Corona und Kita – eine Erzieherin berichtet

Desinfizieren statt erziehen

Eingeschränkter Regelbetrieb“ – so nennt die Landesregierung das, was ab Montag vergangener Woche in den Kindertagesstätten Nordrhein-Westfalens stattfindet. Was das bedeutet? Bircan, die eigentlich anders heißt, weiß es nicht genau – es wird noch schwieriger sein, die Hygieneregeln einzuhalten, die Betreuerin wird sich um noch mehr Kinder kümmern müssen.

„Ich verstehe diese Politik nicht“, sagt Bircan, „jeden Tag bekommen wir andere Infos vom Amt. Jeden Tag planst du etwas Neues.“ Zuerst stellten Bircan und ihre Kolleginnen sich darauf ein, dass nur ein Teil der Kinder, die nach den Sommerferien in die Schule kommen, über die Notbetreuung hinaus wieder zu ihnen in die Kita kommen würde. Dann hieß es: Alle Vorschulkinder können kommen, dann: Kinder, bei denen Verdacht auf Kindeswohlgefährdung besteht, können ebenfalls kommen. Seit Mitte Mai weiß sie aus einer Mail der Stadtverwaltung, dass bald alle Kinder wieder in die Kita dürfen.

Hygiene statt Pädagogik

Die Eltern, die die Kinder bringen, dürfen die Kita nicht betreten. Bircan hört die Klingel, sieht an der Sprechanlage, dass eines der Kinder aus ihrer Gruppe gebracht wird, und geht zur Tür. Die Mutter oder der Vater gibt ihr an der Tür ein unterschriebenes Formular, dass es keine Anzeichen für eine Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus gibt und dass das Kind keinen Kontakt zu Covid-19-Patienten hatte. Ohne das Formular darf Bircan das Kind nicht hineinlassen.

Im Moment betreut sie fünf Kinder in der Notbetreuung – als einzige Erzieherin. Hygieneregeln und berufliche Standards stehen schon im Gegensatz zueinander, wenn die Kinder ankommen: Wenn Bircan ein Kind von der Tür abholt, wer bleibt bei denen, die schon da sind? Immerhin: In Bircans Gruppe arbeitet wenigstens an drei Tagen der Woche auch eine Praktikantin, die zwar keine abgeschlossene Erzieherausbildung hat, aber nach den Kindern schauen kann.

Als zum 16. März die Kitas in NRW geschlossen wurden, hatte Bircan Husten. Sie ist über 50 und zählt zur Risikogruppe, zunächst war sie fünf Wochen lang freigestellt. Im April fing sie wieder an zu arbeiten – im Homeoffice. Für sie als Erzieherin hieß das, alle möglichen Konzepte, die für die Einrichtung nötig sind, zu überarbeiten oder neu zu schreiben. Seit Anfang Mai kann sie wieder in der Kita arbeiten.

Als die Notbetreuung losging, bekamen Bircan und ihre Kolleginnen gesagt: „Es geht um Betreuung, die normale pädagogische Arbeit wird nicht möglich sein.“ Bircan sagt: „Das geht doch nicht.“ Sie versucht, in ihrer Gruppe so viel vom üblichen Programm anzubieten wie möglich: Rausgehen, malen, basteln. „Aber die Hygienemaßnahmen machen mich verrückt.“

Druck und Desinfektion

Die Kinder ihrer Gruppe dürfen keinen Kontakt zu anderen Erzieherinnen oder Kindern aus anderen Gruppen haben. „Normalerweise haben wir ein wunderschönes offenes Konzept, in dem die Kinder nicht in starre Gruppen eingeteilt sind – dafür haben wir jahrelang gekämpft.“ Für die Kinder heißt das, dass sie nicht wie sonst selbst entscheiden können, mit wem sie spielen. Für Bircan heißt das: Keine Pause, möglichst selten aufs Klo gehen. Als die Praktikantin dazu kam, konnte sie wenigstens ihre Pause wieder nehmen.

Trotzdem: „Statt pädagogische Arbeit zu machen, putze ich“ – wenn ein Kind aufs Klo geht, muss sie desinfizieren und dokumentieren, dass sie desinfiziert hat – manche der Kinder haben bis vor Kurzem noch Windeln getragen und müssen oft. Nach dem Frühstück desinfiziert Bircan Tische und Stühle. Wenn die Eltern ihre Kinder abgeholt haben, desinfiziert sie Tische, Stühle und Türgriffe, die Reinigungskraft wischt den Boden. Die Spielsachen, mit denen die Kinder gespielt haben, räumt sie, wenn möglich, in die Spülmaschine – oder putzt sie selbst. Spielsachen aus Holz oder Papier kann sie den Kindern im Moment nicht geben. In ihrer Gruppe gibt es einen Nebenraum, in dem die Kinder spielen können – aber wie soll sie die Kinder dort beaufsichtigen, wie soll sie dort für Hygiene sorgen? Und wie soll es funktionieren, wenn alle Kinder wieder da sind? Vielleicht werden die Reinigungskräfte zusätzliche Stunden bekommen, aber Genaueres weiß Bircan nicht. Vermutlich wird sie dann 15 Kinder in ihrer Gruppe haben – gemeinsam mit einer Halbtagskraft. Sie stellt sich darauf ein, dass sie bis September diesem zusätzlichen Druck ausgesetzt sein wird.

Beschwerden und Verständnis

Die Kinder dürfen nicht so lange in der Kita bleiben wie sonst – ein Teil von ihnen war 45 Stunden pro Woche in Betreuung, ein anderer Teil 35, nun sind es zehn Stunden weniger. Die Kita muss den Eltern relativ genau vorschreiben, wann sie ihre Kinder bringen und abholen müssen. Wenn ein Kind hustet oder Schnupfen hat, müssen die Eltern es sofort abholen. Wenn ein Elternteil nicht oder im Homeoffice arbeitet, können sie das organisieren. Aber Bircan versteht, dass sich einige Eltern beschweren: Einer Mutter musste sie erklären, dass sie ihre Kinder nicht wie sonst um sieben, sondern erst um halb acht Uhr bringen kann. Diese Mutter arbeitet als Pflegerin, sie ist „systemrelevant“ und kann deshalb die Notbetreuung nutzen – aber sie muss um acht Uhr bei der Arbeit sein, ihre Anfahrt ist weit. Die Mutter sagt: „Ich kann meinem Arbeitgeber doch nicht sagen, dass ich jeden Tag zu spät komme.“ Bircan sagt: „Ich muss diese Anordnungen durchsetzen – schreiben Sie an das Jugendamt, schreiben Sie an den Oberbürgermeister.“

Bircan war froh, als sie wieder zur Arbeit kommen konnte: „Das Lachen, Schreien und Weinen hat mir gefehlt. Aber im Moment ist mein Beruf nicht das, was er sonst war. Ich spüre immer diesen Druck: Ich muss diese verdammten Hygienevorschriften einhalten.“

Gänsehaut

Die größeren Kinder, die in die Notbetreuung kommen, versuchen selbst, die Regeln für Infektionsschutz und Abstand einzuhalten, sie kommen meist gut mit der Situation zurecht. Sorgen macht Bircan sich um die, die sie nicht sieht. Die Kinder ihrer Einrichtung leben in einer der Gegenden, die „sozialer Brennpunkt“ genannt werden. Manche von ihnen wären besonders stark auf die Sicherheit und die Freiräume in der Kita angewiesen – aber das sind eher nicht die, deren Eltern Anspruch auf Notbetreuung haben. Bircan erzählt von Eltern, die mit der Erziehung überfordert sind, die ihre Kinder schlagen, die Alkoholiker sind. Was in diesen Familien während des „Lockdowns“ passiert? „Wenn ich daran denke, bekomme ich Gänsehaut“, sagt Bircan.

Was sie für nötig hält, um den Druck zu verringern, ist ähnlich wie in anderen Bereichen: Mehr Personal für Betreuung und Reinigung, mehr Corona-Tests, um die Unsicherheit zu nehmen. „Aber die Politiker sind ja damit beschäftigt, die Lufthansa zu retten.“

Bevor Bircan Feierabend macht, weiß sie schon, dass sie sich zu Hause ausgebrannt und bedrückt fühlen wird. Wenn die Kinder gehen, steckt sie das Formular in deren Kindergartentasche, das die Eltern am nächsten Tag abgeben müssen. Bircan desinfiziert Spielsachen und Möbel, ist unsicher, ob sie alle Schutzmaßnahmen umgesetzt hat und blendet die Angst aus, dass sie selbst

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"Desinfizieren statt erziehen", UZ vom 12. Juni 2020



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