Timothy Truckles Abenteuer als Hörspielserie

Ermittlungen im Reich des Bösen

Die Umwelt ist am Ende, das Wasser ist aufgebraucht, die Städte über das Erträgliche hinaus versmogt. Das Leben der Menschen wird bis ins letzte Detail überwacht, die wenigen Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die einen essen Delikatessen, die anderen synthetisch Erzeugtes. Und mittendrin: Timothy Truckle, Privatdetektiv für die Reichen und Mächtigen, aber mit dem Herz am rechten Fleck und der richtigen Haltung zu alledem.

Bei der Nennung des Namens des im Chicago einer unangenehmen Zukunft ermittelnden Privatdetektivs schlagen die Herzen von Science-Fiction- wie von Krimi-Fans gleichermaßen höher. Leider ist dies keine Rezension über neue Folgen der von Gert Prokop verfassten und in der DDR in den 1970er Jahren erstmals unter dem Titel „Wer stiehlt schon Unterschenkel“ erschienenen Serie. (Siehe UZ vom 18. Dezember 2020) Aber es gibt eine Hörspielfassung. Und die 10 Folgen lohnen sich.

In der hervorragenden, von Katrin Wenzel als Hörspiel bearbeiteten Fassung spielt sich ein wunderbares Ensemble unter der Regie von Wolfgang Seesko munter in das Chicago des 21. Jahrhunderts und die Zuhörerinnen und Zuhörer können das entdecken, was die Science Fiction als Genre so großartig machen kann: Man ist in einer Geschichte, die in der Vergangenheit geschrieben wurde, die in der Zukunft spielt und uns doch die Gegenwart erklärt. Denn der Staat, den Timothy Truckle im „Nebraska“erträgt, dem Mega-Hochhaus, in dem er lebt, ist nur wenige Schritte von den heutigen USA entfernt.

Matthias Matschke, der Timothy Truckle spricht, gibt dem Detektiv, der für die Reichen ermittelt, aber für den „Untergrund“ arbeitet, eine angenehme, nicht überzogene Tiefe. Valery Tscheplanowa als der Große Bruder beziehungsweise Anne vermittelt gleichzeitig gerechte Empörung über den Zustand der Welt und eine coole Abgezocktheit. Bernhard Schütz gibt einen Erzähler, wie er in ein anständiges Hörspiel gehört. Und dann ist da noch Jens Wawrczeck als Napoleon, Truckles Super-Computer. Gerade so viel verzerrt, dass man eine Maschine identifiziert, und so wenig, dass man Wawrczecks Stimme erkennt. Er legt eine Arroganz in Napoleon, dass es eine Wonne ist, den Dialogen zwischen ihm und Truckle zu lauschen.

Ansonsten sind in den zehn Folgen die bewährten Geschichten von Timothy Truckle zu hören. Man folgt ihm zu den Big Bossen, die sich in der untergehenden Welt des Kapitalismus ihre Ecken gesucht haben, um bis zuletzt Profite abzuschöpfen, und ist ganz nah dran an den Verbrechen der Gegenwart, wie der Marktmanipulation der Pharmakonzerne, die doch viel lieber an Kranken verdienen anstatt zu ihrer Heilung beizutragen. Leider wird es keine weiteren Folgen geben. Autor Gert Prokop starb bereits 1994, und anders als bei anderen Schriftstellern hat sich niemand des Erbes angenommen und den DDR-Hit weitergeschrieben. Ob es allerdings jemandem so gelungen wäre wie Prokop, die ganze Schlechtheit des Kapitalismus in skurrilen Geschichten wie der vom „Samenbankraub“ zu verpacken, ist fraglich. Also doch lieber die Hörspielfassung auf die Ohren. Die lohnt sich wirklich. Nicht nur politisch. Aber auch.

Timothy Truckle ermittelt
Nach den Kurzgeschichten von Gert Prokop
Mit: Matthias Matschke, Jens Wawrczeck, Valery Tscheplanowa, Bernhard Schütz und anderen
Bearbeitung: Katrin Wenzel
Regie: Wolfgang Seesko
Verfügbar bis 6. Mai 2027 bei ARD Sounds

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"Ermittlungen im Reich des Bösen", UZ vom 22. Mai 2026



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