„China ist nicht so, wie es im deutschen Fernsehen gezeigt wird“, sagt Jian, mein Sitznachbar für den elfstündigen Flug nach Shanghai. Jian ist Ingenieur für Robotik und hat zeitweise in Deutschland studiert. Später kam er noch einmal für ein Praktikum nach Duisburg, um auf dem Hafengelände autonom fahrende Reinigungsmaschinen zu testen. Irgendwann, so sagt er, werden wir in selbstreinigenden Städten leben. Aber noch „funktionieren die Dinger nicht, wie sie sollen“, ergänzt er lachend.
Jian freut sich, einem Deutschen etwas über China erzählen zu können. Begeistert berichtet er von Hochgeschwindigkeitszügen, den Fortschritten bei KI-Anwendungen, bei der Elektromobilität und der Internet-Infrastruktur. Es sei ein großes Glück, dass Google aus China verschwunden sei, sagt er. Nur so sei der Aufbau einer eigenen Digitalwirtschaft möglich gewesen. Er wundert sich über die in Europa klaglos hingenommene Abhängigkeit von US-Techkonzernen, die hinter nahezu jeder wichtigen Anwendung stecken. Überhaupt könne er sich nicht erklären, warum in Deutschland so wenig in Infrastruktur und Forschung investiert werde. Deutsche Politiker sprächen zwar ständig von „Demokratie“, legten aber überhaupt keinen Sinn für das Gemeinwohl und eine planvolle gesellschaftliche Entwicklung an den Tag.
Fast vier Stunden lang diskutieren wir über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die ökonomische Entwicklung und die Herausbildung einer neuen, multipolaren Weltordnung. Ich erzähle von meiner bevorstehenden Reise: Auf Einladung der Internationalen Abteilung der Kommunistischen Partei Chinas wollen wir – eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten aus 20 Ländern – die Volksrepublik vom Süden in den Norden durchqueren und dabei die wichtigsten Stationen des „Langen Marschs“ aufsuchen, dessen Ende sich in diesem Jahr zum 90. Mal jährt.

Dann wird es ruhiger. Während das Flugzeug in den Nachtmodus wechselt, habe ich Zeit, über das intensive Gespräch, aber auch über die kommenden Wochen und die Hintergründe der Reise nachzudenken.
Der Marsch beginnt
Schwer zu sagen, was in den rund 86.000 Rotarmisten vor sich ging, die sich im Oktober 1934 am Ufer des Yudu-Flusses in der südöstlichen Provinz Jiangxi versammelten. Ihr Ziel war der Ausbruch aus einer Einkreisung durch die nationalistische Kuomintang, die nach dem im Mai geschlossenen Waffenstillstand mit Japan knapp 500.000 Mann mobilisiert hatte und die Truppenstärke der Roten Armee um das Zehnfache übertraf. Kaum einer von denen, die an dem Ausbruchsversuch teilnahmen, dürfte geahnt haben, dass sie diese unwahrscheinliche Leistung auf einen 12.500 Kilometer langen Marsch durch ganz China führen würde. Und sicher kam kaum jemandem in den Sinn, dass dieser taktische Rückzug einen strategischen Grundstein legen könnte – für den späteren Sieg der Roten Armee und der chinesischen Revolution. Aber auch für eine Erzählung, die noch 90 Jahre später als nationales Symbol der Inspiration, des Zusammenhalts und des gemeinsamen Ringens um Fortschritt weitergetragen wird.
Wer zum ersten Mal an dem Punkt steht, an dem die Hauptstreitmacht der Roten Armee ihren Langen Marsch begann, ist von den Dimensionen überrascht. Mehrere hundert Meter ist der Yudu-Fluss breit, den die Rotarmisten im Schutze der Nacht auf einer aus Fischerbooten zusammengezimmerten Ponton-Brücke überqueren mussten. Mit dabei hatten sie alles, was eine Revolutionsarmee benötigt: Waffen, Verpflegung, sogar schwere Druckerpressen.
An der Stelle der Überquerung befinden sich heute ein Denkmal, ein Gedenkpark und ein Museum. „Der Geist des Langen Marsches lebt für immer“, steht in riesigen Lettern auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses. Auf dem Platz vor dem Denkmal sammeln sich hunderte Menschen. Es sind Betriebskollektive, Parteigruppen und Touristen, die sich in Schichten vor dem Denkmal aufstellen, um ihren Eid auf die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) zu erneuern. Schließlich ist heute der 1. Juli und damit der 105. Geburtstag der KPCh. Es herrscht Volksfeststimmung und das Museum in der Gedenkhalle ist so überlaufen, dass wir unsere Führung abbrechen müssen. Es ist die ungeheure Popularität des Langen Marsches, die Menschen aus ganz China nach Yudu zieht.
Ursprünge
Die Provinz Jiangxi gilt als Wiege der Revolution. In Ruijin, knapp 75 Kilometer von Yudu entfernt, fand im Jahr 1931 der erste Sowjetkongress in China statt. Hier gründeten etwas mehr als 600 Delegierte die chinesische Sowjetrepublik, die bis zur Vertreibung durch die Kuomintang im Jahr 1934 Bestand haben sollte. Mit dem Kongress und der Einrichtung einer „Provisorischen Regierung“ wurden Strukturen geschaffen, die teilweise noch bis zum heutigen Tage existieren. Im Stadtbezirk Yeping lässt sich neben der Versammlungshalle des Kongresses beispielsweise auch das ehemalige Gebäude der Nachrichtenagentur „Rotes China“ besichtigen – Vorgänger der heute wichtigsten Medienorganisation des Landes „Xinhua“. Ein Mahnmal in Form einer riesigen Patrone erinnert nicht nur an die gefallenen Rotarmisten, sondern auch an das berühmte Mao-Zitat, wonach die politische Macht aus den Gewehrläufen kommt.

Wer mehr über das Wirken der Partei in der Bevölkerung erfahren will, findet im Bezirk Shazhouba, ein paar Kilometer von Yeping entfernt, einen kleinen, unscheinbaren Brunnen und daneben ein ebenso unscheinbares Gebäude. Den Brunnen ließ Mao in einer gemeinsamen Aktion von Rotarmisten und Dorfbewohnern graben, um die Wasserversorgung für die ansässigen Bauern zu erleichtern. In dem Gebäude verbirgt sich die „Lenin-Schule“, heute ein Museum zur Erinnerung an die revolutionäre Bildungsoffensive. Der Brunnen ist ein Magnet für den „Roten Tourismus“ und auch wir stellen uns an, um einen Schluck daraus zu trinken.
Nun könnte man sich fragen, wie groß die Bedeutung eines kleinen Brunnens in einem so riesigen Land schon sein kann. Doch es geht um mehr, zeigt sich doch hier das Verhältnis zwischen Landbewohnern und Revolutionären, das später einen entscheidenden Beitrag zum Gelingen des Langen Marsches und zum Sieg der Roten Armee leisten sollte. Ohne die lokale Bevölkerung, die die Rotarmisten mit Nahrungsmitteln, Booten und wertvollen Ortskenntnissen unterstützte, wäre das Manöver schon früh gescheitert. Gelingen konnte die Zusammenarbeit nur, weil mit der Roten Armee eine Streitkraft gänzlich neuen Typs durch ein Land zog, das in den hundert Jahren zuvor die Erfahrungen von kolonialer Unterdrückung und räuberischer Auspressung gemacht hatte. Die Kommunistische Partei war angetreten, dieses „Jahrhundert der Schande“ zu beenden, das 1839 mit den Opiumkriegen begonnen hatte. Während des Bürgerkrieges gegen die Kuomintang konnte die Rote Armee entscheidend dazu beitragen, den Rückhalt der Partei in der armen Landbevölkerung zu stärken. Das lag vorrangig daran, dass die Rotarmisten nicht als Räuber und Eroberer kamen, sondern zuhörten, mithalfen, Bildung und Fortschritt teilten. Wo andere Armeen eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hatten, hinterließen die Revolutionskämpfer Keimzellen einer besseren Zukunft.
So wird der kleine Brunnen zur Brücke in eine Gegenwart des rasanten Wachstums, der extrem verbesserten Lebensumstände und der Widersprüche, die der historisch einmalige Wandel Chinas mit sich bringt.
Die wenigen westlichen Kommunisten unter uns (viele Delegationsteilnehmer stammen aus Ländern des Globalen Südens) staunen einen kurzen Moment, als wir auf einer Wand in einer Nylonspinnerei Vertrautes aus zwei Welten erblicken. Da sind die bekannten Symbole, Hammer und Sichel, die Rote Fahne und die Fackel, die die Flamme der Revolution in die Zukunft trägt. Direkt daneben befinden sich die Logos der Kunden und Kooperationspartner für die hier angefertigten Hightech-Garne: adidas, Nike und Zara sind dabei. Offenbar ist beides möglich: Der Stolz auf die revolutionäre Geschichte und die durch sie vermittelte sozialistische Perspektive verbindet sich mit dem Stolz auf eine Produktion, die auf dem Weltmarkt bestehen kann und die in vielen Branchen längst aus dem Schatten des überheblichen „Westens“ herausgetreten ist.
Am Menschen orientiert
Mehr noch als die Nylon-Produktion (deren technischen Ablauf ich nicht vollständig verstehe) interessiert mich die Entwicklung der Lebensbedingungen. Schon bei den ersten Spaziergängen in Ruijin fällt mir die malerische Schönheit von Park- und Flusslandschaften auf, um die herum wuchtige Wohntürme in sozialistischer Bauweise gruppiert sind. Am Wasser spielen Kinder mit Keschern, auf den Wegen radelt und spaziert die Anwohnerschaft. Die städtebauliche Symbiose zwischen Natur, Kultur und Pragmatismus weckt mein Interesse. Zu meinem Erstaunen erfahre ich auf Nachfrage, dass es sich bei den Wohnungen am Wasser um von der Gemeinde verwaltete Wohnkomplexe handelt, die keineswegs teurer sind als andere.
Wie umfassend die hinter solchen Konzeptionen stehenden städtebaulichen Überlegungen sein können, lernen wir später im Gemeindemuseum von Ganzhou, einer weiteren Stadt in der Provinz Jiangxi. Während deutsche Kommunen je nach Tageslage mal hier Wohnungen und dort Gewerbe ansiedeln, aber in der Regel keine konstante und zielgerichtete Entwicklung vorantreiben können, soll Ganzhou planvoll wachsen. Verkehr, Gewerbe, Industrie, Tourismus, Wohnen, Kultur, Renaturierung und Parkanlagen – anhand eines gigantischen Modells wird uns vor Augen geführt, wie ein Rädchen ins andere greift. An die Stelle der Anarchie des Grundstücksmarkts und der interkommunalen Konkurrenz, die in Deutschland wesentliche städteplanerische Entwicklungen bestimmt, tritt langfristige Planung, die auch die Sphäre der Produktions- und Transportinfrastruktur umfasst. Das offizielle Planziel ist die „am Menschen orientierte Stadt“ unter Berücksichtigung der in eintausendjähriger Stadtgeschichte gewachsenen Strukturen. Ambitioniert, aber in Anbetracht des bereits Erreichten keine bloße Träumerei.
Wandel
Wir verlassen die „Wiege der Revolution“ und machen uns auf den Weg in die Provinz Guizhou. Den 2.000 bis 2.500 Kilometer langen Fußweg, den die Rote Armee auf dem Langen Marsch erdulden musste, sparen wir uns jedoch und steigen ins Flugzeug.
Vor wenigen Jahrzehnten gehörte Guizhou noch zu den ärmsten Provinzen in China. Von Gebirgen umgeben, war die Provinz weitgehend abgeschottet und nur mit großen Schwierigkeiten überhaupt zu erreichen. Stolz erzählen die Einwohner von den großen Veränderungen seitdem. In Guizhou wurden mehr als 9,2 Millionen Menschen aus der Armut befreit, fast zwei Millionen aus unbewohnbaren Gebieten umgesiedelt – beides Spitzenwerte unter den chinesischen Provinzen. Heute sind alle größeren Städte an das Hochgeschwindigkeitsbahnnetz angeschlossen und über Straßen und Flughäfen zu erreichen.
Aus dem früheren Armenhaus ist zudem ein Hightech-Standort der Digitalindustrie geworden. Heute gehört Guizhou zu den Regionen mit der größten Konzentration von Hyperscale-Rechenzentren (extrem großen IT- und Cloud-Infrastrukturen) weltweit. Dank massiver Investitionen wurden komplette Produktionsketten zum Ausbau erneuerbarer Energien aufgebaut, von den Photovoltaik-Elementen bis zu modernen Batterien. Der ÖPNV ist inzwischen vollständig elektrifiziert. Auch beim Einsatz autonom fahrender Systeme ist man bereits ziemlich weit, wie wir während einer Rundfahrt im (erdapfelförmigen) „Kartoffelbus“ erfahren dürfen, der sich ohne Fahrer durch den Großstadtverkehr in der Provinzhauptstadt Guyiang wühlt.
Hinter diesen Entwicklungen steht eine Politik, die nichts dem Zufall überlässt – oder besser gesagt: die den Zufall zu beherrschen versucht. Im Außenministerium der Provinz erhalten wir einen Überblick über die Kunst, die Ziele des chinesischen Fünfjahresplans auf Guizhou herunterzubrechen. Eine Vertreterin der Entwicklungs- und Reformkommission klärt uns über die mehrgleisige Investitionsstrategie auf. Die Provinz investiert parallel in konkurrierende potentielle Zukunftstechnologien, um strategische Optionen abzusichern. Somit entstehen Infrastrukturen und Produktionsstandorte schon, bevor richtig klar ist, was sich durchsetzen wird. Es gibt zudem massive Investitionen in Forschung und Lehre.
Bemerkenswert ist auch die Rolle der Ökologie in der Wirtschaftspolitik. Eine intakte Umwelt wird explizit als schützenswerter Produktionsfaktor begriffen. Der Erhalt von Wäldern und Naturlandschaften ist zur Planerfüllung ebenso notwendig wie der Umstieg auf erneuerbare Energien. Diese Haltung begegnet uns nicht nur in Guizhou, sondern an allen Stationen unserer Reise. Ob im Gespräch mit Bauern im ländlichen Raum oder in Konferenzen mit den Parteikadern der Provinzen: Die von Präsident Xi Jinping in mehreren Reden und Schriften ausgeführte Überzeugung, dass die Menschheit ein „geteiltes Schicksal“ habe und der Aufbau einer „ökologischen Zivilisation“ daher nicht nur unumgänglich, sondern auch konkret anzustreben ist, ist auf allen Ebenen verankert. Entsprechend groß ist das Interesse daran, uns auf den ökologischen Fortschritt hinzuweisen, wo er uns begegnet.
Wendepunkte
Wir wären jedoch nicht nach Guizhou gekommen, wenn es nicht eine entscheidende Rolle in der Revolutionsgeschichte gespielt hätte. In der Provinz liegt die Stadt Zunyi, wo die wohl wichtigste Konferenz des Langen Marsches stattfand. Vom 15. bis zum 17. Januar 1935 tagte hier das erweiterte Politbüro der Kommunistischen Partei. Ziel war die Lösung der dringendsten militärischen und organisatorischen Probleme. Der Ausbruch aus der Einkreisung war äußerst verlustreich verlaufen. Am Xiang-Fluss war die Rote Armee auf die Blockade der Kuomintang getroffen. Es folgte eine mehrtägige Schlacht, an deren Ende die Rotarmisten den Durchbruch schafften. Doch der Preis war gewaltig: Die Rote Armee verlor fast zwei Drittel ihrer Kämpfer.

In Zunyi wurden die Geschehnisse ausgewertet. Am Ende der Konferenz wurde Zhou Enlai als Oberbefehlshaber bestätigt und Mao Zedong rückte ins Ständige Komitee des Politbüros auf, während die bisherigen Anführer Bo Gu, Wang Ming und der von Moskau als Militärberater entsandte deutsche Kommunist Otto Braun für ihre Fehlentscheidungen verantwortlich gemacht wurden. Die Partei räumte Fehler in der Militärstrategie ein und schuf so die Voraussetzungen für den weiteren Feldzug.
Doch Zeit zum Ausruhen blieb nicht. Nach der Konferenz wurde die Rote Armee aus Zunyi vertrieben. Die nur noch 30.000 Rotarmisten sahen sich rund 400.000 Soldaten der Kuomintang gegenüber, die weiterhin auf die Einkreisung der Kommunisten setzten. Mit überraschenden Manövern gelang den Revolutionären unter Führung von Mao eine taktische Meisterleistung. Gleich vier Mal überquerten sie den Chishui-Fluss zwischen Januar und März 1935, während sie Ausbruchsversuche antäuschten und auf die Truppenbewegungen der Kuomintang reagierten. Diese vier Flussüberquerungen ermöglichten Überraschungsangriffe und unvorhersehbare Rückzugsrouten und schließlich den erneuten Ausbruch aus dem Kessel.
Ebenso berühmt ist die Schlacht am Loushan-Pass, die im Februar 1935 geschlagen wurde. Die Kuomintang hatte den Pass besetzt und damit die Hoheit über einen Flaschenhals. Die einzige halbwegs begehbare Straße des Gebirges führte gut einsehbar auf die Stellungen der Nationalisten zu, die sich hoch oben auf den Gipfeln verschanzt hatten.
Bei unserem Besuch folgen wir den heute gut ausgebauten Pfaden. Dennoch schleppen wir uns mehr über den Pass, als dass wir spazieren. Das Gelände ist äußerst steil, kaum vorstellbar, dass eine Armee diese Berge hinaufrennen könnte, geschweige denn unter Beschuss. Für ihren Angriff auf den Pass hatten sich die Rotarmisten jedoch einen Vorteil verschafft. Guten Kontakten zur lokalen Bevölkerung verdankten sie den Hinweis auf einen Gebirgspfad, den die Kuomintang nicht kannte. Während die Hauptstreitmacht den Berg frontal stürmte, schlich sich ein kleineres Kommando von hinten an und überraschte die verschanzten Nationalisten. Die Rote Armee erzielte einen bedeutenden Sieg.
Mit der Zunyi-Konferenz, den vier Flussüberquerungen und der Schlacht am Loushan-Pass bietet Guizhou die Schauplätze von zentralen Wende- und Entscheidungspunkten des Langen Marschs. Etwas weniger bekannt ist zumindest bei Ausländern die sogenannte Gouba-Konferenz. Hier konnte Mao im März 1935 seine Position festigen und sich als militärischer Führer etablieren, nachdem er eine Falle der Kuomintang vorausgesagt hatte. Nach einer Abstimmungsniederlage im Politbüro hatte sich Mao mit einer Laterne auf den Weg gemacht, um noch in der Nacht die Unterkunft von Zhou Enlai aufzusuchen und ihn vor dem geplanten Angriff auf eine nur scheinbar leicht befestigte Stadt zu warnen. Später eintreffende Aufklärungsberichte bestätigten Maos Vermutung. Die Laterne ist heute eines der wichtigsten Symbole des Langen Marschs.
Disruption
Jede Generation hat ihren eigenen Langen Marsch und müsse ihn auf ihre Weise zu Ende führen, skizzierte Chinas Präsident Xi Jinping den „Geist des Langen Marsches“ zum 80. Jahrestag der Ankunft im Jahr 2016. Xi verwies dabei auf die zwei Hundertjahresziele: den inzwischen erreichten Aufbau einer Gesellschaft von „bescheidenem Wohlstand“ bis zum Jahr 2021 und den Aufbau eines modernen sozialistischen Landes bis zum hundertjährigen Bestehen der Volksrepublik im Jahr 2049. Um dem zweiten Ziel näherzukommen setzt die KPCh auf Produktivkraftentwicklung, aber auch auf die Entwicklung von Fähigkeiten, die das Potential haben, über sich selbst hinauszuführen.
„Guizhou leistet seinen gebührenden Beitrag dazu, China in jeder Hinsicht zu einem modernen sozialistischen Land zu machen“, empfängt uns das Begrüßungsvideo im Nationalen Big Data Center in Guiyiang. Es gehe um nicht weniger als die „digitale Transformation der Regierungsführung, des täglichen Lebens und der Industrie“.
Während unseres Rundgangs durch das Center wird uns die Verarbeitung extrem großer Datenmengen vorgeführt. Allein im Bereich des Warentransportes werden Millionen Versandaufträge und unzählige Lkw-Fahrten erfasst und zusammengeführt. Auch die Lagerstände von Fabriken, die Produktionsprozesse in 400 Minen und die Tierbestände auf Schlachthöfen lassen sich verfolgen – und das nicht nur abstrakt. Per Knopfdruck steuert ein Mitarbeiter des Centers den Standort einer einzelnen Kuh an – Videobild aus dem Stall inklusive. Sofort drängen sich Fragen auf: Lassen sich diese Daten auf die gesamte oder zumindest die wichtigsten Teile der Ökonomie ausweiten, zusammenführen, in Echtzeit verarbeiten? Schlummert hier das Potential für eine Wirtschaftsplanung mit bislang ungeahnten Möglichkeiten? Und wem gehören diese Daten eigentlich?
Auf Nachfrage wird erklärt, dass die Hoheit über die Daten allein bei der öffentlichen Verwaltung liegt. Sie werden mit Einwilligung der Nutzer erhoben und zum Teil auch von privaten Unternehmen genutzt, allerdings nur, soweit das im Sinne der Gesellschaft sei. Die Bevölkerung stehe der Datenverarbeitung positiv gegenüber, zumal sie auch heute schon davon profitiere. Rettungsdienste und Feuerwehren treffen anhand der Daten Risikoeinschätzungen, planen Personal und Einsätze schon, bevor sie notwendig werden. Mit den Daten aus den Minen wird die Einhaltung von Arbeitsrichtlinien überwacht, um Unfälle zu vermeiden. In den Krankenhäusern greifen Ärzte auf die Datenauswertung zu, um Diagnosen abzusichern und die Auswahl der geeigneten Therapie zu erleichtern.
Eine Echtzeit-Steuerung könnte vor allem durch die Verknüpfung der riesigen Datenmengen mit KI möglich werden. Ein Thema, das in mehreren Debatten auf unserer Reise großen Raum einnimmt – und bei unseren chinesischen Gesprächspartnern vor allem positive und optimistische Reaktionen hervorruft. Das liegt auch daran, dass es für die Entwicklung der Technologie zwar Freiräume gibt, ihre Implementierung jedoch streng reguliert ist, wie uns eine Repräsentantin der Provinzregierung erklärt. So sei der Einsatz von KI in der Industrie an die Beschäftigungszahlen geknüpft. Er dürfe zur Verbesserung und Ausweitung der Produktion erfolgen, jedoch ausdrücklich nicht mit einem Stellenabbau einhergehen.
Wie weit die Einschätzungen hierzu auseinandergehen können und wie sehr Angst oder Hoffnung von den gesellschaftlichen Bedingungen abhängen, zeigt eine Fachkonferenz, an der wir als Medienschaffende mit den Redaktions- und Senderchefs des erfolgreichsten Fernsehsenders der Provinz teilnehmen. Während die meisten ausländischen Kolleginnen und Kollegen um ihre Jobs fürchten, überwiegt auf chinesischer Seite der Optimismus, dass sich mit dem regulierten Einsatz von KI bessere Inhalte in höherer Qualität schaffen lassen. Eine Systemfrage.
Ankunft
1.300 Kilometer Luftlinie trennen Guiyiang von Yinchuan, der Hauptstadt des autonomen Gebietes Ningxia. Während des Fluges stellen wir uns erneut vor, wie die Rotarmisten zehn Kilometer unter uns durch Flüsse waten und über verschneite Gipfel klettern, ständig verfolgt, ständig auf der Suche nach Auswegen. Es geht in den Norden Chinas, an die Grenze zur Mongolei.

In Ningxia endet unsere Reise mit Eindrücken, die uns unser bis dahin gewonnenes Bild von der Entwicklung Chinas noch einmal wie im Zeitraffer vor Augen führt. Schon vom Flugzeug aus sehen wir die enormen ökologischen Fortschritte, die großen, grünen, in karge Wüstenlandschaften geschlagenen Schneisen der erfolgreichen Aufforstungsprogramme. Vor Ort treffen wir Menschen, die aus unbewohnbaren Regionen geholt und in Lohn und Brot gebracht worden sind. Noch in den 1970er Jahren hatten die Vereinten Nationen Teile Ningxias zu den „für menschliche Besiedlung am wenigsten geeigneten Orten“ gezählt. Die Bevölkerung hatte immer wieder unter furchtbaren Hungersnöten gelitten, unter Sandstürmen im Sommer und eisigen Wintern in unbeheizten Hütten. Durch ökologische Transformation und den Aufbau von Landwirtschaft, sowie Programme zur Ansiedlung von Industrie gelang es dieser Provinz im Jahr 2020, die absolute Armut zu überwinden. Heute profitiert ganz China von den beliebten Weinen aus Ningxia – und von der Energie, die in riesigen Solarparks gewonnen wird.
Während unseres Aufenthalts in Ningxia nehmen wir an einer internationalen Konferenz zur Armutsbekämpfung im Globalen Süden teil (siehe UZ vom 24. Juli), helfen bei der Gurkenernte auf einer Gemüsefarm und besuchen eine Fabrik für Kartoffelprodukte, die sich vorgenommen hat, das „westliche Pommes-Monopol“ zu brechen. In der Eigenwerbung ist vom „Potato Food Aircraft Carrier“ der Volksrepublik die Rede – also vom Flugzeugträger unter den Kartoffel-Nahrungsproduzenten. Auch Fritten können Teil des Klassenkampfs auf internationaler Ebene sein.
Wir besuchen aber auch den Ort, an dem der Langen Marsch endete. Am 22. Oktober 1936 vereinigten sich die Hauptstreitkräfte der Roten Armee in Jiangtaibao in der benachbarten Provinz Gansu (heute Ningxia). 86.000 waren losgezogen, knapp 11.500 erreichten den Punkt des Sieges. Auf ihrem Weg hatten sie bewiesen, dass es auch in einem Moment der Schwäche und während eines taktischen Rückzugs möglich ist, den strategischen Sieg vorzubereiten.
Diese Erfahrungen nutzten der Kommunistischen Partei im folgenden erneuten Krieg gegen die japanische Invasion ab 1937. Der Lange Marsch hatte die Partei vor der militärischen Zerschlagung gerettet und einen Grundstein für die wachsende Unterstützung der Revolution gelegt, die im Jahr 1949 – nach dem Sieg über die Japaner und die Kuomintang – zur Gründung der Volksrepublik China führte und damit das „Jahrhundert der Schande“ beendete.
Am 18. November berichtet UZ-Redakteur Vincent Cziesla auf Einladung der DKP Neuss über seine Erlebnisse in China. Der Lichtbildvortrag findet ab 19.30 Uhr im Drusushof (Erftstraße 58) in Neuss statt. Um Anmeldung wird gebeten: vc@unsere-zeit.de.








