Zu Christine Burgartz „Was zwischen zwei Menschen geschieht“

Ein letztes Kapitel? Ein gescheiterter Versuch

Brigitte Reimanns Erzählung „Ankunft im Alltag“ (1961) gab einer wesentlichen literarischen Epoche in der DDR ihren gültigen Begriff: „Ankunftsliteratur“. Nicht nur durch die eigenen Werke, sondern durch praktische Tätigkeit – in Hoyerswerda begleitete sie den Bitterfelder Weg – war Brigitte Reimann daran beteiligt und engagierte sich für den Sozialismus, den sie wollte. Ihr schriftstellerischer Ruhm hat sich seither verstärkt. Das Frühwerk wie das Spätwerk, vor allem der 1974 erschienene Roman „Franziska Linkerhand“, werden als zutreffende Abbildung der DDR gesehen. Ihre Texte und ihr Handeln waren Ausdruck der Zustimmung zu einer sozialistischen Utopie, begleitet vom Widerstand gegen Bedrohungen dieser Utopie. „Franziska Linkerhand“, Fragment geblieben – Brigitte Reimann starb 1973 – wurde zum Höhepunkt ihres Werkes, aber auch zu einem bedeutsamen Beispiel der Literatur der DDR, weil sich darin das unvollendete Bild des Staates findet. In „Franziska Linkerhand“ treffen sich Wirklichkeitsausschnitte, die die Besonderheit der DDR ausmachten: Der Roman gehört zum Bitterfelder Weg, korrespondiert mit der Bewegung schreibender Arbeiter und verwendet Themen aus ihrem Umkreis: Neubaustädte und Großbetriebe, der Mensch als ihr Beherrscher.

Dazu gehört Brigitte Reimanns Vorstellung von der „sozialistischen Wohnstadt”, in der ethische und künstlerische Werte entwickelt werden sollten. Franziska Linkerhand arbeitet unermüdlich an ihrer „Ideenskizze für meinen Jugendklub”, der sinnfälliger Ausdruck dieser Gemeinschaft werden könnte und Verwirklichung des „Panoramas ihrer Hoffnungen“. – Schon zu Zeiten der DDR war die Schriftstellerin Brigitte Reimann fast eine Legende, als Frau, der viele Affären nachgesagt wurden, und als engagierte und problembewusste Schriftstellerin.

Ihr Ruhm ist nicht weniger geworden, sondern hat sich verstärkt. Ein Höhepunkt wurde 2023 die Biografie Carsten Gansels mit dem bezeichnenden Titel „Ich bin so gierig nach Leben“. Zu überbieten wäre ein solcher Höhepunkt dadurch, dass Brigitte Reimann selbst mit ihren Vorstellungen und Widersprüchen, ihren Absichten und manchem Scheitern zur literarischen Gestalt würde. Nun liegt ein solcher Versuch vor. Die Tochter des letzten, vierten Mannes der Schriftstellerin, Christine Burgartz (geboren 1978), hat sich das vorgenommen. Sie stammt aus einer späteren Ehe des Arztes Rudolf Burgartz, der den letzten Lebensabschnitt der schwer erkrankten Schriftstellerin begleitete. Diese Zeit gehörte auch zur Entstehungszeit des Romans „Franziska Linkerhand“. Den Abschluss verhinderte der Tod. Carsten Gansels Biografie beschreibt dieses Wollen sachlich, eindringlich, erschütternd, Berichte von Freunden einbeziehend. Er stützte sich dabei auch auf die Tagebücher Brigitte Reimanns, die im Dezember 1970 abbrechen. Christine Burgartz setzt an diesem Punkte an und geht davon aus, dass ihr Vater, der Ehemann, diese Tagebücher vernichtet habe. Gründe dafür seien, aus Sicht der Autorin, genügend vorhanden gewesen: Seine Trunksucht, Versuche, Reimann am Schreiben zu hindern, die von ihm verteilten Prügel und vieles mehr sollten nicht bekannt werden.

Wer aber nun erwartet, dass die Autorin den drängenden Fragen Brigitte Reimanns nachgegangen ist, den Roman betreffend, der immer mehr auch zum Abbild zunehmender Widersprüche der gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR wurde, wird enttäuscht. Lediglich über den Krankheitsverlauf Brigitte Reikmanns wird berichtet, über die quälenden strukturellen und inhaltlichen Probleme des Romans und der in ihm abgebildeten Wirklichkeit fällt kein Wort. Während es Brigitte Reimann in der schweren, schmerzgepeinigten letzten Phase ihres Lebens ausschließlich um die Beendigung ihres Romans ging, geht es Christine Burgartz um „alle Frauen auf der Suche nach Befreiung“, wie das Motto des Romans heißt. Um ihrem Motto gerecht zu werden, konfrontiert sie den letzten Kampf der Reimann mit dem Schicksal einer Kristen, die deutlich Züge der Autorin trägt. Diese Kristen wird zur Parallelgestalt von Reimann, beider Schicksale werden miteinander konfrontiert. Beide Frauen leiden zudem unter dem Ehemann Brigitte Reimanns, der auch der Vater von Kristen ist, ein in jeder Hinsicht verabscheuungswürdiger Mensch, der – nach dem Roman – als Arzt „zynisch“, „die Stimmung vergiftend“ mit seinen Mitarbeitern umgeht und auch verantwortlich dafür gemacht wird, dass es mit dem „Linkerhand“-Roman „nur schleppend voran“ ging.

In Gansels Biografie sieht die Beziehung anders, sachlicher aus. An der Konfrontation von Kristens Leben auf die letzte Lebensphase Brigitte Reimanns scheiterte der Roman allerdings, denn das Schicksal von Kristen ist, verglichen mit dem von Reimann, sehr alltäglich, ja in den Beschreibungen des Alltags trivial: Es geht um eine scheinbar große Liebe, die an der Gestaltung eines Gartenhauses zerbricht, nicht um ein Lebenswerk wie „Franziska Linkerhand“ für politisch, literarisch und sozial interessierte Menschen. Inhaltlich werden lediglich – typisch für den Roman – Liebesszenen Franziskas „und dem Geliebten“ oder Beziehungen, die „nahegingen“ angedeutet. Die Autorin nutzt das Ausnahmeschicksal von Reimann und die überzeitliche Bedeutung ihres Werkes, um das durchschnittliche, sehr alltägliche Schicksal von Kristen aufzuwerten. Das allerdings ist fast eine Anmaßung und wird auch nicht dadurch legitimiert, dass die Autorin heute den Nachlass Brigitte Reimanns betreut.

Der Widerspruch zwischen den beiden Schicksalen wird noch auffälliger dadurch, dass dem Roman ein neunseitiger Auszug aus „Franziska Linkerhand“ als Leseprobe beigefügt wird. Da werden dann auch die gestalterischen Unterschiede deutlich, die häufigen Stereotype, die sprachliche Einförmigkeit.

Christine Burgartz
Was zwischen zwei Menschen geschieht
Aufbau Verlag, 193 Seiten, 22 Euro

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"Ein letztes Kapitel? Ein gescheiterter Versuch", UZ vom 6. November 2026



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