Lassen sich Chinas Erfolge in der Armutsbekämpfung auf andere Staaten des Globalen Südens übertragen? Das war die Kernfrage einer internationalen Konferenz, die vor zwei Wochen in Yinchuan stattfand. Mehr als 150 Wissenschaftlerinnen und Politiker trafen sich in der Hauptstadt der Autonomen Region Ningxia, um über „Erkenntnisse aus Chinas Theorie und Praxis der Armutsbekämpfung“ zu diskutieren und an den historischen Erfolg der Befreiung von mehr als 700 Millionen Menschen aus der absoluten Armut anzuknüpfen.
Der Ort im Norden der Volksrepublik war mit Bedacht gewählt. Schließlich galt die autonome Region Ningxia lange Zeit als eine der ärmsten Provinzen. Immer wieder war das Gebiet von Missernten, Naturkatastrophen und Hungersnöten betroffen gewesen. Die Ausbreitung der Wüste (Desertifikation) raubte wertvolle landwirtschaftliche Flächen. Die Bergregion Xihaigu im Süden Ningxias war von den Vereinten Nationen in den 1970er Jahren sogar als einer „der für menschliche Besiedlung am wenigsten geeigneten Orte“ bezeichnet worden.
Im Jahr 1996 startete die Regierung ein Programm, das Partnerschaften zwischen armen Provinzen und wirtschaftlich stärkeren Regionen vermittelte. Regierungsbeamte, Wissenschaftler und Unternehmen aus Fujian halfen beim Aufbau von Wirtschaft und Arbeitsplätzen in Ningxia. Menschen aus unbewohnbaren Gebieten wurden in neue Dörfer und Städte umgesiedelt, erhielten Schulbildung und Arbeitsplätze und halfen beim Aufbau einer heute prosperierenden Landwirtschaft mit. Gewaltige Programme zur Bekämpfung der Desertifikation und zur Verbesserung der Bodenqualität wurden aufgelegt. Wer Ningxia heute mit dem Flugzeug überfliegt, sieht die großen grünen Schneisen, die der Wüste Stück für Stück mehr Lebensraum abtrotzen. Ebenso auffällig sind die großangelegten Solarparks, mit deren Hilfe aus der Not des trockenen Sommerklimas eine Tugend gemacht wird.
Im Jahr 2020 wurde die absolute Armut in Ningxia für beendet erklärt, ein Jahr vor dem Sieg über die Armut in ganz China. Allein in der relativ dünn besiedelten autonomen Region waren mehr als 800.000 Menschen aus der extremen Armut befreit worden. Auf der Konferenz in Yinchuan sprachen einige von ihnen über ihre Erfahrungen. Sie berichteten von den Zeiten der Dürre und den schwachen Ernten, von Sandstürmen, die ihre Hütten und all ihr Hab und Gut mit einer Sandschicht überdeckt hatten, vom Wassermangel und vom Durst. Und davon, wie nach und nach jedes Dorf eine Straßenanbindung, jeder Haushalt einen Frischwasseranschluss und jedes Kind einen Schulplatz erhielt. „From hungry to happy“, skizzierte etwa die Werkstattleiterin Liu Li ihren Werdegang. Sie erzählte von den Wissenschaftlern der Regierung, die die Böden ihres Dorfes untersucht hatten und gute Voraussetzungen für den Weinanbau vorfanden. Heute gebe es in ihrem Ort mehr als 20 Weingüter, sie selbst könne gut von ihrem Einkommen leben.
Diese und weitere Erfolge der Armutsbekämpfung in Ningxia und ganz China bezeichnete Mabel Memory Chinomona, Präsidentin des Senats von Simbabwe, in ihrem Redebeitrag als eine der „bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten der Menschheitsgeschichte“. Sie seien nicht das Ergebnis eines „kurzfristigen Eingreifens“, sondern Folge eines langen, durchdachten Prozesses. Besonders lobte sie die Kombination von ökologischen und ökonomischen Verbesserungen sowie die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen.
China habe der Welt gezeigt, dass „Armut nicht unausweichlich“ sei, erklärte Sofia Apaeva vom kirgisisch-chinesischen Forschungsinstitut der Kirgisischen Nationaluniversität. Andere Länder könnten das chinesische Modell zwar nicht „blind kopieren“, aber die hervorgebrachten Ansätze nutzen.
Die symbolische Bedeutung von Chinas Sieg gegen die absolute Armut und die damit verbundene Erkenntnis, dass die vollständige Überwindung von Armut auch in Entwicklungsländern möglich ist, wurde in zahlreichen Debattenbeiträgen hervorgehoben. Dieses „Wunder“ treffe den Globalen Süden in einer Zeit, in der die Abhängigkeit vom sogenannten Westen überwunden werde, hieß es mehrfach. Auch in Gesprächen am Rande der Konferenz war der damit verbundene Optimismus spürbar; ebenso wie der Wille, die Geschicke künftig selbst in die Hand zu nehmen. Zugleich machten sowohl die chinesischen Vertreter als auch die Gäste aus Asien, Afrika und Lateinamerika deutlich, dass die Modernisierung in den betroffenen Ländern aus eigenem Antrieb erfolgen müsse. Ziel könnten nicht neue Abhängigkeiten sein.
Wie es gelingen kann, Chinas Hilfsangebote mit eigenem Fortschritt zu verbinden, erläuterte Chea Munyrith, Präsident der kambodschanisch-chinesischen Forschungsgesellschaft. Er erzählte die Geschichte eines kambodschanischen Dorfes, das unter Mithilfe chinesischer Experten aus der Armut befreit werden konnte. Nach einem gemeinsam ausgearbeiteten Plan wurde zuerst die Infrastruktur erneuert, was die Arbeitsaufnahme in einer nahegelegenen Stadt erleichterte. Das Einkommen in der Region stieg deutlich an, eine Schule wurde gebaut, die Lebensbedingungen im Dorf verbesserten sich deutlich.
Die Konferenz machte die Bedeutung des chinesischen Entwicklungsweges für den gesamten Globalen Süden greifbar. Das zeigte sich auch in den Fragerunden, die ein breites Spektrum an politischen und ökonomischen Themenfeldern eröffneten. Wie die Korruptionsbekämpfung gelungen sei, wollte ein südafrikanischer Teilnehmer wissen. Man beschäftige „Profis“ und nutze auch die Analyse großer Datenmengen (Big Data), um der Spur des Geldes zu folgen, erläuterte ein Vertreter der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Ein französischer Teilnehmer wollte (typisch Europäer) wissen, wie das Armutsbekämpfungsprogramm denn finanziert werde. Das sei vor allem eine Frage der politischen Prioritätensetzung, antwortete ein chinesischer Delegierter. Die Abschaffung der Armut sei ein Staatsziel, entsprechend habe man Programme und Fonds aufgelegt, aber auch staatliche Banken und private Unternehmen in die Pflicht genommen. Insofern handele es sich weniger um eine fiskalische Frage als um eine „gesamtgesellschaftliche Anstrengung“.
Am Ende der Konferenz blieb eine Einsicht bestehen, die Liu Haixing, Minister der Internationalen Abteilung der KPCh, schon in seinem Eröffnungsstatement entwickelt hatte – und die von zahlreichen Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmern geteilt wurde. Armutsbekämpfung sei nicht die alleinige Aufgabe der armen Regionen, sondern „aller Länder der Welt“. Notwendig sei eine Politik, die den „Menschen an erste Stelle“ rücke und dabei „keine ethnische Gruppe, keine Familie oder Person“ zurücklasse. Schließlich teile die Menschheit ein gemeinsames Schicksal und eine gemeinsame Zukunft, zitierte er Chinas Präsidenten Xi Jinping. Auch deshalb sei es notwendig, dass China seine Erfahrungen in Theorie und Praxis der Armutsbekämpfung weitergebe. Nun geht es darum, sie weiterzuentwickeln und unter anderen Bedingungen zu adaptieren.









