Als vor einem Jahr Gerti Tetzners Roman „Karen W.“ erneut nach seiner Erstveröffentlichung in der DDR 1974 erschien, schrieb ich in einer Rezension von meinen kritischen Einwänden bei der Erstveröffentlichung, kurz gesagt: Zu viel Individualismus, zu wenig gesellschaftliche Verantwortung (siehe UZ vom 11. Juli 2025). Gesehen mit dem Wissen von heute ist der Roman ein Ergebnis des Bitterfelder Weges, ein literarisches historisches Dokument. Die Qualität und Bedeutung zeitlich vergleichbarer Werke von Christa Wolf und Brigitte Reimann hat er nicht.
Nun erscheint der zweite Roman der Autorin „Gegen Wind“, der damals, 1981, als er noch „Die Oase“ heißen sollte, nicht erschien. Wenn man ihn heute liest, wird deutlich, dass die Entscheidung des Verlages damals richtig war, zum Schutz der Autorin ebenso wie zur Verhütung individualistischer Zerrbilder über das sie damals umgebende Leben. Keinesfalls war es ein Abbild der DDR. Ein ahnungsloser Kritiker schrieb, der Roman zeige, „wie es war, damals in der DDR“. Solche Zustände, wie sie der Roman beschreibt, waren die Ausnahme und wurden berechtigt kritisiert.
Der Reihe nach: Es geht um den Kindergarten „Grünes Haus“. Es wird ein Thema berührt, das für die Bildung in der DDR wesentlich ist. Bildung und Erziehung vollzogen sich nach Plänen, die notwendige Voraussetzungen für Schule und Berufsausbildung schufen. Dabei gab es beispielhafte Ergebnisse, von denen heute Universitäten, Berufs- und allgemeinbildende Schulen nur träumen. Für Gerti Tetzner war das „pädagogische Wüste“, womit sie jedes Mitspracherecht vergibt.
Neben den „Beschäftigungen“, geplante Wissensvermittlung, in den Kindergärten blieb genügend Zeit, um individuellen Interessen nachzugehen und sie zu entwickeln, wobei diese immer in Relation zu anderen Interessen zu betrachten waren. Das wurde in Tetzners Roman ausgeschaltet, ja, geradezu verdächtigt. Freiräume für die Kindergärten gab es genug; ich habe das erlebt, als während des Aufbaus von Halle-Neustadt die Kindergärten einfallsreich mit der Gestaltung ihres Umfeldes beschäftigt waren, weil die Gestaltung der Grünflächen und anderes zwar geplant waren, aber in der Wirklichkeit noch fehlten. Ich nenne das deshalb, weil der Roman Gerti Tetzners eine solche Phase beschreibt, es handelt sich um ein Neubaugebiet in Mittelbeck, hinter dem Leipzig gesehen werden kann. Jedoch unterscheidet sich die Beschreibung deutlich von dem, was wir – meine Frau arbeitete als Kindergärtnerin – taten und erlebten.
Der Roman beginnt damit, dass der Erzähler den Diebstahl einer Plastik im öffentlichen Raum verfolgt, beim Abtransport hilft und so mit der Diebin (es handelt sich um die Leiterin des Kindergartens, Kristina, die Hauptgestalt des Romans), ins Gespräch kommt: Die Plastik, weil „unbeachtet“, solle für ihre Kinder sein. Daraus entwickelt sich eine enge Beziehung, der Erzähler wird zum Vertrauten, Kristina eine seiner Geliebten, so weit, so gut. Er wird nun Zeuge des Geschehens in dem Kindergarten, in dem allerdings von planmäßiger Bildung und Erziehung nichts zu spüren ist, weil man doch den Kindern ihre „Freiheit“ lassen will, was auch immer das bedeuten mag.
In einem der behandelten Ereignisse bringt der auffällige Falko ein Schaf um, er hat aber auch „Laternen zerkloppt und Klingeldrähte zerschnitten“. Schuld an diesem Verhalten, bei dem Falko seine Individualität auslebt, ist, dass „die meisten Großgewachsenen“ keine Kraft zum „Widerstehen“ hatten. Kristina duldet und fördert in ihrem Kindergarten ein solches Widerstehen. Das reicht so weit, dass sie ein kindgemäßes Mosaik – ein tanzender und die Eintretenden umarmender Junge, „der teuerste Wandschmuck aller Kinderhäuser der Stadt“ – „entweiht“, mit einer Hartfaserplatte verstellt, auf der die Kinder ihre Bilder malen können, als fände sich dafür kein anderer Platz.
Ein erstes Problem des Romans ist der Erzähler, der ungeeignet erscheint, um ein objektives Bild des Geschehens zu geben. Alles spricht gegen ihn als zuverlässigen Berichterstatter: Der junge Mann ist geschieden, nachdem er seine strebsame und engagierte Frau geschlagen hat, er lebt allein und ziemlich planlos – er lehnt jedes „Studienprogramm“ ab –, läuft „stumm räsonierend im Kreise“ – zu ergänzen wäre: von Kneipe zu Kneipe – und erkennt sogar, dass er „zurückfiel in stumme Blödigkeit“. Bier und Schnaps sind seine Lebenselixiere; er kann als Alkoholiker gelten. Die „planvolle Vorbereitung auf das sogenannte Leben“ bezeichnete er als „Dressur“ und lehnte sie ab. Für seine Verfassung macht er Schulbücher verantwortlich, „die verstümmelten, nutzbetonten Texte“. Frauen „sortierte“ er „in Beischläferinnen, ausgestattet mit sinnlichen Mündern und hinreichend gewölbten Brüsten und Ärschen, und in Kumpelinen“. An weiblichen Wesen interessieren ihn grundsätzlich wehende Röcke – das Bild wird zu einem Stereotyp des Romans – oder „wippende“ oder „rot betuchte“ Brüste – ein weiteres Stereotyp.
Diese und andere Klischees des auch stilistisch wenig ansprechenden Buches kommen daher, dass die Autorin aus der Perspektive eines Mannes erzählen wollte und dass das also die Vorstellungen sind, die die Autorin von der Erzählperspektive eines Mannes hat. Angeregt zu dieser Wahl wurde sie nach eigener Aussage durch Christoph Heins „Der fremde Freund“, in der der Autor die Perspektive einer Frau wählte. Deutlich wird, dass, wenn zwei das Gleiche tun, die Ergebnisse sehr unterschiedlich sein können. Der Erzähler eignet sich keineswegs für das Thema, zumal seine eigene Bildung sehr fragmentarisch ist, seine Fähigkeit zu räsonieren aber umso ausgeprägter. Denkbar wäre er als erzählerische Möglichkeit, ein solches Leben kritisch auszustellen, aber die Autorin macht ihn zu ihrem Sprachrohr.
Die Kritiker sind sich auch nicht einig, wie damals der Verlag mit dem Manuskript umgegangen ist. Einer schreibt, der Lektor habe es „auf den Tisch geknallt, als wolle er sagen, ‚das ist wohl der letzte Dreck‘“. Ein anderer schreibt, der Lektor habe gesagt: „Das ist der letzte Dreck“, und Gerti Tetzner beschreibt, der Lektor „warf es so hin wie: ‚Das ist ja wohl der letzte Dreck‘“. Die Würdigung ihres ersten Romans, trotz der notwendigen Kritik, ist keinesfalls fortzusetzen. Der übersteigerte Individualismus des ersten Romans ist hier in einen zerstörerischen Individualismus gesteigert worden.
Gerti Tetzner
Gegen Wind
Aufbau Verlag, 240 Seiten, 24,70 Euro







