Die Todeszone drängt zum Pragmatismus. So lässt sich vielleicht erklären, dass der unidentifizierte Leichnam eines Bergsteigers, der fast 20 Jahre lang in 8.500 Meter Höhe an der Nordroute des Mount Everest lag, von den vorbeiziehenden Abenteurern schlicht „Green Boots“ genannt wurde. Denn die in den Pfad ragenden neongrünen Stiefel des mit dem Kopf in einer kleinen Felsmulde liegenden Verunglückten dienten seinen Nachfolgern als Wegmarke. Wer an „Green Boots“ vorbeiging, lief richtig. Mehr gab es über ihn nicht zu wissen. Aus dem erfrorenen Menschen war eine Navigationshilfe geworden.
Höchstwahrscheinlich handelte es sich bei „Green Boots“ um den indischen Bergsteiger Tsewang Paljor, der im Mai 1996 als Teil einer Expedition der paramilitärischen indischen Polizeieinheit Indo-Tibetan Border Police (ITBP) aufgebrochen war, um die nördliche Seite des Berges mit Seilen abzusichern. Am 10. Mai gerieten die Bergsteiger nach einem plötzlichen Wetterumschwung in einen katastrophalen Sturm. Drei Mitglieder der Gruppe entschieden sich, abzusteigen. Drei weitere versuchten den Gipfelaufstieg. Keiner von ihnen kam zurück.
Der Schneesturm, der die drei indischen Bergsteiger auf der tibetanischen Seite das Leben kostete, traf auf dem Südhang des Berges auf Scharen von wohlhabenden westlichen Touristen, die sich die Chance, den höchsten Berg der Erde zu besteigen, teuer erkauft hatten. Während die Inder brav mit aufgezählt werden, wenn über die Opfer des großen Everest-Desasters von 1996 berichtet wird, spielen die kommerziell organisierten Freizeitbergsteiger auf der nepalesischen Seite hierzulande stets die Hauptrolle. In zahlreichen Dokumentationen, Büchern, sogar in einem Hollywoodfilm wird minutiös rekonstruiert, was mit den Teilnehmern der Reiseveranstalter „Mountain Madness“ und „Adventure Consultants“ geschah. Von den Streitereien bei der Befestigung von Fixseilen über den Stau auf dem vollkommen überfüllten Gipfelgrat und die Fehlentscheidungen der Tourleiter bis zu dem grausamen Sturm, der die Sichtweite auf Null reduzierte. Fünf Teilnehmer und Bergführer verloren ihr Leben, darunter auch der US-amerikanische Chef von „Mountain Madness“, Scott Fischer, sowie der neuseeländische Expeditionsleiter Rob Hall („Adventure Consultants“). Zahlreiche weitere erlitten schwerste Erfrierungen.
Weniger intensiv wird über diejenigen berichtet, die keine 65.000 US-Dollar übrig hatten, um sich ein Ticket bei einem großen Reiseveranstalter zu kaufen. Über diejenigen, die nicht Selbstüberschätzung und Gipfelfieber, sondern der schlichte Überlebenskampf an den Berg führte und bis heute führt. Etwa 40 Prozent der Menschen, die im vergangenen Jahrhundert auf dem Everest gestorben sind, gehörten zum Volk der Sherpa. Sie werden von westlichen Expeditionen rekrutiert und als Bergführer, vor allem aber als Lastenträger und Arbeiter am Berg eingesetzt. Ihnen kommt die Aufgabe zu, schwierige Abschnitte zu sichern, Seile zu befestigen und Leitern aufzustellen, um die Südroute in eine „Autobahn“ zum Gipfel zu verwandeln, die auch von ungeübten Touristen bezwungen werden kann. Die Bezahlung liegt bei etwa einem Fünftel des Einkommens der Bergführer aus dem Westen. Dafür werden den Sherpas die gefährlichsten Aufgaben übertragen. Allein am 18. April 2014 starben 16 Sherpas bei der Sicherung eines Gletschers durch eine Lawine. Die Bestseller-Veröffentlichungen und Verfilmungen des Unglücks lassen bis heute auf sich warten.
Das Unglück von 1996 ist also keineswegs die größte Everest-Katastrophe der Geschichte, wie gelegentlich kolportiert wird. Und sie begann auch nicht erst mit dem Schneesturm am 10. Mai. Ihr erstes Opfer produzierte die von Scott Fischer angeführte „Mountain Madness“-Tour schon zuvor.
Ende April erkrankte der 38-jährige Sherpa Ngawang Topche bei Arbeiten auf dem Berg an einem lebensgefährlichen Höhenlungenödem. Wahrscheinlich aus Angst, nicht wieder angeheuert zu werden, stieg Ngawang jedoch nicht sofort ab. Stattdessen schleppte sich der Sherpa in eines der Camps auf dem Berg und brach dort zusammen. Ngawang wurde ins Basiscamp am Fuße des Berges getragen. Wenn Ngawang atmete, klang es, als würde jemand „Milchshake mit einem Strohhalm vom Boden des Glases schlürfen“, berichtete ein Teilnehmer. Die Atemmaske des Sherpas war immer wieder voller Blut. Expeditionsleiter Scott Fischer sah dennoch keine Notwendigkeit, den schwerkranken Sherpa mit einem Hubschrauber nach Kathmandu bringen zu lassen. Statt des etwa 5.000 bis 10.000 US-Dollar teuren Transportes wurde entschieden, Ngawang zu Fuß ins Tal zu bringen. Das Vorhaben scheiterte und der Sherpa musste im Basislager ausharren, bis ein herbeigerufener Arzt den Helikoptertransport anordnete. Doch es war zu spät. Ngawang Topche hatte irreversible Hirnschäden erlitten und kam nie wieder ganz zu sich. Er starb am 10. Juni 1996.
Im Helikopter wurde der sterbenskranke Arbeiter von seinem Neffen Lopsang Jangbu Sherpa begleitet. Lopsang war ein junger Bergführer und zweifellos einer der stärksten Bergsteiger in Fischers Team. Um seinen Onkel ins Krankenhaus zu bringen, musste Lopsang die eigene Akklimatisierung unterbrechen. Eine Entscheidung mit möglicherweise fatalen Auswirkungen. Denn als Fischers Tour mit dem Aufstieg begann, kamen reihenweise schwere Arbeiten auf Lopsang zu. Er musste neben seinem normalen Gepäck auch das Satellitentelefon der US-amerikanischen Multimillionärin Sandy Pittman bis auf das höchste Camp schleppen. Etwas mehr als 30 Kilogramm zusätzliches Gewicht bei enormer körperlicher Belastung in der Todeszone. Pittman war eine eher durchschnittliche Bergsteigerin, aber auch ein Medienstar. Sie hatte verkündet, die jeweils höchsten Gipfel aller sieben Kontinente besteigen zu wollen. Mit dem Satellitentelefon wollte sie auch während des gesamten Anstiegs Kontakt zur US-Klatschpresse halten, um ihre Geschichte zu vermarkten. Dass es ausgerechnet vom fähigsten Kletterer der Expedition getragen werden musste, rächte sich am Gipfeltag. Lopsang konnte das Telefon nun zwar im Camp lassen, musste jedoch die geschwächte Pittman selbst ans kurze Seil nehmen und den Berg hinaufzerren.
Er kam erst spät am Gipfel an, was nach der Katastrophe zu massiven Schuldvorwürfen führte. Denn Lopsang sollte zusammen mit einem Sherpa der anderen Reisegruppe die Fixseile am schwierigen Aufstieg knapp unterhalb des Gipfels anbringen. Lopsang habe „den Blick dafür verloren, was seine Aufgabe war“, würde ein anderer Bergführer im Nachgang behaupten und den Sherpa zu einem der Hauptschuldigen für das Unglück machen. Lopsang führte später aus, er habe sich um Pittman (die überlebte) und andere Teilnehmer gekümmert. Schließlich seien zwei andere Bergführer vor ihm gegangen. „In meiner Gruppe waren zwei Bergführer, die erheblich mehr Geld bekamen als ich.“ Die Annahme, dass „diese starken Profis darauf warten würden, dass ich komme und die Seile befestige, erschien mir lächerlich“. Lopsang erreichte mit Pittman den Gipfel, und wartete dort ohne zusätzlichen Sauerstoff rund drei Stunden auf den Rest seiner Reisegruppe. Beim Abstieg sollte er sieben Stunden lang versuchen, seinen erheblich geschwächten Chef Scott Fischer durch den inzwischen aufgezogenen Schneesturm den Berg hinunterzutragen. Lopsang Jangbu Sherpa überlebte das Unglück im Mai 1996. Er kam jedoch wenige Monate später bei einem Lawinenabgang ums Leben, als er eine japanische Expedition auf den Everest führen sollte.
Dem Tourismus auf dem Everest tat das Unglück von 1996 keinen Abbruch. Immer noch bilden sich Staus in der Todeszone, strömen Massen nicht ausreichend trainierter Bergsteiger auf den Everest, vermüllen das Gebiet und ruhen sich auf der Arbeit der Sherpas aus. Sie folgen Agenturen, die den Gipfel für bis zu 100.000 US-Dollar pro Aufstieg als Luxusevent verkaufen. Nur auf eine kleine Hilfestellung müssen sie inzwischen verzichten. Nach fast 20 Jahren entfernte ein chinesisches Kletterteam „Green Boots“ aus seiner Felsmulde und bestattete ihn an einem weniger exponierten Ort. Aus dem Wegweiser ist wieder ein Mensch geworden. Aber es gibt genug andere, noch lebende Mahnmale im Wartestand.









