Eine Ausstellung zu queerer Kunst in der DDR in Leipzig

Sauer macht lustig

Laut ausgestelltem Protokoll hält der inoffizielle Mitarbeiter „Raymon“ den Maler Egon Wrobel für „eigenartig“, „irre“ und vermutet, er sei bisexuell. Vermutungen, die, wie ungerecht, bigott und falsch sie auch sein mögen, über Künstlerinnen und Künstler damals, heute und vielerorts angestellt werden. Die Kopie des MfS-Berichts von Anfang der 1970er findet sich in der Ausstellung „Queere Kunst in der DDR? Biografien zwischen Underground und Propaganda“, die dieses Jahr im Berliner Mitte-Museum erstmals gezeigt wurde und seit Mitte Oktober nunmehr im Hauptgebäude der Universität Leipzig zu sehen ist. Über den 1939 in Insterburg (seit 1945: Tschernjachowsk) geborenen Egon Wrobel erfahren wir auf der von Stephan Koal verfassten Infotafel von „Wrobels Flucht in die Bundesrepublik und seiner Rückkehr in die DDR“ nichts Näheres. Schon die Wortwahl sagt: In die BRD ist nur Flucht möglich, eine „Rückkehr“ nach dem Rübermachen schwer bis nicht zu fassen. Warum kehrte das Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR in den Sozialismus zurück und kehrte dem Westen wieder den Rücken? (Nach Peter Hacks ließe sich fragen: Warum wählt einer dann doch den unreifen und deshalb sauren Apfel und nicht den von Gammel gesüßten?) Vielleicht findet sich dazu mehr im Ausstellungskatalog vom Distanz-Verlag – der aber kostet 38 Euro. Um in der Bundesrepublik zu Wissen zu gelangen, muss man monetäre Mauern überwinden. Die Freiheit, die sie meinen.

Derlei Irritationen sind in der Ausstellung und ihrer Kontextierung nicht die Einzigen: Birgit Bosold berichtet von der von preußischen Gutsbesitzern abstammenden Bildhauerin Dorothea von Philippsborn (1894–1971), jene „zählt zu den wenigen Bildhauerinnen ihrer Generation, die sich trotz fehlender akademischer Ausbildung, die Frauen bis 1919 verwehrt blieb, in einem stark männlich dominierten Feld als professionelle Künstlerin etablieren konnte“. Nicht eingegangen wird darauf, ob Philippsborns Vorsprung qua Klassenherkunft dazu beigetragen habe, dass sie, anders als etwa bildhauende proletarische Frauen, zu Ansehen als Künstlerin kam. Wenn, wie von der Queer-Theorie gefordert, Privilegien intersektional, also miteinander verschränkt, betrachtet werden sollen, ist auffällig, wie schnell die Klasse gegenüber Geschlecht und sexueller Identität keine Rolle mehr zu spielen scheint. Das Arsenal der Übel einer Klassengesellschaft aber umfasst nun mal nicht nur Unterdrückung und Diskriminierung, sondern die von diesen gestützte Ausbeutung, sei jener Zwang mitunter auch stumm und die dazugehörige Propaganda subtil.

Philippsborns Plastiken wurden während des Faschismus mindestens vierzehn Mal ausgestellt, sie war Mitglied der „Reichskammer der bildenden Künste“ der Nazis. In der DDR lebte sie über Jahrzehnte mit zwei Frauen zusammen – „ein unkonventionelles und jedenfalls nicht heteronormatives Leben“, wie Bosold schreibt und die „subtile Codierung queeren Begehrens“ anmerkt, die sich in den weiblichen Paarakten finden. Ein Ausdruck lesbischen Selbstbewusstseins liegt hier offensichtlich vor – kompatibel mit dem deutschen Faschismus sind die Werke nichtsdestotrotz: Zwar mag die homoerotische Kameradschaft für den Straßenkampf der SA gegen die Kommunisten und den Schützengraben an der Ostfront zuvorderst an den uniformierten Männerbund gerichtet gewesen sein. Kompatibel ist aber auch das brave arische Weibsvolk, für Hausarbeit und Kindergebären von der Natur mit einer robusten Statur versehen, das sich treu zueinander legt und nicht zum Fremden, während der Mann dem Volk den Raum erweitert. Auffällig an den ausgestellten Arbeiten ist dagegen nicht „die Figur der ‚männlichen Frau‘“, wie Bosold schreibt, sondern die doch eher zarten, nicht für den Endsieg in der Küche kämpfenden nackten Frauenkörper, die schmale und wenig nach Gebärfreudigkeit schreiende Hüfte der Bronze „Stehendes Mädchen mit Perlenkette“ (1922-1940). Leider sind die Werke hier nur grob datiert – wahrscheinlich sind sie aber vorrangig vor der DDR entstanden.

Nichtsdestotrotz lohnt es sich, der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Schluss also mit dem Gemecker – direkt nach diesem Lamento: Schade ist es, dass „Zerreißt den Gestellungsbefehl“ (um 1950) von Toni Ebel (1881–1961) nur als Druck auf Postkartengröße in einer der Tischvitrinen zu sehen ist. Ebel wurde 1916 eingezogen und kämpfte an der Westfront, war später aktiv unter anderem in der USPD, galt in der Weimarer Republik als „Transvestit“, unterzog sich 1932 einer geschlechtsangleichenden Operation und floh später mit ihrer jüdischen Partnerin vor den Faschisten nach Prag. Konzentriert wird sich auf Ebels Landschaftsmalereien und späte Selbstporträts.

Die Ausstellung umfasst auch Porträtfotos mit entsprechend großen Zeitkern, aber umso höherer Attraktion: Die hauptberuflich als Hundefriseurin arbeitende Rita „Tommy“ Thomas (1931–2018) zeigt sich ikonisch als Charlie Chaplin und mit Elvis-Tolle auf Motorrad. Andreas Fux’ Fotografien vom Berlin der 1980er geben Schlaglichter auf Subkulturen der damals leider schon späten DDR. Der unreife Apfel kam in die Mülltonne, der faule fault weiter, lässt Razzien gegen Häuser wie das selbstorganisierte queere Gesundheitszentrum Casa Kuà in Berlin durchführen und fordert Kunstverlagen ab, horrende Preise für Ausstellungskataloge zu veranschlagen.

Queere Kunst in der DDR?
Biografien zwischen Underground und Propaganda

Galerie im Neuen Augusteum, Augustusplatz 10, 04109 Leipzig
15. Oktober bis 6. Februar, Di-Fr 14-16 Uhr, Sa 11-14 Uhr
Eintritt frei

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"Sauer macht lustig", UZ vom 30. Oktober 2026



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