Bei „N-TV“ kommt man ins Nachdenken: Es „sei nicht ausgeschlossen, dass es irgendwann ‚auf die Barrikaden‘ gehe“, so zitiert das konservative Nachrichtenhaus Simon Schnetzer, der die neueste Auflage der „Shell-Jugendstudie“ zu verantworten hat. Wo er recht hat: Es gäbe genug Gründe, auf die Barrikaden zu gehen. 29 Prozent der Befragten geben an, psychologische Unterstützung zu benötigen, 23 Prozent sind verschuldet, 21 Prozent planen auszuwandern. Warum das alles so ist, darüber äußert man sich zurückhaltend. Mal wird auf einen „Generationenkonflikt“ verwiesen, mal versucht man, die Einsamkeit der Jugend aus ihrem Social-Media-Konsum zu erklären (selbstverständlich verbunden mit der Forderung nach einer Altersgrenze für die Nutzung von sozialen Netzwerken), mal schiebt man die Perspektivlosigkeit der Jugend dem Einsatz von KI im Arbeitsleben zu. Nur bei einem ist man sich sicher: „Der Protest der Jugend ist nicht laut, aber unter der Oberfläche braut sich etwas zusammen, was langfristig Wirtschaft, Regionen und soziale Sicherungssysteme gefährden kann“, so die ebenfalls mitwirkende Politikwissenschaftlerin Nina Kolleck.
Was immer zieht ist die Feststellung, dass die Jugend sich den „politischen Rändern“ zuwende. Darum fehlt sie auch diesmal nicht. 20 Prozent der jungen Menschen würden die AfD wählen (immerhin 5 Prozent weniger als die Gesamtbevölkerung), 25 Prozent „Die Linke“. Viel lernen kann man aus diesen Zahlen allerdings nicht. Dennoch bringt die Umfrage zum Ausdruck, wie unpopulär der Kurs der Merz-Regierung in der Jugend ist. Darüber hinaus spielt die Politik in der Studie jedoch kaum eine Rolle. Auch die eng damit verbundene wirtschaftliche Entwicklung bleibt eine Randerscheinung. Während sich Politikwissenschaftler und Soziologinnen den Kopf zerbrechen, was Handys, KI und „Boomer“ mit der Unzufriedenheit zu tun haben, wurden im Jahr 2025 insgesamt 124.000 Stellen in der deutschen Industrie gestrichen.
Andere interessante Zahlen aus der Studie tauchen wiederum kaum in der Berichterstattung auf: 62 Prozent sorgen sich wegen der steigenden Kriegsgefahr in Europa und dem Flächenbrand in Nahost, Iran und Libanon (in der Studie vornehm „Angst vor Krieg“ genannt), 53 Prozent wegen der Inflation, 50 Prozent wegen der hohen Mieten, 44 Prozent wegen der Perspektive Altersarmut und vergleichbar viele wegen des Klimawandels. Auffällig ist, dass die Frage der Wehrpflicht offensichtlich unter dem Schlagwort „Sorge vor Krieg in Europa“ versteckt wird. Die Studienautorinnen und -autoren reden vom „stillen Protest“. Dabei waren an zwei Streiktagen je 50.000 Jugendliche gegen die Wehrpflicht auf der Straße. Zum Verschweigen dessen passt, dass Nina Kolleck auch in der „Initiative für einen handlungsfähigen Staat“ saß, die im vergangenen Jahr bereits eine „allgemeine Dienstpflicht“ gefordert hatte. Nun ist sie an einer Studie beteiligt, in der Kriege höchstens als Naturgewalten auftauchen, die über die Welt herfallen. Ein immer größerer Teil der Jugend aber ahnt zumindest, dass dem nicht so ist, sondern dass Kriege von denjenigen gemacht werden, die von ihnen profitieren – den Banken und Großkonzernen und den Regierungen, die sie sich halten.
„Wer Ohren hat, der höre!“, forderte schon Jesus, der leider nicht erwogen hat, dass man sich auch taub stellen kann. Fest steht jedenfalls: Die arbeitende und lernende Jugend in Deutschland ist wütend und unzufrieden. Allzu lang werden auch aller Soziologensprech und alles Getue diesen Riss nicht mehr zudecken. Am 8. Mai werden wieder zehntausende Jugendliche auf die Straße gehen, und zwar nicht gegen Handys, nicht gegen Social-Media, nicht gegen „Boomer“, sondern gegen die Pläne einer Regierung, sie im nächsten Weltkrieg in die Schützengräben zu stecken. Bleibt abzuwarten, ob die Autorinnen und Autoren der Shell-Jugendstudie im nächsten Jahr dann etwas davon mitbekommen haben werden.









