chemiestudium von 1998 bis 2015 für die CDU im Bundestag. Dann wechselte sie nahtlos als Hauptgeschäftsführerin zum Verband kommunaler Unternehmen und weiter zum Energiekonzern E.ON. Von dort holte sie Merz als Wirtschaftsministerin. In Reiches Vita fehlt die „Ausbildung“ in einem transatlantischen Lobby- und Netzwerkverein. Sie ist der Beweis, dass antideutsche Wirtschaftspolitik auch ohne „Young Global Leaders“ geht. Hauptsache, man ist in der Atlantik-Brücke.

Wie sich Reiche Wirtschaftspolitik vorstellt, zeigt ihre derzeitige Sommertour: „Deutschlands wirtschaftliche Stärke entscheidet sich dort, wo Energie, Werkstoffe, Produktion, Digitalisierung und Spitzentechnologie ineinandergreifen.“ Deshalb besuchte sie in Köln die Deutz AG, traditionsreiche Motoren- und Fahrzeugproduzentin, die demnächst 30 Prozent ihres Umsatzes direkt mit Rüstung machen will. Reiche freut das. Eine weitere Station war das Rüstungsunternehmen Hensoldt. Sie ließ sich dort vom Vorstandsvorsitzenden Oliver Dörre Drohnenabwehrsysteme vorführen. 50 Stück habe die Ukraine bestellt, bezahlt wird von den Ländern, die Russland ruinieren wollen.

Wirtschaftsförderung, die Reiche freut: „Danke, dass Sie unser Land unterstützen“, säuselte sie Dörre zu. Weiter ging es zu Trumpf in der Nähe von Stuttgart. Das Unternehmen stellt Laser her, ohne die moderne Computerchips nicht herzustellen sind. Aber auch militärisch sind solche Systeme für die Zielerfassung unerlässlich.

Reiches Konzept heißt Umstellung auf Kriegswirtschaft. Dafür lobt sie sich auch selbst. Deutschland könne Spitzentechnologie. Nötig dafür seien Investitionen, Innovationen und passende Rahmenbedingungen durch die Politik. Menschen kommen bei ihr nicht vor. Sonst müsste sich die Wirtschaftsministerin auch Gedanken um die 350 Menschen machen, die täglich ihre Arbeitsplätze in der Industrie verlieren. Das fängt keine Kriegswirtschaft auf.

Da ist ihre sture Ablehnung, etwas gegen die enormen Spritpreise zu unternehmen, schon fast eine lächerliche Randerscheinung. Nachdem passend zum Ende der Subventionen für die Mineralölkonzerne, genannt staatlicher Tankrabatt, die USA die Bombardierung des Iran wieder aufnahmen, haben die Preise an den Tankstellen die 2-Euro-Marke wieder gerissen. Bei denjenigen, die sich noch einen Urlaub leisten können, haut das rein. Für ein Mal volltanken legt man locker 30 Euro mehr hin.

Dass ein staatlicher Preisdeckel auf Kosten der Konzerne gehen könnte, die in den vergangenen Jahren abgesahnt haben, ist für Reiche eine Horrorvorstellung. Ihre Kompetenz liegt darin, unser Geld an die Unternehmen umzuleiten, am besten an die Rüstungsindustrie. So sichert sie „industrielle Wertschöpfung“ und gibt den Unternehmen „wieder mehr Raum“. Damit ist sie fast überqualifiziert für die Regierung Merz.

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"Kriegswirtschaftskompetenz", UZ vom 31. Juli 2026



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