Marx-Kompress in der Kunst- und -Kultur-Halle

Die Marx-Bühne

Von Herbert Becker

Am Freitagabend eröffneten die „Grenzgänger“ mit ihrem Programm „Die wilden Lieder des jungen Marx“. Die Bremer Musiker, Meister ihrer Instrumente, hatten sich für die Bearbeitung dieser frühen Texte – eigentlich Briefe des jungen, verliebten Karl an seine Jenny – sehr unterschiedliche, abwechslungsreiche Musikstile gesucht und Formen der Darbietung gefunden, die ins Ohr gingen. Country, Blues, Jazz, Liedgesang (erinnerte ein wenig an Bob Dylan) und Chanson, es wechselte zwischen Pop und Rock. Das Publikum ging richtig mit, langer lauter Beifall dankte der Gruppe.

Über Samstagmittag gehörte die Bühne Erich Schaffner, sein Programm richtete sich auf die Zeit der Novemberrevolution 1918/19.

Am Samstagnachmittag kam das Weber-Herzog-Musiktheater auf die Bühne. Sie sind seit Anfang des Jahres in der Republik mit ihrem Stück „Frau Kapital trifft Dr. Marx“ unterwegs. Es ist beachtlich, wie die Truppe es schafft, die prosaischen Texte aus den MEW-Bänden in eine spielbare, lebendige Form zu bringen, Sprechgesang, Streitgespräch und Songs in Anklängen an die große Zeit der 20er und 30er Jahre des Musiktheaters. Dank und Applaus.

Der Samstagabend gehörte dann Gina Pietsch mit ihrer Tochter Frauke, sie haben ein Programm erarbeitet „Karl Marx – seiner Nützlichkeit wegen“. Texte und Lieder von den Bauernkriegen über die Französische Revolution bis zu den faschistischen Zeiten, Interpretationen von Franz-Josef Degenhardt-Liedern bis Brecht/Eisler in einem klugen geschichtlichen Durchgang. Gina Pietsch singt listig, emphatisch, verhalten und durchdringend, Frauke begleitet sie nicht nur kongenial am Klavier, sondern übernimmt auch das eine oder andere Mal den Part der Sängerin. Zu Anfang des Konzerts war es noch nicht viele Zuhörer, dann wurden es doch deutlich mehr. Standing Ovations, begeistertes Publikum.

Der Sonntagmittag hatte dann das vierte Konzert im Programm. Die Gruppe „Quijote“ aus Chemnitz hatte für das Marx-Jahr eine Aufführung erarbeitet mit dem bekannten Satz aus dem Kommunistischen Manifest „Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen“. Beides wurde geleistet, die Bedingungen im Kapitalismus wurden klar und deutlich benannt und die Möglichkeiten und Formen, wie diese verändert werden können und müssen. Sabine Kühnrich und ihre Kollegen begeistern ihr Publikum mit ihrer Musikalität, dem handwerklichen Können, besonders aber mit der ausdrucksstarken Stimme von Sabine. Erfreulich der große Zuspruch trotz des schönen Wetters draußen vor Halle.

Den Abschluss der Bühnenprogramme gestaltete der Schauspieler Rolf Becker. Hier trar ein Text, der nicht nur politische Analyse ist, sondern aufgrund der Sprachkunst von Marx und Engels zur Weltliteratur zählt, auf höchste Sprechkultur. Wie Rolf Becker mit all seiner Erfahrung und Souveränität diesen doch auch langen Text vortrug, keine Langeweile aufkommen ließ und das große Publikum zum Zuhören brachte, alle Achtung.

Verdienter Beifall und hoffentlich vielen hat es die Ohren geputzt.

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Über den Autor

Herbert Becker (Jahrgang 1949) hat sein ganzes Berufsleben in der Buchwirtschaft verbracht. Seit 2016 schreibt er für die UZ, seit 2017 ist es Redakteur für das Kulturressort.

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"Die Marx-Bühne", UZ vom 14. September 2018



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