Der Bundesregierung wird gerade der Boden unter den Füßen weggezogen. Zunächst zerstörte US-Außenminister Marco Rubio im März 2025 alle Illusionen, dass es sich in der Ukraine um einen „durch nichts zu rechtfertigenden Angriffskrieg“ handele, nachdem er das Wesen des Konflikts als ein NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland offenlegte. Dann kam der eklatante Verstoß gegen das Völkerrecht durch die Entführung von Nicolás Maduro, was der Kanzler als „kompliziert“ abzutun versuchte. Nun hat der kanadische Premierminister Mark Carney noch eins drauf gesetzt. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gab er vor der ganzen Welt zu, dass die „regelbasierte Weltordnung“ in Wahrheit nichts anderes als eine Maskerade gewesen sei, um die hegemonialen Bestrebungen der USA zu verschleiern: „Wir wussten, dass die Erzählung von der regelbasierten Weltordnung teilweise falsch war (…). Und wir wussten, dass das Völkerrecht je nach Identität des Angeklagten oder des Opfers mit unterschiedlicher Strenge angewendet wurde. Diese Fiktion war nützlich (…). Wir haben an den Ritualen teilgenommen und es weitgehend vermieden, auf die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität hinzuweisen. Dieser Kompromiss funktioniert nicht mehr. (…) Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einer Übergangsphase.“
Nur vier Tage zuvor hatte Carney eine neue Vereinbarung mit Peking bekannt gegeben, die Kanadas jahrelange Anti-China-Politik praktisch beendet. Die 100-prozentigen Zölle auf chinesische Autos werden im Gegenzug für die Aufhebung der Vergeltungszölle auf kanadische Agrarprodukte aufgehoben. Carney will die Beziehungen zu China „neu kalibrieren“, sodass Kanada besser „für die neue Weltordnung aufgestellt ist“. Nicht einmal ein Jahr zuvor hatte er sich Washingtons Linie noch angeschlossen und die Volksrepublik als „die größte Sicherheitsbedrohung” für Kanada dargestellt. Offenbar lohnt es sich nicht mehr, die Fiktionen des US-Imperialismus aufrechtzuerhalten.
Die Winde der innerimperialistischen Rivalitäten bringen das Kartenhaus der G7 ins Wanken. Die Kriegsgefahr nimmt dabei zu, aber ebenso die Möglichkeit, die Widersprüche zwischen den Imperialisten auszunutzen. In den letzten Wochen empfing Peking nicht nur Carney, sondern auch die Staatschefs Südkoreas und Irlands. In den kommenden Wochen werden sowohl der britische Premierminister als auch der Bundeskanzler erwartet. Carneys Rede wird gerade zweifellos unter den verschiedenen Fraktionen des deutschen, britischen und französischen Monopolkapitals heiß diskutiert.








