Eine Reise nach Donezk im September 2023

Besuch an der Front

Nach einem Besuch Ende 2019 war ich im September zum ersten Mal seit fast vier Jahren wieder in der Donezker Volksrepublik (DVR). Immer noch sind große Teile der nach einem Referendum im September 2022 zur Russischen Föderation gehörenden Republik von ukrainischen Truppen besetzt. Die Front verläuft nach wie vor ganz nah an der Hauptstadt Donezk. Im Vergleich zu den Jahren 2016 bis 2019, in denen ich mehrfach in Donezk war, hat der Beschuss auf Wohngebiete und zivile Einrichtungen stark zugenommen. Den ganzen Tag über hört man immer wieder Artilleriefeuer. Regelmäßig gibt es Tote und Verletzte.

Kindheit im Krieg

Ich wohne dort bei einer Genossin und einem Genossen der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation in der DVR, die aus der Kommunistischen Partei der DVR entstanden ist, die sich nach dem Referendum 2022 der KPRF angeschlossen hat. Die beiden wohnen in einer sowjetischen Hochhaussiedlung aus den 1980er Jahren im Kiewskij-Bezirk von Donezk, der zu den frontnahen Gebieten der Stadt gehört. Sie parken zum Beispiel ihr Auto stets so, dass es möglichst nicht in Schussrichtung steht, dennoch hat es schon ein paar Schäden durch Geschosssplitter.

Zur Familie gehört ein siebenjähriges Kind. Der Junge erklärt mir gleich nach meiner Ankunft, während er mir sein Spielzeug zeigt und wir das Artilleriefeuer hören, dass das weit weg sei und man nichts tun müsse. Wenn der Beschuss richtig nah ist, erzählt er, muss man ins Treppenhaus gehen, damit man nicht in der Nähe eines Fensters ist – „Wenn das nötig ist, sagen wir dir Bescheid.“

Er ist im zweiten Schuljahr, hat bisher nur Fernunterricht über Video erhalten, weil der Schulbesuch in regelmäßig beschossenen Gebieten einfach zu riskant wäre. Andere Angebote wie beispielsweise Musikschulen oder Sport gibt es aufgrund der Kriegssituation derzeit auch nicht. Auch seine Mutter, Klassenlehrerin einer vierten Klasse, hält jeden Vormittag eine Videokonferenz mit ihrer Klasse ab. Russische Schulbücher gibt es für alle.

Für die Kinder ist die Lage sehr schwierig. Sie haben keinen Kontakt zu Gleichaltrigen in der Schule und es ist auch wegen des ständig möglichen Beschusses nicht möglich, sich einfach draußen zum Spielen zu treffen. Und auch wegen der Gefahr auf – durch internationale Konventionen verbotene – Antipersonenminen zu geraten, die immer wieder von den ukrainischen Streitkräften abgeworfen werden. Dadurch wird auch noch einmal klar, wie wichtig die vielen organisierten Ferienaufenthalte für Kinder aus den neuen Gebieten der Russischen Föderation in den verschiedenen Regionen Russlands sind.

Zerstörte Infrastruktur

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Das Riesenrad steht still, der Park ist menschenleer – zu gefährlich sind die ­ukrainischen Angriffe. (Foto: Standislaw Retinskij und Renate Koppe)

Strom ist kein Problem, Stromausfälle gibt es nur sehr selten. Die Wasserversorgung ist in der DVR schwierig, es gibt laut Zeitplan drei mal pro Woche ein paar Stunden Wasser pro Tag. Momentan funktioniert es sogar etwas besser, während ich dort war, gab es jeden Tag etwa ab 17 Uhr Wasser. Die zentrale Warmwasserversorgung funktioniert jedoch zur Zeit nicht. Bis zum Frühsommer gab es in Donezk und anderen Städten der DVR monatelang überhaupt keine zentrale Wasserversorgung oder nur äußerst sporadisch. Wasser zum Waschen, für die Toiletten und so weiter wurde in Tankwagen gebracht und Trinkwasser bekam man in Flaschen. Auch jetzt noch gibt es in der Wohnung, in der ich zu Gast bin, überall Wasserreserven – es kann gut sein, dass bei Angriffen von Seiten der Ukraine wieder Probleme auftreten können. Auch in einem Baumarkt habe ich einen großen Ständer mit Behältern für Wasserreserven gesehen.

Die zentrale Wasserversorgung über den in den 1950er Jahren gebauten Kanal vom Fluss Sewerskij Donez in den Donbass wurde durch ukrainische Angriffe immer wieder unterbrochen. Schon seit 2014 ist der Kanal von ukrainischen Truppen immer wieder bewusst beschossen worden, damals waren jedoch immer mal wieder während kurzfristiger Feuereinstellungen Reparaturen möglich, auch wenn die Reparaturtrupps häufig unter ukrainischen Feuer gerieten. Diese Reparaturen sind jetzt nicht mehr möglich. Um die fehlende Wasserzufuhr aus dem Sewerskij Donez zu kompensieren, wurde innerhalb eines halben Jahres von der Bauabteilung der russischen Streitkräfte eine Wasserleitung vom Don in den Donbass gebaut, die im Frühsommer 2023 in Betrieb genommen wurde.

Eingeschränktes Leben

Trotz der ständigen ukrainischen Angriffe waren während meiner Besuche in den Jahren 2016 bis 2019 die Parks und Straßen in Donezk immer voller Menschen. Das ist jetzt aufgrund der zunehmenden Angriffe auf die Zivilbevölkerung nicht mehr der Fall. Selbst an einem sonnigen Sonntag war im Schtscherbakow-Park im Zentrum von Donezk sehr wenig Betrieb. Am Spielplatz bleiben wir eine Weile und der Sohn der Familie, die ich besuchte, fand ein paar andere Kinder zum Spielen. Die Cafés, Eisstände und Karussells sind alle geschlossen. Dennoch ist der Park wie auch in den vergangenen Jahren gut gepflegt. Die Wege sind sauber, die Blumenbeete stehen in voller Blüte. Auch die Gedenktafeln (in Fußballform) für die Donezker Fußballer, die im Großen Vaterländischen Krieg gefallen sind, sind sauber und gepflegt.

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Zerstörung in Donezk (Foto: Standislaw Retinskij und Renate Koppe)

Der geringe Besuch hat offensichtliche Gründe, am Abend wurde der Schtscherbakow-Park mehrfach von der ukrainischen Armee beschossen.

Am 8. September war der 80. Jahrestag der Befreiung des Donbass im Großen Vaterländischen Krieg. Aus diesem Anlass fanden in den vergangenen Jahren Konzerte und Kundgebungen in vielen Städten der DVR statt. Dies ist dieses Jahr in Donezk nicht der Fall. Gerade an solchen Erinnerungstagen beschießen die ukrainischen Streitkräfte gezielt Menschenansammlungen und zivile Einrichtungen. So war es auch an diesem 8. September, ebenso am Wahltag am 10. September. Es geht eindeutig darum, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren.

Dennoch wird dieser Tag nicht vergessen. Im Zentrum von Donezk wurde ein Denkmal für die Bergleute, die 1941 bis 1945 den Donbass verteidigt haben, und für die, die dies seit 2014 bis heute tun, eingeweiht. In der Nähe hat jemand an einem Haus eine Sowjetflagge gehisst. Auch die KPRF hat diesen Tag nicht vergessen und an mehreren Stellen im Rahmen des Wahlkampfs zum Volkssowjet Plakattafeln errichtet.

Wiederaufbau

Obwohl in Donezk vieles wiederaufgebaut wird, inzwischen sehr oft mit Hilfe der Patenstadt Moskau, ist im letzten Jahr auch vieles durch den Artillerie- und Raketenbeschuss zerstört worden. Dies betrifft Wohnraum, aber auch viele Geschäfte. So ist der Supermarkt, in dem ich in vergangenen Jahren häufig war, getroffen worden und völlig ausgebrannt, nur eine Ruine ist übrig. Daneben befinden sich noch kleinere Marktstände, die nach wie vor geöffnet sind.

An Marktständen und in Supermärkten ist zu sehen, dass das Angebot an Waren verschiedenster Art trotz des Krieges sehr groß ist. Ein Problem sind die im Vergleich zum übrigen Russland höheren Preise, trotz ständiger Versuche, bei Grundnahrungsmitteln und Treibstoff gegenzusteuern. Dagegen sind Mieten und kommunale Gebühren und der öffentliche Nahverkehr weitaus günstiger als in anderen Teilen Russlands.

Nach wie vor sind viele Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen, die durch den russischen Staat und verschiedene russische Organisationen zur Verfügung gestellt wird. Daran ist die KPRF seit 2014 in großem Ausmaß beteiligt. Im September dieses Jahres hat die Partei den 117. humanitären Konvoi in den Donbass geschickt. Die KPRF vor Ort beteiligt ich an der Verteilung von humanitärer Hilfe an Bedürftige, genauso wie an der Unterstützung der Soldaten an der Front.

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Stimmabgabe bei den Wahlen in der Donezker Volksrepublik (Foto: Standislaw Retinskij und Renate Koppe)

Die Wohnverhältnisse sind für viele Menschen schwierig. Es gibt viel zu wenig Wohnraum und wegen des intensiven Beschusses sind viele Wohnungen in einem schlechten Zustand. Aber es kehren Menschen zurück, die im vergangenen Jahr die Stadt verlassen haben. Trotz der Rückkehrer gibt es in vielen Bereichen einen Mangel an Arbeitskräften. Das betrifft sowohl Lehrer und Ärzte als auch beispielsweise Arbeiter in den kommunalen Bereichen. Das Problem wird durch die im Vergleich zum übrigen Russland immer noch niedrigeren Löhne verschärft und natürlich durch die Kriegssituation, die auch den Wiederaufbau der Industrie erheblich behindert.

An einem Tag habe ich mich mit einer Wissenschaftlerin der Technischen Nationaluniversität, der Leiterin des Fachbereichs Philosophie, getroffen. Im April 2023 habe ich als einzige Teilnehmerin aus einem westlichen Land mit einem schriftlichen Beitrag an einer gesellschaftswissenschaftlichen Konferenz des Fachbereichs teilgenommen. Der Wunsch nach Beteiligung und Kontakten zu fortschrittlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist groß. Studierende gibt es am Fachbereich genug, viele möchten den Donbass nicht verlassen, sondern dort studieren.

Viele Menschen, mit denen ich in Donezk gesprochen haben, haben darum gebeten, dass bei uns über die ukrainische Aggression und deren Folgen berichtet wird. Meine Berichte über die antirussische Propaganda in Deutschland stieß selbst bei Genossen auf Unglauben – es ist für die Bewohner des Donbass schlicht unvorstellbar.

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"Besuch an der Front", UZ vom 29. September 2023



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