Die Dialektik von Internationalismus und nationaler Frage in Alfred Kosings neuem Buch

Fundierte Denkanstöße zu einer schwelenden Auseinandersetzung

Alfred Kosing
Haben Nation und Nationalstaat eine Zukunft? Ein Beitrag zur marxis­tischen Nationstheorie
Verlag am Park, Berlin 2019
687 Seiten, 25 Euro.

Haben Nation und Nationalstaat eine Zukunft?“ Diese Frage beantwortet der bekannte und auf dem Gebiet der Nationenforschung versierte DDR-Philosoph Alfred Kosing in seinem gleichnamigen, kürzlich erschienenen Buch mit einem eindeutigen Ja. Er greift damit erneut ein politisch brisantes Thema auf, setzt sich mit manchem Einwand auseinander und unternimmt den erfolgreichen Versuch, „die Summe aller im Laufe der Jahre gesammelten Kenntnisse und Einsichten zu einer umfassenden und konsistenten marxistischen Theorie der Nation zusammenzuführen, die sich auf eine empirisch historische Grundlage stützt und organisch in die materialistische Geschichtsauffassung einfügt“. Ein Standardwerk wird vorgelegt, das „Erkenntnisgewinn“ bezweckt, „bisherige Defizite“ in der Argumentation auszugleichen versucht, Fehler korrigiert und offene Probleme erörtert.

Einleitend behandelt der Autor Probleme des inzwischen Geschichte gewordenen Umwandlungsprozesses der Nation in der DDR. Die hier gesammelten Erfahrungen dürften von großer Bedeutung sein. Auf die Dauer konnte die Nation, die als Entwicklungsform der sozialistischen Gesellschaft wirkte, nicht mehr „eine einheitliche Nation von gleichartigem Charakter oder sozialem Typ“ bleiben. Rückblickend erweise sich aber, dass eine grundsätzlich richtige Position den „schwerwiegenden Fehler hatte“, die sozialistische Nation als fertig ausgebildet anzusehen, weil die sozialistische Gesellschaft in der DDR als im Wesentlichen vollendet galt, ohne dass sie es wirklich war. Kosing macht bereits an diesem Beispiel deutlich, dass es ihm um den Zusammenhang von Gesellschaftstheorie (Klassentheorie) und Nationentheorie geht. So geht es ihm auch darum, die Statik und Dogmatik des bekannten Nationenbegriffes von Stalin zu überwinden, den er als eine „eklektische Vereinigung“ einer Summe von Merkmalen versteht. Hier wird keine „Stalinkeule“ geschwungen, sondern wissenschaftlich exakt argumentiert. Diese Argumentation umfasst mehrere hundert Seiten.
Kosings materialistisch-dialektisches Vorgehen überzeugt. In neun Kapiteln entwickelt er den marxistischen Nationenbegriff und die marxistische Nationentheorie. Dem historischen Exkurs zum Begriff und zur Theorie der Nation nicht nur bei Marx, Engels und Lenin folgen Fragen der Vorgeschichte der modernen Nation, Grundlagen und Triebkräfte der Nationsbildung, Fragen der Nationsbildung in Ost- und Südosteuropa, Faktoren der Nationsbildung, Wesen und geschichtliche Rolle der Nation, die Analyse der Legenden um die Europäische Union und die Realität der Nationen, die nationale Frage im Nahen Osten sowie Fragen der Nationsbildung in anderen Kontinenten. Der Autor ist stets bemüht, Theorie und Empirie in Einklang zu bringen, ohne beide gegeneinander aufzurechnen. Er macht ein reichhaltiges und sorgfältig gesammeltes Tatsachenmaterial zur Grundlage seiner philosophisch-theoretischen Abhandlung.

Zu den Kernaussagen des Buches gehören: Die Tendenz der Nationenbildung steht in Wechselwirkung mit der Tendenz zur Internationalisierung. Bei der Nation handelt es sich um eine geschichtliche (also auch vergängliche) „Vergesellschaftungs- und Entwicklungsform“ – ursprünglich der kapitalistischen Gesellschaft. Die Nationenbildung kann niemals weiter sein als der in der Entwicklung der Produktivkräfte angelegte gesellschaftliche Fortschritt. Alfred Kosing benennt vier wichtige Merkmale der Nation und ihres Nationalstaates: „Die Nation ist erstens die charakteristische soziale Einheit, in der die kapitalistische Gesellschaft existiert, und der Nationalstaat ist in der Regel ihre politische Organisationsform.“ Sie ist damit aber auch keine „echte Solidargemeinschaft“, die die Klassengegensätze aufhebt. Zweitens bilde die Nation eine „sekundäre, von der Gesellschaftsformation abgeleitete und diese zugleich spezifizierende Form der Vergesellschaftung des Menschen, die in verschiedene Typen“ unterschieden werden kann. Die Nation sei drittens, so der Autor, ein „sehr komplexes und vielschichtiges gesellschaftliches Phänomen sui generis“. Ökonomische, soziale und politische Beziehungen können unter ganz bestimmten Bedingungen den Charakter nationaler Beziehungen annehmen. Ethnizität und in langen Zeiträumen gewachsene Bindungen an das heimatliche Territorium spielen dabei eine bedeutende Rolle. Viertens ginge es darum, dass das Wesen der Nation nicht als besondere materielle Wesenheit außerhalb der gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus zu suchen sei, sondern in diesen selbst und durch sie vermittelt existiert. Nationale Identität sei so ein „Attribut der objektiv real existierenden Nation und ihrer Angehörigen“. So ist die Nation im gesellschaftlichen Sein und gesellschaftlichen Bewusstsein präsent.

Die wohl gravierendste Schlussfolgerung des ganzen Buches, die sich insbesondere auch aus Kosings Auseinandersetzung mit der Europa-Ideologie als falschem Bewusstsein nicht nur der Linkspartei ergibt, besteht darin: „Manche halten Bekundungen von nationaler Gleichgültigkeit oder gar von nationalem Nihilismus für eine Ausdrucksform des Internationalismus und das Eintreten für nationale Interessen für nationalistisch. Doch das ist ein fundamentaler Irrtum und eine sehr oberflächliche Sichtweise. Denn der Internationalismus der Sozialisten beruht in keiner Weise auf der Negation von Nation und nationalen Interessen, sondern verbindet Nationales und Internationales sowohl in der Ideologie als auch in der Politik zu einer dialektischen, also widerspruchsvollen Einheit. Ein abstrakter ‚reiner‘ Internationalismus, der keinen nationalen Boden besitzt, ist haltlos …“ Diese für jeden Marxisten-Leninisten grundlegende Orientierung sei auch den sogenannten „Antideutschen“ ins Stammbuch geschrieben.

Das Buch von Alfred Kosing, ein Fazit lebenslangen Nachdenkens, ist ein wertvoller Beitrag zur „Erneuerung der marxistischen Nationentheorie“. Der Autor betrachtet es nicht als abgeschlossen. Es vermittelt viele Denkanstöße und darf als sehr hilfreich in der aktuellen Debatte um Nation und Nationalstaat, Internationalismus, Patriotismus und Nationalismus angesehen werden. Ein anderer Rezensent sprach kürzlich davon, dass Kosings Buch das Zeug habe, „zum Klassiker einer marxistischen Nationentheorie zu werden“. Diesem Urteil kann ich mich nur anschließen und empfehle das Buch wärmstens.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Fundierte Denkanstöße zu einer schwelenden Auseinandersetzung", UZ vom 3. April 2020



Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Stern aus.

Vorherige

„Ade, mein Land Tirol“

Hilfe, die Chinesen helfen!

Nächste

Das könnte sie auch interessieren