Zum Verhältnis von politischer Ökonomie und Ökologie

Nur der Profit zählt!

AG Klima der KAZ

Der folgende Artikel aus der „Kommunistischen Arbeiterzeitung“ (KAZ) befasst sich mit der Verbindung der politischen Ökonomie des Kapitalismus mit der „ökologischen Frage“, einem Thema, dem Karl Marx sich in zahlreichen Schriften gewidmet hat. Sein besonderes Interesse galt hierbei dem Stoffwechsel des Menschen mit der Natur, in den der Mensch mit der Arbeit eintritt – denn ihr entnimmt er die Stoffe zur Produktion, sei es als Arbeitsgegenstand oder als Arbeitsmittel. Diese Aneignung ist so alt wie der Mensch. Wir bedanken uns bei der KAZ für die Abdruckgenehmigung und dokumentieren den Artikel in gekürzter und redaktionell bearbeiteter Form.

Als vor etwa 6.000 Jahren (immerhin nach einer Millionen Jahre dauernden Entwicklung hin zum Homo sapiens) erste Formen des Privateigentums (an Boden sowie an Werkzeugen wie Töpferscheiben, Brennöfen und Ähnlichem) aufkamen, entstand auch die Warenproduktion. Das ist Produktion nicht mehr zum eigenen Gebrauch, zur Versorgung des Gemeinwesens, sondern Produktion für den Austausch. Für den Produzenten mit seinen eigenen Werkzeugen tritt zurück, ob er selbst sein eigenes Produkt nutzen kann, ob es für ihn Gebrauchswert hat. Für ihn wird es entscheidend, ob er sein Produkt gegen andere von ihm benötigte Produkte eintauschen, ob er sein Produkt verkaufen kann (verkaufen gegen Geld gibt es erst seit etwa 3.000 Jahren), ob es Tauschwert hat, ob es Gebrauchswert für andere hat. Wenn aber das Produzieren für den Austausch, schließlich für den Markt sich durchgesetzt hat, dann gewinnen der Markt und seine Abläufe entscheidenden Einfluss auf den Produzenten, auf sein Handeln und Denken. Vom Markt, vom Preis, vom Käuferverhalten, von der Zahlungsfähigkeit und so weiter hängt dann Wohl und Wehe des Produzenten ab, dem Markt hat er sich zu unterwerfen. Das unmittelbare Band zwischen Produzieren und Konsumieren ist zerrissen. Der Markt scheint den Preis zu diktieren, der unterboten werden muss, um verkaufen zu können. Billiger muss es werden – großer Ansporn zur Verbesserung der Produktion, aber auch schon Antrieb zur Ausplünderung von Mensch und Natur. Im Kapitalismus (seit etwa 500 Jahren) wurde die Warenproduktion dominierend und beherrscht alle gesellschaftlichen Bereiche. Jetzt wird auch die Arbeitskraft zur Ware. Der Arbeiter hat dafür zu sorgen, dass seine Arbeitskraft verkäuflich ist, dass er sie austauschen kann gegen Lohn. In dieser entwickelten Warenproduktion bleibt für den privaten Produzenten, nunmehr zum Kapitalisten geworden, auch weiterhin die Verkäuflichkeit seiner Ware, der Tauschwert, Ausgangspunkt seines Handelns. Welche Gebrauchswerte er schafft, ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Entscheidendes Motiv aber für die Produktion in der kapitalistischen Warenproduktion wird der Profit. In seinen Lohnarbeitern hat der Kapitalist die Quelle der wundersamen Profitvermehrung zur Verfügung. Denn: Die menschliche Arbeitskraft ist die einzige Ware, die mehr Wert produzieren kann als zu ihrer eigenen Herstellung notwendig ist. Durch ihre Ausbeutung auf immer größerer Stufenleiter kann der Kapitalist am Markt überleben, um endlich Herrscher über den Markt, Monopolist zu werden. Damit entfremdet das Kapital vollständig die Produktion, die lebendigen Produzenten, die Arbeiter von den Bedürfnissen der Gesellschaft. Die erscheinen nur noch als zahlungsfähige Nachfrage auf dem Markt. Und: Die Grundlage der Produktion, die Natur, wird zum scheinbar unerschöpflichen Objekt, dessen Ausplünderung das Rohmaterial nicht nur des Reichtums liefert, sondern dessen Besitz den Sieg über die Konkurrenz garantieren soll. Darin liegen die systemischen Wurzeln für Krise, Krieg und Katastrophen.

Raubbau an Menschen und Natur

Vor der Einführung des Kunstdüngers konnte eine in großem Maßstab für weit entfernte Städte produzierende Landwirtschaft die zum Wachstum der Feldfrüchte notwendigen Nährstoffe aus dem Boden nicht ersetzen. Sie gelangten als Lebensmittel in die Städte und von dort aus als Kloake in die damit verseuchten Flüsse. Der Boden jedoch wurde dadurch zugleich ausgelaugt. „Aneignung ohne Äquivalent“, Raubbau nannte das Karl Marx. Diese Wanderung der Nährstoffe, welche in die Pflanzen eingehen (Salze, Mineralien, organische Verbindungen), ist ein unmittelbar anschaulicher Stoffwechsel, den der Mensch mit der Natur eingeht.

Die britischen Landkapitalisten ab dem frühen 19. Jahrhundert, die Marx vor Augen hatte, arbeiteten in einem extrem dynamischen Markt – durch das nie dagewesene Anschwellen der Städte und die Notwendigkeit ihrer Versorgung. Kapitalistisches Agrobusiness war extrem profitabel und versprach hohe und vor allem schnelle Gewinne. Diese Landinvestoren dachten nicht an den Erhalt der Fruchtbarkeit des Bodens. Sie mussten es nicht und sie konnten es nicht, denn bekanntlich: Die Konkurrenz schläft nicht. Billige Landarbeiter kamen als Lohnarbeiter zum Einsatz. Ihre Arbeit wurde „verflüssigt“, wie Marx es nannte. Sie wurde nicht nur „produktiver“ (also mehr produzieren in gleicher Zeit), sondern sie und die Arbeiter wurden ersetzbar und austauschbar. Ihre Tätigkeit wurde zur abstrakten mehrwertschaffenden Arbeit. So erst wurde die Landwirtschaft zum richtigen „Geschäft“. Da lohnte es dann in großem Stil, nicht nur die Löhne zu drücken, sondern auch das noch zu verschlechtern, was in den Konsum der Arbeiter eingeht: Die Qualität der Lebensmittel sank dramatisch.

Die Entfremdung von der Natur ist hier ganz handgreiflich und anschaulich. Arbeiter und Erde wurden ruiniert, als Bedingung der kapitalistischen Wertschöpfung. Die Entfremdung von der Natur beziehungsweise der Raubbau an ihr und die systematische, dem Kapital inhärente Überdehnung ihrer ressourcenschaffenden Kreisläufe liegen hier ganz offen zutage: In immer schnellerer Abfolge krempelten diese Landkapitalisten den Produktionsprozess um. Dies hatte zur Folge, dass die Bodenerträge und Profite wuchsen – allerdings um den Preis der Erschöpfung, der Auslaugung und „Verwüstung“ des Bodens.

Das Kapital kann indes seine Profitrate nur steigern, indem es den Zugriff auf die Springquellen des Reichtums, auf die Arbeiter und die Erde, immer weiter überdehnt: Ausdehnung des Arbeitstags (neben Intensivierung der Arbeit) und Überdehnung der natürlichen Ressourcen beziehungsweise ihrer Kreisläufe. Die Akkumulation von Kapital bricht beständig die natürlichen Grenzen des Stoffwechsels (und der natürlichen, durch die Physik gesetzten, stofflichen Kreisläufe der Erde). Es kennt keine Grenzen und kann sie nicht kennen, sondern behandelt diese stets lediglich als Barrieren, als Schranken, die es zu durchbrechen gilt.

Nachhaltigkeit im Kapitalismus?

Die Störung des universellen Stoffwechsels der Natur macht es notwendig, die gesellschaftliche Organisation der Produktionstätigkeiten bewusster zu gestalten, wie Marx im „Kapital“ schreibt: „Aber sie (die kapitalistische Produktion – KAZ) zwingt zugleich durch die Zerstörung der bloß naturwüchsig entstandnen Umstände jenes Stoffwechsels, ihn systematisch als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion und in einer der vollen menschlichen Entwicklung adäquaten Form herzustellen.“

Der heutige Stoffwechsel des Menschen mit der Natur, die heutige kapitalistische Art, Landwirtschaft und Industrie zu betreiben, zerstört die Natur – notwendig, gesetzmäßig. Unsere Art des Stoffwechsels – der Kapitalismus – ist zerstörerisch. Die „Umstände“ dieses Stoffwechsels sind laut Marx „bloß naturwüchsig“ entstanden; die heutige alles dominierende Herrschaft des Marktes war keine planvolle, bewusste Erfindung des Menschen. Sie entstand „hinter dem Rücken“ der Beteiligten, ja sogar der sie Erzeugenden, und das lange bevor es überhaupt eine Wissenschaft der Politischen Ökonomie gab.
Da sie die vielschichtigen Dimensionen des gesellschaftlichen und natürlichen Stoffwechsels nicht komplett berücksichtigen kann, führt die kapitalistische Produktion zur Zerstörung der Natur. Sie macht jede Möglichkeit der Ko-Evolution von Mensch und Natur zunichte und gefährdet sogar den Fortbestand der menschlichen Zivilisation. Für das Kapital zählt nur die Akkumulation – egal, ob der Planet für Menschen und Tiere weitgehend unbewohnbar wird.

Oberster Maßstab der kapitalistischen Produktion (dieses fortwährenden Stoffwechsels) ist und kann für das Kapital nur seine eigene Akkumulation sein. Das Kapital ist gegen jede andere Bestimmung gleichgültig und blind. Es muss dies sein – bei Strafe des Untergangs; dies gilt unerbittlich für jeden einzelnen, in Konkurrenz stehenden Kapitalisten.

Es bedarf daher einer neuen Grundlage, damit der Stoffwechsel neu und „als regelndes Gesetz der gesellschaftlichen Produktion“ hergestellt werden kann. Es bedarf einer neuen Gesetzmäßigkeit, einer neuen Logik der Produktion: des Kommunismus. Zwar können schon heute, im Kapitalismus, in einzelnen, hartnäckigen Kämpfen einzelne naturerhaltende Maßnahmen gegen das Kapital und seinen Profit politisch durchgesetzt werden. Ein wirklicher Wandel kann sich jedoch nur auf gesamtgesellschaftlicher Grundlage durchsetzen und erst, wenn die Kapitallogik selbst beseitigt ist. Nur durch die Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln als erstem entscheidenden Schritt kann der grundlegende Prozess der Zerstörung von Menschen und Natur beendet werden.

Kriterium und Maßstab für dieses grundlegend neue „regelnde Gesetz“ ist für Marx die menschliche Entwicklung in einer neuen, revolutionär anderen Gesellschaft; er nennt es eine neue, „der vollen menschlichen Entwicklung adäquate Form“ der Produktion, des Stoffwechsels mit der Natur.

Schon in seinen Frühschriften – hier den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ – beschrieb Marx die langfristige Aussöhnung des Menschen mit der Natur als eine grundlegende Aufgabe und mit folgenden Worten:

„Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewusst und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordene Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, das heißt menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“

Was ist im Klassenkampf durchsetzbar?

Was davon ist heute, unter Fortbestand des Kapitalismus, durchsetzbar? Ein wenig. Nicht viel, aber doch etwas. Durch Kampf, durch Klassenkampf kann dem Kapital der eine oder andere Erfolg abgerungen werden. Dieser Erfolg wird und muss stets zulasten des Profits einzelner Kapitalisten gehen. Eine andere Form ist nicht denkbar. Denn das Kapital akkumuliert eben nicht nur durch Ausbeutung, sondern auch und weiterhin (und sogar immer schneller) durch Expropriation, Enteignung (also Aneignung ohne Äquivalent). Die Kosten des Raubbaus, ihre Folgekosten für kommende Generationen (und zunehmend auch für die heutige) werden in irgendeiner Form der arbeitenden Bevölkerung aufgebürdet. Jedes heute nur ansatzweise, einzeln eingeführte „regelnde Gesetz“ für eine schonendere Produktion wird diese Kosten einbeziehen müssen, dort wo und indem es die Expropriation, den Raubbau einschränkt. Solche Ausfälle oder Einschränkungen des Profits werden stets auf die volle Härte des Widerstands der Kapitalisten treffen. Sie sind möglich, durch punktuellen harten Klassenkampf, aber niemals vollständig durchsetzbar als generell gültiges „regelndes Gesetz“, solange das Kapital, die kapitalistische Produktionsweise, herrscht.

Ein neues regelndes Gesetz, das sich an der vollen menschlichen Entwicklung orientiert und das eine adäquate Form zum Erhalt des für alles Leben grundlegenden Stoffwechsels mit der Natur (und ihrer Kreisläufe) gefunden hat, ist notwendig. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, das Privateigentum an Produktionsmitteln, ist schon längst das Hemmnis und die Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte. Heute, im Zeitalter des Imperialismus, ist die Vergesellschaftung der Produktion soweit gediehen, dass die materiellen Bedingungen für eine neue Gesellschaft längst herangereift sind. Unter den heutigen Verhältnissen, das wird uns jeden Tag vorgeführt, „… tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskräfte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verhältnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskräfte mehr sind, sondern Destruktionskräfte“. Die Entfaltung und Kreativität der Produktivkräfte, die die Menschheit dringend braucht, können nur gegen das Kapital im Klassenkampf erkämpft werden.

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"Nur der Profit zählt!", UZ vom 9. Dezember 2022



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