Im Lockdown leidet das Kindeswohl, die Angst vor Ansteckung bleibt

Zum Schreien

Die Bundesregierung will um jeden Preis die Wirtschaft am Laufen halten. Dazu gehört, dass die Kinder der Arbeiternehmerinnen und Arbeitnehmer betreut werden. Deshalb sollen die Kitas ab dem 1. März wieder geöffnet werden. Bayern will sie sogar schon ab dem 22. Februar wieder aufmachen. UZ sprach darüber mit dem Erzieher Michael Muldenhauer.

UZ: Die Bundesregierung will Anfang März die Kitas wieder öffnen. Was hältst du davon?

Michael Muldenhauer: Ich glaube, das ist eine sehr zwiespältige Sache, weil es auf der einen Seite die sehr erhöhte Gefahr vor Ansteckungen im Kita-Bereich gibt und auf der anderen Seite das Kindeswohl bei Erzieherinnen und Erziehern eine sehr große Rolle spielt. Gerade das ist durch die Kita-Schließungen im Lockdown in einem nicht geringen Maße beeinträchtigt.

Meine Chefin hat mir vor kurzem erzählt, dass es im Quartier, in dem ich arbeite, seit der Notbetreuung keine Kindeswohlgefährungsanzeigen mehr beim Jugendamt gibt. Davor gab es viele Anzeigen. Die Gründe für Anzeigen sind natürlich nicht mit dem Lockdown verschwunden. Jugendämter und soziale Einrichtungen bekommen zum Beispiel Gewalt an Kindern einfach nicht mehr mit.

UZ: Wie ist die Stimmung unter deinen Kollegen?

Michael Muldenhauer: Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass viele sich daran gewöhnt haben, wie es aktuell läuft. In meiner Einrichtung hatten seit September fünf Kolleginnen und Kollegen Corona. Sie haben sich wahrscheinlich über die Einrichtung infiziert.

Besonders hart sind die Auszubildenden betroffen. Eine Auszubildende zum Beispiel musste über Wochen alleine die Notbetreuungsgruppe schmeißen. Es gab bei ihr keine Fachkräfte, die nicht einer Risikogruppe angehörten und deswegen nicht zur Arbeit kamen.

Zwar gibt es nicht wenige Kolleginnen und Kollegen, die große Bedenken wegen ihrer Gesundheit haben, aber bei vielen überwiegt die Sehnsucht, endlich wieder einen regulären Alltag zu haben und arbeiten zu können. Das Problem ist, das wird es unter so einer Pandemie nicht geben. Das wäre möglich, wenn die Regierung einen effektiven Seuchenschutz betreiben würde, was sie gerade überhaupt nicht macht.

UZ: Bekommt ihr Unterstützung von den Gewerkschaften?

Michael Muldenhauer: Die GEW arbeitet sehr gut zu dem Thema und bringt gute Punkte ein. Aber es gibt zurzeit absolut keine Kampfkraft, um irgendwelche Forderungen durchzusetzen.

Ich bin bei einem städtischen Träger angestellt, dem größten in der Gegend, und trotzdem sind die Kita-Angestellten sehr unorganisiert. Das hängt damit zusammen, dass viele in kleinen Einrichtungen arbeiten und nicht so viele Kollginnen um sich herum haben. Oft wird daher nur auf die eigene Kita und die eigene Situation geachtet.

Manche Kollegen sagen scherzhaft, es könne so weiterlaufen wie momentan – keine zu großen Gruppen und nicht zu wenige Erzieher, wie sonst. Die Forderungen nach kleinen Gruppen, mehr Personal und mehr Bezahlung haben aber in der Pandemie nicht an Schlagkraft verloren.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Zum Schreien", UZ vom 19. Februar 2021



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