Bosch-Beschäftigte kämpfen gemeinsam mit Klimaschützern für den Erhalt ihres Werks

Ein Alptraum für das Kapital

Der Autoteilezulieferer „Robert Bosch GmbH“ will sein Werk in München schließen. Dagegen wehren sich die Beschäftigten und demonstrierten Anfang September gemeinsam mit Klimaschützern. UZ sprach mit Laura Blinz von der Kampagne „Klimaschutz und Klassenkampf“, einer gemeinsamen Initiative von Bosch-Beschäftigten und Klimaaktivisten.

UZ: Ihr habt mit den Bosch-Beschäftigten für den Erhalt des Werks demonstriert. Wie kommt es, dass Klimaschützer und Arbeiter, die Teile für Benzinmotoren herstellen, gemeinsame Sache machen?

Laura Blinz: Das klingt erst mal ungewöhnlich, liegt aber total nahe. Man muss sich vorstellen, in der Automobilindustrie arbeiten in Deutschland über 800.000 Menschen. Das sind letztlich die Leute, die die größte Möglichkeit haben, zu beeinflussen, was in ihren Werken hergestellt wird. Nicht mit den Beschäftigten gemeinsam zu kämpfen wäre widersinnig. Das Werk in München ist nicht das erste Werk, dass Bosch schließen will. Die Umstellung auf E-Mobilität trifft nicht nur die Bosch-Beschäftigten, sondern es wird Tausende im Automobilbereich treffen.

Dieser gemeinsame Kampf ist zustande gekommen, weil wir zu den Beschäftigten gegangen sind und gefragt haben: „Glaubt ihr denn, dass das Werk wegen dem Umweltschutz zugemacht wird?“, und sie haben geantwortet: „Quatsch, hier geht es nur um Profit.“ So ist der erste Kontakt zustande gekommen, woraus wir dann gemeinsam die Kampagne entwickelt haben.

UZ: Ihr propagiert die „Konversion von unten“. Was meint ihr damit?

Laura Blinz: Konversion bedeutet Umstellung der Produktion, im Gegensatz zur sogenannten „Transformation von oben“. Transformation bedeutet in diesem konkreten Zusammenhang, dass das Unternehmen so umgebaut wird, dass die Hälfte der Beschäftigten entlassen wird und der Rest halben Lohn bekommt.

Konversion bedeutet für uns im Gegensatz dazu die Umstellung der Produktion auf Dinge, die wir als Gesellschaft brauchen. Es wird zu keinem Zeitpunkt passieren, dass zum Beispiel ein Automobilkonzern sagen wird: „Stimmt, es gibt zu viele Autos und zu wenig Windkrafträder. Lasst uns in Zukunft Windkrafträder herstellen.“ Das wird nicht passieren, weil es der Logik des Profits widerspricht – obwohl es total sinnvoll und nötig wäre. Für die Umstellung der Produktion nach den Bedürfnissen der Menschen und auch des Klimas müssen wir gegen die Profitinteressen der Konzerne kämpfen.

UZ: Ihr seht die E-Mobilität nicht als Alternative zum Verbrennungsmotor. Wie könnte eine Konversion aussehen?

Laura Blinz: Für uns ist ein Ingenieur durch das Bosch-Werk gegangen und hat uns Vorschläge gemacht, was man dort für gesellschaftlich nützliche Waren herstellen könnte. Das wären zum Beispiel Wärmepumpen, Teile von medizinischen Geräten oder von E-Fahrrädern.

Auf den Verkehrssektor bezogen, wäre es eine Konversion vor allem hin zum öffentlichen Verkehr. Da geht es nicht darum, absurde Diskussionen zu führen, ob man keine Autos mehr fahren darf. Sondern man muss sich fragen, warum müssen die Leute Auto fahren? Und das liegt daran, dass der öffentliche Verkehr total unterentwickelt und kaputt ist. Die Deutsche Bahn ist da das Paradebeispiel. Von Bussen und so weiter fernab der großen Städte braucht man gar nicht erst anfangen zu reden. Das wären Dinge, die massiv ausgebaut werden müssten. Denn es ist klar, dass man das Straßennetz nicht weiter ausbauen kann. Durch die Flächenversiegelung, durch den CO2-Ausstoß wird uns das sonst ziemlich ungut heimsuchen.

Das muss jetzt passieren und dafür braucht es geschultes Arbeitspersonal. Klimaschutz ist etwas, was nicht von den quatschenden Politikern umgesetzt wird, sondern von den Arbeiterinnen und Arbeitern.

UZ: Arbeiterinnen und Arbeiter begreifen Umweltschutz oft nur als Vorwand ihrer Chefs, die Arbeitsbelastung zu erhöhen, Löhne zu kürzen, und Entlassungen und Werkschließungen durchzusetzen. Was sagt ihr denen?

Laura Blinz: Damit haben sie auch recht! Von der Kapitalseite nimmt man Dinge zusammen, die eigentlich überhaupt nichts miteinander zu tun haben, wie zum Beispiel Klimaschutz und Entlassungen. Bosch schließt das Werk nicht wirklich, sondern will es in die Tschechische Republik auslagern, weil dort die Lohnkosten günstiger sind. Aber gesagt wird, der Grund sei der Klimaschutz. Das ist Quatsch! Auch wenn sie es fortwährend wiederholen, macht es das nicht richtiger.

Die Lüge dient dazu, eine Spaltung zu schaffen. Nicht umsonst verbreiten die Meister der Spaltung – die „Bild“-Zeitung – am lautesten diese Lüge. Aber diese Spaltung gibt es nicht. Der Zusammenschluss der Klimabewegung, die ziemlich groß und stark ist, und der Arbeiterbewegung, also der Bewegung, die durch Streik und so weiter letztendlich die Schlagkraft besitzt, wirklich etwas zu ändern, wäre ein Alptraum für die Kapitalseite. Wenn wir der fortschreitenden Zerstörung der Umwelt wie auch der fortschreitenden Zerstörung jeglicher Arbeiterrechte etwas entgegensetzen wollen, müssen wir zusammen kämpfen.


Erklärung der Bosch-Beschäftigten: Werk erhalten, Produktion umstellen
Wir sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bosch-Werkes in München-Berg am Laim. Teilweise arbeiten wir seit Jahrzehnten in dem Betrieb. Nun wird versucht, uns unter dem Deckmantel des Klimaschutzes auf die Straße zu setzen. Das werden wir nicht hinnehmen. Wir fordern den Erhalt unseres Werkes und die Umstellung der Produktion auf klimafreundliche Produkte.
Der Klimawandel ist eine der größten Bedrohungen unserer Zeit. In vielen Veröffentlichungen hat CEO Volkmar Denner auf die Gefahren durch den Klimawandel hingewiesen. Nun wurde im Juli verkündet, aufgrund der Umstellung auf Elektromobilität sei unser Standort wirtschaftlich nicht mehr rentabel. Deswegen soll das Werk nun geschlossen werden. Durch die wiederholten Aussagen über die Notwendigkeit von Elektromobilität für die Bekämpfung des Klimawandels und die nun hinzugekommene Äußerung, unser Werk sei vom Wandel in der Automobilindustrie „unmittelbar betroffen“, wird versucht es so darzustellen, als sei die Schließung unseres Werks für den Klimaschutz nötig.
Wir wehren uns gegen diesen Versuch, unser Werk unter dem Deckmantel des Klimaschutzes zu schließen, und fordern den Erhalt unseres Standortes und die Umstellung auf eine klimafreundliche Produktion.
Der Versuch, unser Werk nach Nürnberg, Tschechien oder Brasilien zu verlagern, hat nur einen Grund: Man verspricht sich davon größere Profite. Dieser Wunsch und nicht der Klimaschutz steht hinter der Schließung.
Wir haben seit zwölf Jahren auf Teile unseres Lohns und unseres Weihnachtsgeldes verzichtet für das Versprechen, auch in Zukunft hier arbeiten zu können. Dieses Versprechen will Bosch nun brechen. Das werden wir nicht hinnehmen.
Es gibt eine große Palette an Produkten, die hier im Werk hergestellt werden könnten und die für eine klimafreundliche Zukunft nützlich wären. In den letzten Jahren haben wir immer wieder Vorschläge für eine Transformation der Produktion hin zu klimafreundlichen Produkten unterbreitet. Diese wurden von Seiten der Geschäftsführung stets abgeblockt.
Wir fordern hiermit den Erhalt des Werkes und eine Umstellung der Produktion hin zu klimafreundlichen Produkten. Durch den jahrelangen Verzicht auf Teile unseres Gehaltes und die oft jahrzehntelange Arbeit im Betrieb haben wir ein Anrecht auf dieses Werk erhalten. Wir fordern hiermit Bosch auf, das Werk zu erhalten und uns die Möglichkeit zu geben, die Produktion umzustellen.


Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Ein Alptraum für das Kapital", UZ vom 24. September 2021



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