G20-Staaten einigen sich vor COP26 – auf nichts

Das große Versagen

Am Sonntag begann in Glasgow die 26. Weltklimakonferenz (COP26). Zuvor, am Samstag und Sonntag, tagten die Repräsentanten der G20-Staaten in Rom. Wer von diesem Treffen ein deutliches Signal für Glasgow erwartet hatte, wurde enttäuscht: Die G20-Staaten, verantwortlich für 80 Prozent der weltweiten Emissionen, einigten sich nicht auf ehrgeizige Klimaziele. Zwar bekannten sie sich zum 1,5-Grad-Ziel, das „bis oder um die Jahrhundertmitte“ zu erreichen sei, wie dies aber gelingen soll, blieb offen. Neue Zusagen, konkrete Pläne oder verbindliche Zielvorgaben fehlen.

Und so verpflichtete man sich in der Abschlusserklärung des Treffens lediglich dazu, bis zum Jahresende die Finanzierung von Kohlekraftwerken im Ausland ohne CO2-Abscheidung mit Steuergeldern zu stoppen. Laut Kommuniqué sollen die Schwellenländer dabei unterstützt werden, die Kohleverstromung auslaufen zu lassen. Sechs Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen steht aber fest, dass entsprechend der vorliegenden verschiedenen nationalen Aktionspläne auch aus den G20 die weltweiten Emissionen bis 2030 sogar um 16 Prozent ansteigen werden – obgleich ein Rückgang um 45 Prozent nötig wäre, um, wie in Paris 2015 vereinbart, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Klimaschützer reagierten auf die Abschlusserklärung der G20-Tagung empört: „Wir steuern auf (…) eine katastrophale Entwicklung der Klima­krise zu“, so Jörn Kalinski von der Entwicklungsorganisation Oxfam. World Vision meint, es sei ein „Gipfel der verpassten Chancen“ gewesen. Vor wichtigen Entscheidungen hätten G20-Mitglieder „gekniffen“. Greenpeace übte scharfe Kritik: Das Kommuniqué sei schwach, ohne Ehrgeiz und Vision.

„Ein Hauptproblem in der internationalen Klimapolitik besteht darin, dass die Industrieländer nicht bereit sind, anhand ihrer historischen Verantwortung für das Verursachen der Krise und ihrer Wirtschaftskraft fair zum global nötigen Klimaschutz beizutragen“, erklärte der Klimaexperte Jan Kowalzig (Oxfam). Friederike Röder von Global Citizen meinte: „Wenn es auf dem G20-Gipfel schon keine Einigung gibt, dann frage ich mich, wie Glasgow ein Erfolg werden kann.“

Boris Johnson, der britische Premier, dämpfte im Vorfeld des Weltklimagipfels dann auch die Erwartungen. Man werde den Klimawandel nicht so bald beenden: „Und wir werden ihn sicherlich nicht bei der COP26 stoppen.“ Vor allem die entscheidenden G20-Staaten könnten – mit Ausnahmen – dabei versagen. Die USA bekennen sich zwar unter Präsident Joseph Biden zu ehrgeizigen Klimazielen wie einer Reduktion der CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zum Jahr 2005 um 50 Prozent. Wie das aber geschehen soll, bleibt offen, denn die fossilen Brennstoffe, ihre Förderung und Verstromung sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor des Landes. China und Russland, aber auch Australien streben Klimaneutralität erst bis 2060 an. Indien will sich nicht festlegen.

Zum Auftakt der Weltklimakonferenz in Glasgow forderte deshalb Patricia Espinosa, die Exekutivsekretärin der Klimarahmenkonvention (UNFCC), am Sonntag im Plenum deutlich mehr Ehrgeiz im Kampf gegen die Erderhitzung. Man stehe beim Klimaschutz an einem „Wendepunkt der Geschichte“. Die neueste Schätzung der UNO deutet darauf hin, dass wir auf eine Erwärmung von 2,7 Grad zusteuern. Mit katastrophalen Folgen.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Das große Versagen", UZ vom 5. November 2021



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