Industrie weiter auf Schrumpfkurs. Gegen die Vorhaben der Konzernvorstände regt sich Widerstand

Arbeitsplatzvernichtung plus Lohnverzicht?

„Zu meinem Geburtstag würde ich den Kapitalismus jedenfalls nicht einladen“, lautete die Aussage von Hans-Jürgen Urban auf einem der letzten Gewerkschaftstage der IG Metall. Ein Delegierter hatte ihn gefragt, was er denn in seiner Rede mit der Aussage gemeint habe, dass er sich bis heute nicht mit dem globalen Kapitalismus abgefunden habe.

Tatsächlich ist das Wirtschaftssystem, in dem wir aktuell leben, kein „angenehmer Zeitgenosse“. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) wurden im Jahr 2025 in Deutschland auf Geheiß der Entscheider in den Vorstandsetagen 177.000 Industriearbeitsplätze abgebaut. Allein in der Autoindustrie und bei ihren Zulieferern gingen 52.000 Jobs verloren. In der übrigen Metallindustrie waren es 24.000 und im Maschinenbau 28.000 Arbeitsplätze. Damit übertraf die Arbeitsplatzvernichtung im Jahr 2025 das Vorjahr noch einmal deutlich, als knapp 130.000 Stellen abgebaut wurden.

Insgesamt sank die Beschäftigung über alle Wirtschaftszweige hinweg um 108.000, so die BA. Auch die Zuwächse in anderen Branchen konnten die Verluste in der Industrie nicht auffangen, und ein Ende des Stellenabbaus ist nicht in Sicht. Erst Ende Juni hatte Andrea Nahles, die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur, erklärt, dass in der Industrie derzeit jeden Monat 15.000 Jobs verschwinden.

Neben Massenentlassungen und Werkschließungen ist die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland ein weiteres Instrument der Profitmaximierung. Allein zwischen 2021 und 2023 wurden so nach Daten des Statistischen Bundesamts 71.100 Stellen in Deutschland abgebaut – eine Entwicklung, die durch die jüngste Betriebsrätebefragung der IG Metall Bayern bestätigt wird. Demnach hat fast jeder zweite der insgesamt 325 befragten Betriebe in den vergangenen zwölf Monaten Produktionstätigkeit ins Ausland verlagert. Konkret waren es 48 Prozent und damit 3 Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr. Im Bereich Entwicklung stieg der Anteil ebenfalls um 3 Punkte auf 36 Prozent.

In den 43 befragten Autoindustrie-Betrieben sind die Ergebnisse noch deutlich schlechter. Hier haben knapp drei Viertel der Betriebe ihre Produktion und knapp zwei Drittel ihre Entwicklungsabteilungen verlagert. Beides sind deutlich höhere Werte als vor einem Jahr. Insbesondere in der Automobilindustrie gehen immer mehr sogenannte Leitwerkfunktionen verloren. Dies ist besonders dramatisch, da neue Produkte und Produktionstechnologien in diesen Werken erstmals eingesetzt werden und diesen Standorten eine wichtige Position innerhalb der Unternehmen sichern.

Gegen die Arbeitsplatzvernichtung bei gleichzeitig von der Kapitalseite eingefordertem Lohnverzicht regt sich Widerstand. So hat die IG Metall einen „heißen Sommer und Herbst“ angekündigt. Der Auftakt erfolgte bereits bei Mercedes-Benz. Dort versammelten sich mehr als 33.000 Kolleginnen und Kollegen vor den Werkstoren, um gegen die Abschaffung der 35-Stunden-Woche und die damit verbundene unbezahlte Mehrarbeit zu demonstrieren, die der Autobauer plant. Unmittelbar darauf folgte ein Aktionstag bei VW. Hier sollen bis zu 100.000 der rund 657.000 Arbeitsplätze dem Sparkurs der Konzernleitung zum Opfer fallen.

Angesichts dieses immer heftigeren Klassenkampfs von oben darf sich wirkungsvoller Widerstand jedoch nicht auf die notwendigen betrieblichen Abwehrkämpfe beschränken. Gerade in Zeiten, in denen eine kapitalistische Krise die nächste jagt, dürfen in den Gewerkschaften weder der Mut noch die Fähigkeit verloren gehen, über das Gegebene hinauszudenken. Denn es ist und bleibt die historische Aufgabe von Gewerkschaften, Lebensverhältnisse zu verbessern und zugleich daran zu arbeiten, die Ursachen schlechter Lebensverhältnisse zu überwinden. Oder, wie es in der Satzung der größten DGB-Gewerkschaft unter Paragraf 2, Absatz 4 heißt: Aufgaben und Ziele der IG Metall sind insbesondere die „Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum“.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Arbeitsplatzvernichtung plus Lohnverzicht?", UZ vom 31. Juli 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Auto.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit