VW-Chef Oliver Blume versucht in der Öffentlichkeit den Spagat zwischen Sorgenfalten – wegen der zu hohen Lohnkosten – und Optimismus – vor allem mit Blick auf die Aktionäre – hinzubekommen. Das wird immer schwieriger. Bei der nur virtuell durchgeführten und auf zwei Stunden begrenzten Halbjahres-Pressekonferenz, die Ende letzter Woche stattfand, teilte sich Blume den Spagat mit seinem Finanzvorstand (und wohl auch Rivalen) Arno Antlitz. Antlitz übernahm den Part „Sorgenfalten“, Blume versuchte, eine „Jetzt geht’s los!“-Stimmung zu verbreiten. Normalerweise eine Aufgabe für Menschen, die im Vertrieb arbeiten.
Medien und Investoren wurde Magerkost serviert: Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist der Gewinn noch einmal um mehr als 30 Prozent auf 3,1 Milliarden Euro gesunken. Die für Aktionäre wichtige Umsatzrendite liegt bei 3,8 Prozent – das ist weit entfernt von den 8 bis 10 Prozent, die Blume zum Ziel erklärt hatte, um der „weltweit attraktivste Autobauer“ für Investoren zu werden. Der Aktienkurs des größten deutschen Industrieunternehmens gab am Tag der Halbjahres-Pressekonferenz um weitere 2 Prozent nach. Mit 71,50 Euro liegt er jetzt noch niedriger als in den Tagen des Dieselskandals.
Offenbar ist es dem VW-Chef also nicht gelungen, den nötigen Optimismus unter denen zu verbreiten, die auf Geldvermehrung aus sind. Er hatte aber auch den schwierigeren Job. Die Umsatzprognose musste er angesichts der chinesischen Konkurrenz, der US-Zollpolitik und der Stagnation im deutschen Heimatmarkt nach unten korrigieren. Wurde bisher noch von einem Plus von 3 Prozent gesprochen, so blieb auf der Pressekonferenz nur noch die Hoffnung auf eine schwarze Null. Schlimmstenfalls, so Blume und Antlitz, droht ein weiterer Umsatzrückgang „um bis zu 3 Prozent“.
Die schlechten Nachrichten können von den Beschäftigten nur als Drohung verstanden werden. Neben den Sorgen und der Unsicherheit, die vom VW-Vorstand gezielt und stetig befeuert werden, wächst in allen Werken des Konzerns aber auch der Unmut. Die Aufsichtsratssitzung Anfang Juli endete mit einem Patt. Der Vorstand wollte sich dort mit Unterstützung der privaten Anteilseigner einen Blankoscheck für einen Stellenabbau geben lassen, der noch rigoroser ausfallen soll als der vor wenigen Jahren mit Betriebsrat und IG Metall bereits vereinbarte. Insbesondere geht es darum, freie Hand für ein Ende der Produktion an den Standorten Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm zu haben. Entsprechende Beschlüsse haben die IG Metall und die Vertreter der niedersächsischen Landesregierung, die aus SPD und Grünen gebildet wird, vorerst verhindert. Das Spiel auf dem Rücken der Beschäftigten geht also erst einmal weiter.
Die wohl am stärksten von Unsicherheit und Existenzängsten geplagte Belegschaft des Konzerns arbeitet im Osnabrücker VW-Werk. Hier wird, wie es kürzlich der Vorsitzende des dortigen Betriebsrats formulierte, fast wöchentlich eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Und fast immer kommt sie im olivgrünen Flecktarn daher. Zuletzt kursierten in der Osnabrücker Lokalpresse Meldungen, dass die Gespräche zwischen der niedersächsischen Landesregierung, der Konzernleitung und dem israelischen Staatskonzern „Rafael Advanced Defense Systems“ weit fortgeschritten seien. Es gehe dabei um die Gründung eines „gemeinsamen Joint Venture“. („Neue Osnabrücker Zeitung“) Dort würde dann das Land einsteigen und Mittel vorschießen, um die zivile Produktion auf Massenproduktion von Raketensystemen für „den europäischen Markt“ – also wohl vor allem die Ukraine – umzustellen.
Ob das die 2.300 Arbeitsplätze im dortigen VW-Werk retten wird, ist mehr als fraglich. Sicher wäre bei einer solchen Scheinrettung wohl nur die Aufnahme in die Zielkoordinaten der Mächte, die sich von den in Osnabrück produzierten Raketen bedroht fühlen.









