Zum Konflikt um Bergkarabach

Ein Krieg für den Sultan

Der US-Senator Hiram Johnson popularisierte zum Ersten Weltkrieg das vom griechischen Philosophen Aischylos produzierte Diktum, dass „das erste Opfer des Krieges die Wahrheit sei“. In diesem Zusammenhang klingen die Aussagen des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew wie blanker Hohn – der behauptete, dass der Angriff der aserbaidschanischen Armee auf das faktisch vom Nachbarland Armenien kontrollierte Gebiet der international von keinem Staat anerkannten „Republik Arzach“ lediglich die Reaktion auf vorausgegangene Provokationen der armenischen Seite darstellten. Eine Kriegslüge, die im nationalistischen Taumel der Achse Ankara-Baku und ihrer massiven, an die Gefühle der „Brudervölker“ appellierenden Propaganda leider auch in weiten Teilen der Arbeiterklasse verfängt – der Sender Gleiwitz, die angeblichen Massenvernichtungswaffen eines Saddam Hussein oder der Golf von Tonkin lassen grüßen.

Fakt ist, seit dem Morgengrauen des 28. September sprechen die Waffen. Dies ist ein trauriger Höhepunkt im historisch langwierigen Konflikt zwischen den beiden ehemaligen Sowjetrepubliken, die todbringende Vehemenz, die Begleitmusik sowie die internationale Konstellation stellen eine qualitativ neue Stufe dar.

Nach Angaben des armenischen Präsidenten Nikol Paschinjan begannen reguläre Einheiten der aserbaidschanischen Armee einen Angriffskrieg auf der gesamten Breite der Demarkationslinie. Dieser wurde von Einheiten der „Republik Arzach“ sowie durch offiziöse Einheiten der armenischen Armee beantwortet. Gekämpft wird um ein Gebiet, welches die Hälfte der Fläche (11.000 Quadratkilometer) des Bundeslandes Hessen umfasst und lediglich 145.000 christliche Karabach-Armenier beherbergt. Kultur, Sprache sowie Religion sind armenisch-christlich dominiert. Zwar stellt das Gebiet im Vergleich zu dem durch karges, unfruchtbares Hügelland gekennzeichneten Nordkaukasus eine fruchtbare Enklave dar, verfügt jedoch über keinerlei nennenswerte Ressourcen oder Rohstoffe. Geostrategisch ist die Region, obwohl in der Flucht zwischen Iran, Russland und den Republiken gelegen, vergleichsweise uninteressant.

Die letzte Eskalation stellt der Krieg nach der Implosion der Sowjetunion dar: Im Jahr 1994 konnte durch die Vermittlung von Moskau der aktuelle Status Quo diplomatisch zementiert werden. Dem vorausgegangen war ein siegreicher Feldzug der armenischen Seite. Schon im Jahr 1988 forderte die damalige Teilrepublik Armenien vom Kreml die Rückgabe der – ihrer Ansicht nach – zu Unrecht entrissenen Gebiete. Die turksprachige Seite pocht seit jeher auf die „territoriale Integrität“ ihres Landes (in diesen Tagen durch die Ukraine und Pakistan gestützt) und weiß das Völkerrecht auf ihrer Seite. Als Vorgeschichte dienen die sowjetischen Gebietsumgestaltungen des Jahres 1922, in dem – nach einem Beschluss der Bolschewiki und in Folge eines Krieges von 1918/1919 zwischen Jerewan und Baku – das Gebiet unter Gewährung weitgehender Autonomie dem muslimisch geprägten Aserbaidschan zugesprochen wurde.

Fernab berechtigter Sorge vor einer Wiederkehr von Vertreibungen muss der Konflikt im Lichte der imperialistischen Scharaden der Türkei gelesen werden. Mitnichten geht es primär um religiöse Zugehörigkeit von Land und Leuten, wenn auch gleich gezielt die anti-armenische Karte gespielt und der Genozid von 1915/16 in Abrede gestellt wird. Sicher ist, dass die Türkei Aserbaidschan getreu dem Motto „Zwei Staaten – ein Volk“ (Präsident Erdogan) diplomatisch, finanziell und militärisch mit „all ihren Ressourcen“ (Verteidigungsminister Akar) zur Seite steht. Diese Entwicklung ist brandgefährlich, denn damit setzt Ankara einen Fuß in die kaukasische Sphäre und bringt seine geostrategischen Widersacher Iran und Russland unter Zugzwang. Deren Reaktion blieb besonnen. Weder Teheran noch Moskau können und wollen sich in Anbetracht ökonomischer Krise und innenpolitischer Fragilität einen Krieg an ihren Landesgrenzen leisten.

Ankaras Kalkül lässt sich aus den imperialistischen Motiven ableiten: Ablenkung von innenpolitischen wie ökonomischen Problemlagen, die Erzwingung von Zugeständnissen im Syrien-Konflikt, die Absicherung des Zugriffs auf die Öl- und Gasvorkommen von Baku, der Ausgleich zu den Konflikten im Mittelmeer oder Syrien sowie eine engere Kopplung an Aserbaidschan. Unter der Anwendung der aus dem Libyen-Krieg bekannten Taktik des Versandes dschihadistischer Mordbrenner gen Armenien wird Feuer an die Lunte des kaukasischen Pulverfasses gelegt. Was bei einer denkbaren direkten Konfrontation zwischen Russland mit seinem Protegé Armenien, dem Pariastaat Iran und dem NATO-Mitglied Türkei droht, ist ein weltumspannendes Schreckensszenario.

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"Ein Krieg für den Sultan", UZ vom 9. Oktober 2020



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